Kreuzberg - Wohl wenige Plätze in Berlin zeigen die Zerrissenheit der Stadt so exemplarisch wie der Oranienplatz in Kreuzberg. Einerseits ist er das Zentrum des widerspenstigen Kiezes. Andererseits verändert sich der Oranienplatz – und damit Kreuzberg – seit Jahren massiv. Alteingesessene Bewohner und Gewerbetreibende werden immer öfter durch Mieterhöhungen vertrieben. Der Oranienplatz ist der Prototyp für die Gentrifizierung in Berlin.

Denkerei in Kreuzberg muss raus

Nun erwischt es Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung an der Bergischen Universität Wuppertal. Siebeneinhalb Jahre hat Brock am Oranienplatz das Kulturzentrum Denkerei geführt, einen Raum für Lesungen, Seminare und Ausstellungen. Brock verfügt über ein dichtes Netzwerk von Wissenschaftlern und Künstlern. Ihnen bot er einen Platz zum Austausch, ohne dabei auf Gewinnmaximierung aus zu sein. Jetzt wurde ihm der Mietvertrag gekündigt – spätestens Ende April 2019 muss der 82-Jährige ausziehen.

Noch steht nicht endgültig fest, wer Nachmieter wird. Denkbar sind Start-ups, sagt der Vermieter, keinesfalls solle es Gastronomie oder Textil-Einzelhandel werden. Zwischenzeitlich hatte der Filialist H&M Interesse bekundet. „Das mache ich auf keinen Fall“, sagt Vermieter Dietrich von Boetticher, er wolle die vielen Restaurants und kleinen Klamottenläden in der Oranienstraße nicht gefährden.

Dietrich von Boetticher besitzt auch das Hotel Orania

Vermieter Dietrich von Boetticher ist Spross eines Adelsgeschlechts, das einen Urahn im 15. Jahrhundert vorweisen kann. Der Wirtschaftsanwalt aus München ist nicht nur Inhaber des Gestüts Ammerland am Starnberger See im Alpenvorland, sondern auch Besitzer des Hotels Orania am Oranienplatz. Seit der Eröffnung voriges Jahr wurde das schick sanierte Jugendstilhaus rund ein Dutzend Mal angegriffen und beschädigt, mal flogen Farbbeutel, mal Steine. Gegen sie half nicht mal das Panzerglas.

Dabei hatte Orania-Hotelier Dietmar Müller-Elmau, Betreiber auch des Hotels Schloss Elmau in Bayern und vor drei Jahren Gastgeber des G7-Gipfels, so von der Herausforderung Kreuzberg geschwärmt. Er wolle „die hereinholen, die hier wohnen“, sagte er. Doch kurz nach Eröffnung tauchten Plakate mit Müller-Elmaus Gesicht auf. Darauf stand: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“

Von Boetticher kaufte auch Verlage

Wie viele andere hatte auch der Denker Bazon Brock die Konfrontation vorhergesehen. Sein Vermieter wolle mit der Kündigung nur sein Hotel aufwerten. Dahinter stecke, so Brock, ohnehin nur eine Idee: „Durch die Mieterhöhungen wird das Wohnquartier hier systematisch ruiniert und kaputtgemacht.“

Dietrich von Boetticher stellt die Situation natürlich anders dar. Er sehe sich nicht als Gentrifizierer, als Zerstörer von Strukturen. Nicht einmal beim Orania sei das sein Plan gewesen. „Ich habe wirklich gedacht, dass es in den Kiez passen würde. Ich habe nicht gesehen, dass es ihn verändert.“ Dass man mit so einem Hotel andere animieren könnte, in ihren Immobilien höhere Mieten zu verlangen, habe er nicht bedacht.

Fragt sich, ob man Dietrich von Boetticher so viel Unbedarftheit abnehmen kann. Denn der Mann sollte sich in Berlin auskennen. Bereits in den 90er-Jahren tauchte er in der Nachwende-Metropole auf. Er kaufte Volk + Welt, einst der zweitgrößte belletristische Verlag der DDR. Kurz darauf ließ er ihn in seiner zweiten verlegerischen Unternehmung, dem Luchterhand-Verlag, aufgehen.

1995 kaufte Boetticher 75 Prozent der Wochenpost, eine hochangesehene, aber schwer defizitäre Zeitung – erschienen im Berliner Verlag. Boettichers Engagement hielt nur kurz. Im Mai 1996 wurde die Wochenpost eingestellt, die 55 Beschäftigten landeten auf der Straße. „Vom Retter zum Totengräber“ titelte die taz. Den Luchterhand-Verlag verkaufte Boetticher 2001 an die Verlagsgruppe Random House.

Die vielfältigen Erfahrungen hielten Dietrich von Boetticher 2014 nicht davon ab, in die marode Münchner Abendzeitung (AZ) zu investieren, lange Zeit ein Beispiel gutgemachten Boulevard-Journalismus’. Bis heute ist er Herausgeber des Blatts.