Alte Lokomotiven und Waggons stehen auf dem Freigelände vor der Reparaturwerkstatt der Baltic Port Services GmbH (BPS). 
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Sassnitz-MukranIn Sassnitz-Mukran auf Rügen arbeiten zwei Dutzend Leute mit Lust an alten Loks. Sie reparieren Lokomotiven, Güterwaggons und Reisezugwagen, die Mitte der 1970er-Jahre gebaut wurden. Aus Sicht der deutschen Eisenbahnen steht die Reparaturwerkstatt der Baltic Port Services GmbH (BPS) am Ende der Welt. 

Als die Deutsche Reichsbahn die Werkstatt 1986 eröffnete, sollte der Eisenbahnfährhafen Mukran ein Tor zur Welt werden. Die Werkstatt diente allein dem Umsetzen von Breitspur-Zügen aus der Sowjetunion auf die im restlichen Europa übliche Normalspur und umgekehrt.

In der Werkstatt wurden zu DDR-Zeiten Schienenfahrzeuge von der 1520 Millimeter breiten russischen Breitspur auf das im restlichen Europa übliche Normalgleis umgespurt.
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2015 brach der Eisenbahnfährverkehr zusammen. Die Umspurwerkstatt stand ohne Arbeit da, erinnert sich BPS-Geschäftsführer Ulrich Rudler. Sie war erst 2014 von dem heutigen Unternehmen Enon mit Sitz im brandenburgischen Putlitz übernommen worden. Enon betreibt heute fünf Werkstätten in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

In Mukran ging es damals nur um drei Mitarbeiter, aber die konnten Loks und Güterwagen reparieren. „Jedes Eisenbahnfahrzeug muss alle sechs Jahre zur Hauptuntersuchung in die Werkstatt, spätestens alle acht Jahre“, sagt Rudler. Zunächst wurden Fahrzeuge des eigenen Unternehmens instandgesetzt. Dann fand der heute 54-Jährige eine weitere Nische mit kleinen Eisenbahngesellschaften, die alte Technik günstig kaufen und aufarbeiten lassen wollten.

Die Deutsche Bahn AG nutzt das Hafengelände für ihr sogenanntes Stillstandsmanagement. Alte Fahrzeuge oder solche, die gerade nicht gebraucht werden, stehen auf Gleisen, die ebenfalls nicht mehr gebraucht werden. Kunden, die dort kaufen, lassen ihre Neuerwerbungen manchmal gleich in der Nachbarschaft bei BPS aufarbeiten.

Liebhaber von Altbau-Loks

Zu den Stammkunden gehört die Firma Schlünß Eisenbahn Logistik (SEL) aus der Nähe von Neumünster in Schleswig-Holstein. Geschäftsführer und Inhaber ist Martin Schlünß, über den Rudler sagt: „Er ist ein Liebhaber von Altbau-Loks.“ Das Unternehmen SEL kauft alte Fahrzeuge, um mit ihnen selbst Transporte zu erledigen oder sie an kleine Bahn-Unternehmen zu vermieten.

„Wir werden nie die neuen Loks haben“, bestätigt Schlünß. Die Fahrzeuge aus den 1970er-Jahren seien robust und zuverlässig und hätten keine Elektronik-Probleme. „Die Elektronik ist noch nicht ausgereift“, befindet er. Die alten Loks bieten den Lokführern zwar weniger Komfort, aber einige hätten damals schon Klimaanlagen gehabt, bei anderen könnten sie nachgerüstet werden.

Auch finanziell lohnt es sich, auf Gebrauchtfahrzeuge zurückzugreifen. Die Kosten für eine aufgearbeitete Lok belaufen sich auf ein Viertel einer Neuanschaffung, erläutern beide Eisenbahner.

Eine Elektrolokomotive der Baureihe 140 aus dem Baujahr 1972.
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Besonders stolz ist Schlünß auf seine vier Elektro-Loks der Baureihe 181. Von der einstigen Kleinserie, die bei Krupp in Essen und AEG in Berlin gebaut wurde, existieren heute noch acht von einst 29 Loks. Zwei seien bereits im Museum, zwei weitere stünden noch zum Verkauf, sagt Rudler. Die ersten beiden Loks sind rot-weiß und leuchtend blau lackiert an SEL ausgeliefert. „Eine ist langfristig an die Nordliner Eisenbahngesellschaft Hannover vermietet, mit einer fahren wir Gütertransporte“, zählt Schlünß auf.

Das sei auch für die dritte Lok vorgesehen, die noch in Mukran steht. An ihr arbeiten Schlosser Leo Weiß und Werkstattleiter Jens Wolters. 18 Fahrzeugschlosser sind in der Werkstatt beschäftigt. Die Lok ist eher untypisch elfenbein- und türkisfarben lackiert. Schlünß legt Wert auf eine gute Optik. Gerade im Personenverkehr zahle sich das aus, meint er. Dort werde vielleicht die vierte Lok der 181er-Baureihe eingesetzt.

Werkstattleiter Jens Wolters fährt eine Elektrolokomotive der Baureihe 140 aus dem Baujahr 1972 nach der Hauptuntersuchung bei einer Probefahrt über das Gleisnetz der Hafenbahn.
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Unter freiem Himmel wartet ein Partywagen des Luxuszuges Rheingold mit der originalen Innenausstattung der 1960er-Jahre auf seine Wiederaufarbeitung, instandgesetzte Güterwagen stehen zur Abnahme bereit. Andere Waggons und Loks sind zum Ausschlachten da. Die Ersatzteilbeschaffung sei ein großes Thema, sagt Rudler: „Die alten Bauteile haben keine SAP-Nummer zum Bestellen.“ Wichtig sei daher eine gute Vernetzung in der Branche. Zudem lobt er die Kunst seiner Mitarbeiter, zu improvisieren und trotzdem Termine einzuhalten. Vier bis sechs Loks werden jährlich instandgesetzt.