Berlin - Jeder fünfte Pankower hat eine Migrationsgeschichte aus jüngerer Zeit zu erzählen – nähme man die Kowalewskis und Krajinskis hinzu, die im 19. Jahrhundert von Osten auf Arbeitssuche in das rasant wachsende Berlin zuwanderten, müsste man die Zahl viel höher ansetzen.

Das Museum Pankow wendet sich jetzt mit einer Ausstellung zur Migration in den Bezirk jenen Menschen zu, die in den vergangenen Jahrzehnten oder erst jüngst hier eine Heimat fanden. Sie wurde am Dienstag eröffnet.

Zudem müsse man jetzt mit der Historisierung der Flüchtlingskrise beginnen, sagte Museumsleiter Bernt Roder bei der gut besuchten Zeremonie. Wer wisse denn heute noch, wie viele Menschen in wie vielen Notunterkünften unter welchen Umständen empfangen wurden und lebten?

Neu-Pankower kommen inzwischen aus der ganzen Welt

Die kleine Schau geht einen ersten Schritt zu umfangreicherer Betrachtung. Eine Veranstaltungsreihe wird sich vertiefend mit der Spezifik einzelner Herkunftsgruppen befassen (siehe Infobox).

Schon der erste Blick beim Betreten des Ausstellungsraumes zeigt: Die Neu-Pankower kommen inzwischen aus der ganzen Welt. Sie sind als vietnamesische Vertragsarbeiter in den 1980er-Jahren eingetroffen, als Arbeitsmigranten aus Polen hergezogen, vor den Wirren der Balkankriege geflohen, haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion deren Zerfallsprodukte verlassen, haben sich auf der Suche nach Zukunft aus Afrika oder während der Flüchtlingskrise 2015 aus Syrien hergekämpft.

Die gezeigten Porträts, von denen vier oben zu sehen sind, entstanden 2014, die jungen Leute hatten gerade Willkommensklassen beendet. Sie wurden gebeten, in eigenen Texten das Bild zu beschreiben, das Ausstellungsbesucher von ihnen mitnehmen sollten.

Besonders interessant ist die Station über die Gruppe der Vietnamesen

Es sind kurze Lebensgeschichten, teils zuversichtlich, teils enttäuscht. Jahre später wurden die jungen Leute abermals interviewt, das Ergebnis zeigt ein Film in der Ausstellung. Lebenswege werden sichtbar.

Eine der interessantesten Stationen widmet sich der vor allem im Osten Berlins sehr präsenten Gruppe der Vietnamesen. Sie wurden in die DDR geholt, um den Arbeitskräftemangel zu mildern. In einem 1980 mit Vietnam geschlossenen Vertrag wurden festgelegt, dass sie in Wohnheimen zu leben hatten – Integration unerwünscht. Nach vier Jahren mussten sie zurück.

In Pankow fertigten ab 1987 rund 300 Vertragsarbeiterinnen im VEB Treffmodelle in der Greifswalder Straße DDR-Mode, erhielten eine Ausbildung und Sprachkurse im Betrieb.

Aufwachsen in Pankow

Bald nach der Wende bot die Bundesrepublik den Vietnamesen an, die Heimreise zu bezahlen – die meisten der etwa 60.000 blieben und begannen mehrheitlich einen – hart erarbeiteten – Aufstieg. Heute besuchen 60 Prozent der jungen Vietnamesen der zweiten Generation ein Gymnasium, 20 Prozent mehr als im Durchschnitt der Deutschen.

An einer Hörstation berichtet Minh, 24, vom Aufwachsen in Pankow, vom Konflikt mit den traditionell und in ständiger Arbeit lebenden Eltern, die das Kind stets unter hohen Leistungsdruck setzten. Er heulte sich bei seinen deutschen Lehrern aus.

Heute lebt die Familie im eigenen Haus, in der Garage der Mercedes, im Wohnzimmer das Klavier. Der Einser-Abiturient studiert Medizin, will aber später mehr vom Leben als Arbeit.

Interessante Zahlen

Schon allein diese Geschichte lohnt den Besuch. Weitere Tafeln berichten über Russen, jüdische Kontingentflüchtlinge, Polen. Naturgemäß unterscheidet sich ihre jeweilige Lage.

Interessante Zahlen trug Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) bei: Eben überschritt Pankow die Marke von 400.000 Einwohnern; die größte Ausländergruppe waren im Juni 2017 die Italiener mit 3197 Personen, gefolgt von 3058 Polen. Jeder zweite, der in den vergangenen sieben Jahren zuzog, kam aus dem Ausland.