Multiple Sklerose-Patienten: Tanzen - bis es nicht mehr geht

Potsdam - Potsdam Mit kleinen Schritten kreisen die sechs Frauen umeinander. Zwei Schritte nach vorn, zur Seite, Richtungswechsel. Einige der Frauen taumeln, halten sich aneinander fest. Wirklich leicht fällt diese Übung nur Anne Gieseke. Die 27-Jährige ist die Tanzlehrerin der Frauengruppe Pangea. In einem Ballettstudio in Potsdam-Babelsberg probt sie jeden Montag mit ihnen. Dieses regelmäßige Training ist keine Selbstverständlichkeit. Denn die Frauen haben Multiple Sklerose, kurz MS.
Frauen erkanken häufiger

Es ist eine Krankheit mit tausend Gesichtern. MS kann viele Krankheitsbilder verursachen, von Sehstörungen bis zu Lähmungen. Sie tritt in immer wiederkehrenden Schüben auf. Frauen erkranken etwa doppelt so häufig wie Männer. Auch bei jeder der Pangea-Frauen ist die Auswirkung der entzündlichen Erkrankung des Nervensystems anders. Manche von ihnen sind noch in der Lage, während den Choreographien über etwas zu springen oder kurz zu laufen, andere wie Katharina Hippe, sitzen die meiste Zeit auf einem Stuhl.

Es hörte nicht mehr auf

Die 37-Jährige ist erst vor Kurzem zur Gruppe zurückgekehrt. Ein schwerer MS-Schub zwang sie, die seit den Anfängen der Gruppe 2009 mitgetanzt hatte, in den Rollstuhl. Eineinhalb Jahre musste sie pausieren. Nun ist sie medikamentös so gut eingestellt, dass die Schübe gestoppt wurden. Trotzdem ist jede Tanzstunde für sie wie eine Gratwanderung. „Ich bin stark an meiner körperlichen Grenze und muss aufpassen, was ich mir zumute“, sagt sie. Schließlich habe sie einen neunjährigen Sohn. „Ich muss auch nach der Tanzprobe noch funktionieren.“

Hippe, eine Harfenistin, bekam die Diagnose MS noch im Studium. Mit 20 begannen die Beschwerden. „Ich bemerkte, das die rechte Hand beim Harfe spielen nicht mehr machte, was ich wollte. Außerdem war meine Zunge auf der rechten Seite gelähmt, ich konnte nur noch lallen.“ Später kamen Taubheitsgefühle und Gehschwierigkeiten hinzu. Immer in Stresssituationen verschlimmerte sich die Krankheit. Trotzdem setzte Hippe jahrelang keine Schulmedizin ein. Bis sie sechs Wochen nach der Geburt ihres Sohnes völlig bewegungsunfähig ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

„Ich hab gedacht, das muss doch irgendwann wieder aufhören, es hat doch immer wieder aufgehört“, sagt sie heute. Doch es hörte nicht auf. Erstmals bekam sie Kortison. Harfe spielen gehe nur noch für den Hausgebrauch. Trotzdem kämpft sie sich nach jedem Rückschlag wieder aus dem Rollstuhl und bewegt sich.

Lebensbejahend und kraftspendend

Das Tanzen gebe ihr das Gefühl normal zu leben sagt Hippe. „Es ist sehr lebensbejahend und gibt mir Kraft.“ Mit den Aufführungen, sagt sie, wollen die Frauen auch zeigen, was sie können: „Manche sagen ja, du kannst kaum laufen, wie willst du da tanzen.“ Vollstes Vertrauen hat sie zu Anne Gieseke: „Sie findet für jeden von uns einen guten Mittelweg aus Fordern und Rücksicht.“

Der Tanzlehrerin fällt das nicht immer leicht. Häufig sage eine der Frauen, „das kriege ich nicht hin“, erklärt sie. In kleinen Schritten versuche sie dann, die Frauen zu fordern. „Die können viel mehr als sie denken, und je mehr man die Leute fordert, desto mehr können sie erreichen.“ Manchmal stößt aber auch sie an ihre Grenzen. Einmal stürzte Tänzerin Henrike Vogel. „Sie saß auf dem Boden und hat gelacht, aber ich habe mich furchtbar erschreckt.“

Damit nichts passiert, werden die Übungen so arrangiert, dass ein Partner der noch besser in Form ist, den anderen halten kann oder Stühle zum Abstützen integriert sind. „Die Arbeit mit der Gruppe ist eine große Herausforderung und macht einen riesen Spaß“, sagt Gieseke. Man könne nie eine Stunde im Voraus planen, da man nie wisse, wie es den Tänzern in der nächsten Woche gehe. Trotzdem genießt die Tanzpädagogin, die an verschiedenen Schulen auch Ballett und Jazz-Tanz unterrichtet, jede Minute mit ihren Pangea-Frauen. Es sei toll, wenn eine von ihnen Fortschritte mache. „Henrike zum Beispiel hat sich koordinativ ganz toll verbessert und hat eine viel stärkere Muskulatur bekommen“, freut sich Gieseke.

Es klappt immer besser

„Mein Ansporn ist es, ja nicht krank zu werden“, sagt Henrike Vogel, 43. Die ehemalige Leichtathletin hat große Angst davor, einmal im Rollstuhl zu landen. Sie hat Gleichgewichtsstörungen, die rechte Körperhälfte ist schwächer als die linke. Nur in der Sommerpause habe sie einen Schub bekommen und Kortison benötigt. Sie bewegt sich auch sonst so viel wie nur möglich. „Mein größtes Glück ist mein Dreirad, sagt sie und zeigt nach draußen. „Damit werde ich fahren, so lange ich kann. Da sieht man auch nicht, dass ich mein rechtes Bein so nachziehe.“

Zum Ende proben die sechs Frauen eine ihrer komplizierten Choreographien zu Musik. Anne Gieseke tanzt mit Henrike Vogel. Vogel schwankt, dreht sich um Gieseke. Die streckt den Arm aus und stützt sie unmerklich. Noch einmal wird der Tanz wiederholt. „Und noch ein letztes Mal“, sagt Gieseke. Es klappt immer besser. „Und weil ich euch so mag, machen wir es jetzt noch einmal von vorn.“

Nächster Auftritt von Pangea-Unique-Dance:

Am 1. und 2. Dezember, jeweils um 15 Uhr, im Glaspavillon auf der Freundschaftsinsel in Potsdam. Eintritt frei.