Berlin - Endlich wird die Richtkrone hochgezogen über einer der teuersten und peinlichsten Baustellen Berlins, über der James-Simon-Galerie am Kupfergraben. So nennen die Staatlichen Museen prätentiös den neuen zentralen Eingangsbau zur Museumsinsel, er soll damit an einen der wichtigsten deutschen Museumsmäzene erinnern. Jahrelang waren hier nur Wasserbecken zu sehen, eine Lachnummer der deutschen Baugeschichte.

Baukosten schon jetzt fast verdoppelt

Inzwischen sind die Baukosten von 2006 schon sehr hoch angesetzten 73 Millionen Euro auf derzeit offiziell 134 Millionen Euro gestiegen. Keiner wagt, diese Summe zu garantieren oder gar, ob der letztlich mit kaum 4600 Quadratmetern Nutzfläche gar nicht so große Bau jemals wirklich dazu dienen kann, wie geplant 3,5 Millionen Besucher im Jahr auf das Neue Museum und das Pergamonmuseum zu verteilen.

Das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung hat nämlich, im Unterschied etwa zum Richtfest beim Berliner Schlossnachbau, eine Besichtigung des Rohbaus nicht möglich gemacht. In den Grundriss- und Schnittzeichnungen jedenfalls erscheinen die Räume eng und verwinkelt, das Café zu klein, die Ausstellungsräume abgelegen. Keine Spur vom großen Atem, der Chipperfields erste Glashalle auszeichnete.

Ähnlichkeit mit Marbacher Literaturarchiv

Deutlich ist aber schon jetzt, wie sehr dieser Entwurf bis in kleine Details hinein ein Schwesterchen der bereits 2006 eröffneten Erweiterung des Marbacher Literaturarchivs ist. Aber während dort alles luftig ist, mussten in Berlin die Architekten viel zu viele Nutzungen auf das Grundstück pressen. Wodurch der Simon-Bau – nennen wir ihn doch so, er ist keine Galerie – viel höher wurde als der von Schinkel geplante Packhof, der bis 1937 hier stand. Die gerade erst so sorgsam restaurierte Westfassade des Neuen Museums wird also trotz aller Dementis von Stiftungspräsident Parzinger weitgehend verstellt.

Blamabler Vergleich mit London

1993 gab es den ersten Museumswettbewerb, den der Italiener Giorgio Grassi mit der „Gefängnismauer“ gewann. Der Brite David Chipperfield erhielt mit einem bis heute faszinierenden Entwurf einer leichten Glashalle nur den zweiten Preis. 1997 aber verlor Grassi dann ein weiteres Gutachtenverfahren, Chipperfield erhielt nun doch den Auftrag.

2000 legte sein Büro den ersten, supercoolen Entwurf für das Eingangsgebäude vor. Dieser fiel aber 2006 populistischen Protesten gegen „Glaskisten“ zum Opfer. Die Museen wagten wieder nicht, sich dem Wunsch vieler Bürger und Politiker nach mehr Klassizismus entgegenzustellen. Also entwickelte Chipperfields Büro 2007 einen neuen Plan, mit hohem Sockel und vielen, vielen Pfeilern. 2009 begannen die Tiefbauarbeiten, aber erst 2013 konnte der formelle Grundstein gelegt werden – immer noch hoch über Wasserbecken.

Dabei handelt es sich nur um einen Funktionsbau für Garderoben, Kassen, Museumsshop, mit Café auf der Terrasse, Vortragssaal sowie zwei recht kleinen Sonderausstellungssälen im Sockelbau. Die explodierten Baukosten sind also auch aus der Sicht all der deutschen Museen, Bibliotheken, wissenschaftlichen Institute und Archive ein Skandal, die vom Bundestag finanziell nicht so freundlich behandelt werden wie die Preußen-Stiftung.

Blamabler Vergleich mit London

Zwar hat sie versprochen, die Kostensteigerung selbst abzufangen. Aber wie sie dies tun will, ist unbekannt. Die James-Simon-Galerie gilt weithin als Beleg dafür, dass man in Berlin auch bei Kulturbauten nicht rechnen kann oder will.

Tatsächlich ist so ziemlich jeder Vergleich blamabel für die Preußen-Stiftung und die Bundesbauverwaltungen: Der Elisabeth Court des British Museum etwa, im Jahr 2000 nach den Plänen Sir Norman Fosters mit ziemlich identischen Funktionen eingeweiht, umfasst 14.000 Quadratmeter und dient 6,5 Millionen Besuchern. Trotz der aufwendigen Konstruktion mitten im historischen Museumsbau hat er aber umgerechnet nur etwa 125 Millionen Euro gekostet. Oder die Erweiterung der Mannheimer Kunsthalle, deren Richtfest vor einem Monat gefeiert wurde. Der von Gerkan, Marg und Partner geplante Bau hat 13.000 Quadratmeter Nutzfläche mit allem, was ein modernes Kunstmuseum heute fordert, und soll 68 Millionen Euro kosten. Drei Mal so groß und halb so teuer wie der Simon-Bau.

Die Berliner Museen und die Bundesbauverwaltungen verweisen immer wieder auf den schwierigen Bauuntergrund und inkompetente, bankrottgegangene Baufirmen. Aber dass hier eine gigantische Schlammgrube ist, weiß man seit den 1840er-Jahren, als das Neue Museum in sie zu sacken drohte, und den Bauvorbereitungen für das Pergamonmuseum seit 1907. Hier baut nur, wer Carte Blanche hat. Oder ein Konzept, das jede Kostensteigerung entschuldigt.

Auf der Touristenautobahn

Gibt es dies? Seit den 1990er-Jahren versuchen die Staatlichen Museen, auf der Museumsinsel straffe Rundgänge für „Gruppenbesucher“ einzusetzen. Ihr Zentrum wird der Hauptrundgang – intern „Touristenautobahn“ genannt – durch die Architektursäle sein, für den das Pergamonmuseum derzeit umgebaut wird. Planungsvorbild ist der Totalumbau des Louvre zum Grand Louvre in den 1980er-Jahren.

Der Blick in das angelsächsisch geprägte Kulturgebiet, aber auch in die Niederlande oder nach Skandinavien, zeigt zwar, dass es auch andere Möglichkeiten gäbe, mit dem modernen Massenbesuch umzugehen. Dort wurde auf das Prinzip der Selbstorganisation der Besucher gesetzt. Nicht zuletzt deswegen, weil sich auch in Paris oder Rom gezeigt hat, dass die Besucher nicht so einfach zu lenken sind, ihr Individualismus jede Planung zerschlägt.

Für das Humboldt-Forum haben die Museen die gleiche Schlussfolgerung gezogen, dort wird es keine gelenkte Besucherführung mehr geben und nur eine normale Eingangshalle. Auf der Museumsinsel hingegen geht jetzt der Bau der teuersten Garderobe der Museumsgeschichte in die letzte Runde – weil man in Berlin nicht wagte, ein überholtes Museumskonzept aufzugeben.