Musik-Revue: Die wohl geheimste Bühne der Stadt

Junge Frauen im Glitzer-Mini staksen auf hohen Hacken über den Hof, begleitet von Männern mit Hüten und spitzen Schuhen. Viele haben ihre Eltern mitgebracht. Zielstrebig strömen sie ins Ballhaus Berlin in der Chausseestraße. 1905 ist es erbaut worden, in einer Zeit, als es in der Hauptstadt etwa tausend solcher Amüsierstätten gab.

Rottöne dominieren den Saal, eine schmiedeeiserne Wendeltreppe führt auf eine Empore. Ein riesiger Spiegel verdoppelt die Zahl der Kronleuchter und Discokugeln. Barbusige Frauen-Torsos aus goldfarbenem Stuck umkränzen die Bühne, ihre lockigen Mähnen kringeln sich von der Decke bis in Höhe der Tische. Auf denen sind gläserne Leuchtkugeln mit Zahlen angebracht – die braucht man für die Kommunikation per Tischtelefon. In diesem Retro-Ambiente hat sich die Musik-Revue „Ein Hit ist ein Hit“, kurz EHIEH, einquartiert.

Diese verdankt ihre Existenz einem dicken Buch: „1 000 ultimative Charthits – Die erfolgreichsten Songs und ihre Geschichte“ war 2008 von Lothar Berndorff und Tobias Friedrich veröffentlicht worden. Die beiden Musikjournalisten wollten verhindern, dass das Produkt nächtelanger Arbeit allzu schnell in Vergessenheit gerät. Sie holten den britischen Moderator Adrian Kennedy sowie den Musiker und Songwriter Nikko Weidemann in ihr Team und organisierten eine Show zum Buch. Ursprünglich sollte sie nur einmal stattfinden. Doch die Mitwirkenden und die Zuschauer hatten zu viel Spaß: EHIEH geht mittlerweile in die 29. Runde und wird seit Kurzem von der Musikboard Berlin gefördert. Aus der ganzen Stadt kommen die Menschen mittlerweile für diese Revue nach Mitte.

Pop-Musik sowie gecoverte Hits

Jede Show steht unter einem Motto, mal dreht sie sich um Wochentage, mal um Farben, mal um Drogen. Die letzte hieß „Spiel mir das Lied vom Tod – Haunting Hits from the Grave“. Immer wird dem Publikum eine bunte Wundertüte serviert. Diese enthält Interviews mit Gästen, Statistiken und Geschichten aus der Pop-Musik sowie gecoverte Hits, die von einer Liveband begleitet und entweder mit ansteckender Leidenschaft oder mit einem gewissen Karaoke-Charme von Stars und Neulingen gesungen werden.

Alles wird vorher geprobt und dennoch gehört die „schnelle Umplanung des Programms zum Programm“, sagt Adrian Kennedy, der die multimediale Revue moderiert – mit britischem Akzent und britischem Humor. So fragt er etwa die Künstler vor ihrem Auftritt, warum sie gerade diesen Song ausgewählt haben. Und freut sich über die Antwort: „Weil du mir dieses Lied vorgeschlagen hast!“

Humor beweisen auch Lothar Berndorff und Tobias Friedrich bei der Präsentation ihrer Recherchen zur Entstehungsgeschichte eines Songs, beim Vortrag pseudowichtiger Definitionen oder bei der Auswertung ihrer Statistiken zu diversen Phänomenen in der Popmusik. Letztere tragen so anspruchsvolle Titel wie „Transitionsphasen und Liminalitätsetappen als Topoi im Liedgut westlicher Popkulturen“ oder „Dialogschwerpunkte im zeitgenössischen Pop-Duett“. Bei EHIEH kann man also immer etwas lernen und wer über Vorkenntnisse verfügt, und Quiz-Fragen wie etwa die nach den Schöpfern berühmter Bass- und Gitarrenriffe beantworten kann, bekommt sogar eine CD geschenkt.

Reibeisenstimme am Telefon

Obwohl oder gerade weil „Ein Hit ist ein Hit“ nicht kommerziell ausgerichtet ist, fehlt es nicht an prominenten Künstlern. Mal schwebt Judith Holofernes in den Saal, mal werden Schauspieler wie Heike Makatsch, Tom Schilling oder Jessica Schwarz gefühlvoll von der EHIEH-Live-Band unter der Leitung von Nikko Weidemann begleitet.

Weiter entfernt wohnende oder hoch betagte Prominente werden per Telefon auf die Bühne geholt: Verblüffend ist die Wirkung eines ans Mikrofon gehaltenen Telefons. „Hallo, hier Hans Blum“, meldete sich einer der Angerufenen. Er ist Schöpfer vieler erfolgreicher Lieder, darunter „Im Wagen vor mir“. 1977 lag der Song bei ihm herum, keine Plattenfirma interessierte sich dafür. „Dann habe ich es eben selbst gesungen.“ Aus Hans Blum wurde dafür Henry Valentino, auch die passende Partnerin ließ sich überreden, allerdings nur für dieses eine Lied. „Uschi wollte Ärztin werden“, berichtete Blum. Dabei infizierte sie sich mit Hepatitis C, woran sie vor zwanzig Jahren relativ jung starb.

Im Ballhaus Berlin fand sich ein Ersatz für Uschi – für das Duett mit Hans Blum, der sich am Telefon zum wahrscheinlich letzten Mal in Henry Valentino mit der Reibeisenstimme verwandelte. „Meine Stimme lässt nach, nehmen Sie es mir nicht übel!“ Der begeisterte Saal nimmt kaum etwas krumm, auch nicht, wie sich der Alte von dem britischen Moderator verabschiedete: „Das finde ich gut, Ihre Freude an deutschsprachigen Liedern, an Liedern in menschlich verständlichen Sprachen!“

Bowienale bei „Ein Hit ist ein Hit“, 10. 2., 20.15 Uhr, Beginn 20.45, Eintritt 10 Euro, Ballhaus Berlin, Chausseestraße 102