Musikchor im Flüchtlingsheim: Singend Deutsch lernen

Berlin - Reza Kaabdollah malt mit einem dicken Stift Tiere an eine große Plastiktafel: ein Krokodil, eine Giraffe, einen Affen, eine Maus. Der 42-Jährige ist vor sieben Jahren aus dem Iran geflüchtet, er hat Asyl in Deutschland bekommen, inzwischen gehört er zur Security im Flüchtlingsheim an der Soorstraße in Westend. In Berlin hat Kaabdollah keine Arbeit in seinem Beruf als Stuckateur gefunden. Es freut ihn, dass er während seiner Arbeitszeit nun auch mal wieder zeichnen darf. Das hat er früher oft getan, wenn er seine Schablonen herstellte. Jetzt malt er für die jüngsten Bewohner des Hauses, das seit Mai eine Notunterkunft für Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt ist. „Die Kinder sollen doch wenigstens ein bisschen Freude haben.“

Verstehen ohne viel Worte

Bald treffen die ersten Mädchen und Jungen im Gemeinschaftsraum des alten Backsteinhauses ein. Sie sind fünf bis zehn Jahre alt und kommen aus Syrien und Afghanistan, aus Serbien und dem Kosovo. Heute findet eine Singstunde statt, 15 Stühle sind zum Kreis zusammengestellt. Noch ziemlich schüchtern nehmen die Kleinen Platz. In ihrer Mitte steht Frank Becker (62). Der Medizinpädagoge und Musiktherapeut kommt zweimal wöchentlich ins Heim, er will dort einen Chor gründen. „Singen befreit vom Schmerz und trüben Gedanken“, sagt er. Becker bietet die Singstunden ehrenamtlich an, er gehört zu den vielen Helfern aus Charlottenburg-Wilmersdorf, die die Flüchtlinge unterstützen wollen.

Und obwohl er keine der Muttersprachen der Kinder spricht, kann er sie schnell zum Mitmachen bewegen. Wer will, versteht sich schließlich auch ohne große Worte. Zuerst werden reihum nur Silben angestimmt, „la-la, la-la, la-la-laa“. Dann kommen die Hände zum Einsatz, Klatschen, Klatschen, Klatschen. Jetzt auch noch die Beine ausstrecken, la-la-laa, klatschen, wieder Beine strecken, Arme weit auseinander und wieder zusammen, klatschen.

Das erste Kichern hebt an: Da sind doch tatsächlich welche aus dem Takt gekommen. Nun deutet Becker auf die Tiere an der Tafel: „Wer kennt die noch vom letzten Mal?“ „Krookoodill“, ruft die siebenjährige Diona, ein schmächtiges Mädchen in einem pinkfarbenen Top. Die anderen wiederholen, unterstützt von Becker: „Krokodil, Krokodil“. Auch die Namen der anderen Tiere werden gerufen, immer wieder. Es ist ein Sprechchor – und die Kinder lernen spielend Deutsch.

Drei Monate auf der Flucht

Nun tritt Ferial mit ihrer Geige in den Kreis. Die zehnjährige Berlinerin ist mit ihrem Bruder Farid (8) und Vater Naser Rmeih zu Besuch gekommen. Naser Rmeih, ein im Libanon geborener Palästinenser, kam selbst vor 13 Jahren als Flüchtling in die Stadt. Damals tobte ein Krieg im Libanon. „Ich weiß, wie schwer es ist, seine Heimat zu verlassen,“, sagt er. Der 43-Jährige, der sich gerade zum medizinischen Bademeister ausbilden lässt, ist seit Jahren mit dem Chorleiter befreundet. „Die Gans Agathe“ heißt das Stück, das Ferial nun anstimmt. „A-ga-the“, sagt Becker, „Aa-gaa-thee“, wiederholen die Kinder.

Sie hätten ein Klavier gehabt zu Hause, erzählt der zehnjährige Wahchied, Naser Rmeih übersetzt. Damals, bevor die fünfköpfige Familie A. aus der hart umkämpften Stadt Homs geflohen ist. Vater Mahmmud, der einen kleinen Handel für Autoersatzteile hatte, erzählt, dass sie am 14. Februar aufgebrochen seien, zunächst nach dem Libanon, wo er sich Hilfe für seine schwer traumatisierte Frau und seinen zweiten Sohn Mohammet (7) erhoffte. Weil sie dort nicht therapiert werden konnten, hätten sie versucht, nach Deutschland zu gelangen. Der Weg führte die Familie über die Türkei, Griechenland und Ungarn. In Berlin kamen sie am 21. Mai an, mit wenig mehr als dem, was sie auf dem Leib trugen.

Rekorder als Klavierersatz

Jasmin (6), die jüngste der Familie A., muss immer wieder während der Singstunde lachen. Gemeinsam mit den anderen Mädchen und Jungen zieht sie dann mit rhythmischen Klatschen durchs Heim. Am 24. August wird es dort ein Sommerfest geben. Dann soll der Kinderchor schon auftreten. „Wir müssen noch viel üben“, sagt Chorleiter Becker. Die ersten Lieder sollen bald einstudiert werden. Gern hätte er ein Klavier zur Begleitung – im Heim gibt es diesen Luxus natürlich nicht. Zunächst muss ein mitgebrachter Radiorekorder reichen. „Aber wir schaffen das“, sagt Becker.