Manfred Maurenbrecher bereitet sich akribisch auf den Besuch seines Helden vor. Es ist Juni 1963, die Menschen in West-Berlin fiebern dem bevorstehenden ersten Besuch des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy entgegen, und die Stimmung färbt auch auf den 13-Jährigen Schüler ab. Der junge Präsident ist für ihn der Supermann, er verkörpert seine Ideale, wie Weltoffenheit, Freiheit.

Im Zimmer des Jungen in Friedenau hängen Bilder von John F. Kennedy, er studiert die Zeitung und schneidet schon Tage vorher die Route aus, die der Präsident am 26. Juni durch West-Berlin zurücklegen will. Maurenbrecher hat einen Plan. Er will der Entourage hinterher fahren, mit seinem Tretroller. „Das war nicht so ein kleines Ding, wie es sie heute gibt, sondern ein Roller mit großen Reifen“, sagt Maurenbrecher fünfzig Jahre später.

Aus dem Jungen von damals ist ein bekannter Liedermacher geworden, gerade hat er mit der Sängerin Veronika Fischer eine Biografie veröffentlicht. Er sitzt im Arbeitszimmer in seiner Wohnung in Friedenau. Es ist dieselbe Wohnung, in der er schon vor fünfzig Jahren mit seinen Eltern lebte. Auf seinem Computer hat er noch mal die Jubelroute von damals gegoogelt.

Die Strecke, die auf dem Bildschirm zu sehen ist, geht vom Flughafen Tegel über den Ernst-Reuter-Platz und den Checkpoint Charlie zum Rathaus Schöneberg. Sie ist etwas anders, als er sie in Erinnerung hatte. „Ich dachte, er wäre auch in Neukölln gewesen, aber das stimmt gar nicht.“ Maurenbrecher fährt damals nicht die ganze Strecke mit, das wäre zu lang gewesen, aber ab Ernst-Reuter-Platz ist er dabei, er fährt dem offenen Wagen über Checkpoint Charlie bis zur Schlossstraße hinterher.

Kritiker hielten den Mund

Kennedys Entourage fährt im Schritttempo, Maurenbrecher nimmt eine Abkürzungen zum Rathaus Schöneberg, um einen guten Platz zu ergattern und dem Präsidenten so nahe wie möglich zu kommen. Zehntausende sind unterwegs. Es ist ein sonniger Mittwoch, viele Betriebe und Senatsverwaltungen haben an dem Tag ihren Mitarbeitern freigegeben. Alle wollen den Präsidenten bejubeln, ihre Dankbarkeit zeigen für das, was die Schutzmacht Amerika getan hat. „Wer damals Amerika-kritisch eingestellt war, hielt an jenem Tag lieber den Mund“, sagt Maurenbrecher heute.

Die Erinnerungen an die Konfrontation zwischen Sowjets und Amerikanern zwei Jahre zuvor war noch frisch. Nach dem Mauerbau fühlten sich viele West-Berliner der Willkür des Ostens ausgeliefert. Es galt als patriotisch, die S-Bahn zu boykottieren, die damals von der DDR-Reichsbahn gesteuert wurde. Auch Maurenbrechers Vater, der als Bibliothekar arbeitete, fuhr damals aus politischen Gründen Bus.

Anders als heute bei Präsidentenbesuchen gibt es bei der Rede von Kennedy am Rathaus Schöneberg keine Sicherheitskontrollen. So jedenfalls erinnert sich Manfred Maurenbrecher. Die Zuhörer wurden weder ausgesucht noch überprüft, und es gab auch keine Bewegungsmelder. Selbst die Polizisten waren damals gut gelaunt, der Junge kann sich durch Tausende Schaulustige nach vorne drängeln. „Kennedy war vielleicht zwanzig Meter weg“, schätzt er.

Als der Präsidenten sein berühmtes „Ich bin ein Berliner“ ausspricht, klatscht und jubelt auch der 13-jährige Maurenbrecher mit. Die Kalte-Kriegs-Rhetorik überhört der Junge damals. Sätze wie: „Es gibt Leute, die sagen, dem Kommunismus gehöre die Zukunft. Lasst sie nach Berlin kommen“, fielen ihm erst im Nachhinein auf.

Als Kennedy Berlin besucht, hatte er nur noch wenige Monate zu leben. Im November 1963 wird er erschossen. Maurenbrecher sitzt damals zu Hause, eine Ratesendung mit Hans Rosenthal läuft im Radio, als die Nachricht von dem Attentat kommt. Die Welt, und wie sie der Junge sah, bekommt einen Riss. Sein Held ist tot. „Ich konnte nicht verstehen, dass er nicht überall geliebt wird“, sagt Maurenbrecher.

Die Welt verändert sich

Später, im Juni 1967, steht er an der gleichen Stelle, wieder am Schöneberger Rathaus. Doch diesmal ist die Stimmung bei der Demonstration gegen den persischen Schah voller Hass. Das Amerika-Bild hat sich gewandelt. Kennedy ist erschossen worden, in Vietnam tobt ein Krieg, und von der Freiheit Amerikas träumt der inzwischen 17-Jährige auch nicht mehr. Manfred Maurenbrecher verehrt den älteren Studenten Benno Ohnesorg, der später während der Demonstration gegen den persischen Schah erschossen wird. „Das offizielle Amerika wurde mein Gegner“, sagt Maurenbrecher.

Manfred Maurenbrecher hat in seinem Leben sehr viele Lieder gedichtet und geschrieben, zwar nicht über den Kennedy-Besuch, aber immerhin seinen Tretroller hat er verewigt: „Und dann fuhr ich mit dem Roller kreuz und quer durch die halbe Stadt/ immer weiter, es war toll, und ich sah mich nicht satt/ Was kam, war schön. Ich war schön. Und ich sang im Stehn / Es wird alles gut gehen.“

Der frühere Kennedy-Fan hat danach nie wieder einem amerikanischen Präsidenten zugejubelt. Als Barack Obama vor einer Woche in Berlin war, ging er nicht hin. Wie viele Linke in Deutschland ist er enttäuscht von Obama.