Musiker und Comic-Autor: My Chemical Romance-Sänger Gerard Way gastiert im Heimathafen

Gerard Way ist erfolgreicher Musiker und preisgekrönter Comicbuch-Autor. Vier Studioalben hat er mit der US-Rockband My Chemical Romance herausgebracht, bis sich diese im März 2013 trennte. Mit „Hesitant Alien“ veröffentlichte der Frontmann im vergangenen Jahr sein von Kritikern gefeiertes Solodebüt, das ihn heute Abend erstmals als Solist mit seiner Begleitband The Hormones nach Berlin führen wird. Im Heimathafen Neukölln will Way nicht nur seine neuen Songs, sondern auch seinen neuen Sound vorstellen.

Dennoch kam es überraschend, als My Chemical Romance nach zwölf Jahren des gemeinsamen Musizierens ihre Auflösung bekanntgaben. Die Gruppe stand in voller Blüte, und auch von Streitigkeiten der Bandmitglieder untereinander ist bis heute nichts überliefert.

Alkohol und Depressionen

„Ich war trotzdem nur noch unglücklich“, nennt Sänger Gerard Way den Grund für die Trennung, als wir ihn zum Interview im englischen Portsmouth treffen. „Ich fiel in alte Gewohnheiten zurück, trank wieder Alkohol, ging auf Distanz zu allen Menschen und litt an Depressionen. Ich musste aber nicht nur mich und meine Familie schützen, sondern auch die Band, die nur noch eine große Maschine war. Denn auf kreativem Level hatten wir eigentlich schon mit dem Konzeptalbum „The Black Parade“ im Jahr 2006 alles gesagt.“

Das düster-theatralische Werk hatte aus der kleinen Punkgruppe aus New Jersey eine Bombastrockband gemacht, die in den USA und in England Arenen bespielte. Ihr letztes Album „Danger Days...“, das so quietschig bunt anmutete wie ein Comic, brachte Songs mit starken Melodien hervor. Es fügt sich am besten zu den Stücken, die Way nun im Alleingang präsentiert.

Am Abend vor unserem Treffen gab er in Portsmouth sein Livedebüt als Solokünstler. My-Chemical-Romance-Songs? Fehlanzeige! „Es ist noch zu früh dafür, ich muss erst noch meinen Platz als Solokünstler finden“, sagt er. Mit dem Musikmachen ganz aufzuhören, kam für ihn nie in Frage. „Ich musste allerdings erst mal alles auf Null herunterfahren und ein Niemand werden, um wieder Jemand sein zu können. Das war ein unglaublich befreiendes Gefühl! Ich zog mich eine Weile zurück und kam mir vor wie ein Geheimagent“, meint Way.

Klamotten aus der Frauenabteilung

Der 37-jährige Rotschopf sieht in seinem leuchtend blauen Anzug mit dem roten, schmalen Schlips ziemlich poppig und schick aus. „Ich mache vieles zum ersten Mal bei dieser Platte und genieße es. Ich trage erstmals maßgeschneiderte Anzüge. Es hat allerdings ein paar Minuten gedauert, bis ich mich darin wohlfühlte“, gesteht er und fügt grinsend hinzu: „Früher kaufte ich meine Klamotten im Second-Hand-Laden oder in der Frauenabteilung!“

Way hatte noch nie ein Problem damit, sich neu zu erfinden. Und in diesem Fall hat das auch etwas mit Berlin zu tun. „Mein CD-Cover ist quasi meine Hommage an die Berlin-Ära von David Bowie und Iggy Pop. Ich bin erstmals selbst auf dem Cover-Artwork einer Platte zu sehen, weil auf den Alben, die ich wirklich liebe – wie David Bowies „Heroes“ oder Iggy Pops „The Idiot“ – auch sie selbst abgebildet sind.“

Wie es sich für einen ehemaligen Kunststudenten und umtriebigen Comicbuch-Autoren („The Umbrella Academy“, „Edge Of Spider“) gehört, mutet sein Solo-Werk auch recht arty an. „Public Image Ltd sind diesbezüglich Vorbilder. Dass Johnny Rotten sich nach den Sex Pistols diese Art von Kunstprojekt gönnte, hat mich inspiriert.“

Auf „Hesitant Alien“ treffen aber auch tolle Melodien auf rotzige Gitarren. Way bewundert Britpopmusiker wie Damon Albarn von Blur, Jarvis Cocker von Pulp und Gaz Coombes von Supergrass. Sein Song „Drugstore Perfume“ ist sogar als Hommage an Pulps „Common People“ gedacht. „Solche Lieder hätte ich mit My Chemical Romance nicht machen können. Wir hatten immer einen fetten, majestätischen Sound, der die Summe von fünf Leuten war. Für mich ist es jetzt an der Zeit, meine Liebe zu britischer Musik vollends auszuleben.“

Als Heranwachsender hörte Way diese Musik rauf und runter. Als dann die Anschläge vom 11. September passierten, gründete er My Chemical Romance, und die Energie änderte sich. „Ich wollte ja nicht der amerikanische Teenager sein, der Britpop macht!“ Mittlerweile hält Way sogar einen Umzug nach England nicht mehr für ausgeschlossen: „Amerika ist ein großartiges Land, aber ich konnte nie wirklich eine Verbindung dazu aufbauen. Selbst in jungem Alter nicht. Ich verstehe zwar die großen Städte wie New York und Los Angeles, aber alles andere kommt mir fremd vor. Ich bin nicht wirklich ein Patriot.“

Der verrückte Kunststudent

Momentan lebt Way mit Tochter Bandit und Gattin Lyn-Z von der Band Mindless Self Indulgence in Los Angeles. „Der Mietvertrag für unser Haus läuft noch ein halbes Jahr – mal schauen, wo wir dann landen. In England und Deutschland fühlte ich mich mit dem, was ich tue, immer verstanden“, erklärt er. Während seines Aufenthaltes in Berlin will Way sich auch endlich die Zeit nehmen, Sightseeing zu machen. „Ein Besuch im Bauhaus-Archiv steht ganz oben auf meiner Liste“, sagt er. Ist er denn als Solokünstler heute glücklich? „Absolut glücklich!“, bestätigt Way. „Denn endlich kann ich wieder der verrückte Kunststudent sein.“

Etwas vermisst er dennoch an seiner alten Band: seinen Bruder Mikey Way, früher Bassist von My Chemical Romance. „Wenn wir auf Tour waren, haben wir oft Spaziergänge durch die Städte unternommen, Kaffee aus Pappbechern getrunken und gequatscht. Das fehlt mir schon ein wenig.“

21 Uhr, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141, 23 Euro