Dass es zu Ende geht, wussten sie hier alle. Die 94-Jährige Tochter des Firmengründers, die oft auf einem Hocker im Eingangsbereich saß und manchmal hereinkommende Kunden anmaulte, wenn sie undeutlich sprachen. Ihre 84-jährige  Schwägerin, die direkt über dem Geschäft wohnt. Und Mitarbeiter Dieter Götz, der seit 50 Jahren Gitarren stimmt, Notenblätter sortiert und Saxofone poliert.

Sie alle wussten, dass ihr Lebenswerk, das Musikhaus Bading  in der Neuköllner Karl-Marx-Straße, das Zeitliche segnen würde. Dass das vorläufige Ende aber auf diese Weise kommt, so kurz vor dem hundertsten Geburtstag – das hätte sich keiner von ihnen träumen lassen. 

„Wir dachten einfach, dass unsere Gesundheit den Betrieb irgendwann nicht mehr zulassen würde“, sagt der 68-jährige Götz. Stattdessen fraßen  sich Flammen durch die Pappe der Schallplattenhüllen und das Holz der Geigen. Ein Feuer. Ausgelöst von Silvesterböllern, die in das einstmals größte Musikhaus im Südwesten Berlins flogen. Angreifer aus einer Gruppe von Randalierern, vielleicht 50, vielleicht 100, die Zeugenaussagen schwanken, sprengte laut Polizei erst eine Schaufensterscheibe und warf dann Feuerwerkskörper in den  Verkaufsraum. 

Der Gestank von geschmolzenem Vinyl

Wo vorher verblichene Werbeplakate von Peter Alexander, Drafi Deutscher und Caterina Valente  die mit grünem Samt verkleideten Wände zierten, ist nun alles schwarz von Ruß.  Einst stieg Kunden beim Eintreten der Geruch von Lötfett, Röhrenradios und altem Teppichboden in die Nase.  „Jetzt stinkt es bestialisch“, schildert Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) der Berliner Zeitung. Sie hat das Musikhaus Bading kurz nach dem Brand besucht. „Die CDs und Schallplatten sind geschmolzen, irgendwo habe ich eine halb verbrannte Gitarre gesehen und in der Decke klafft ein Loch.“ 

Die Flammen hatten auch auf die oberen Etagen  übergegriffen. Die Feuerwehr rettete drei Frauen aus ihren Wohnungen, unter ihnen Liane Bading, die 84-jährige Schwägerin der Gründererbin. „Sie rief mich  an“, erzählt Dieter Götz. „Sie sprach noch aus dem Krankenwagen mit mir.“ Er zog sich an, setzte sich ins Taxi und fuhr von seiner Wohnung in Schöneberg nach Neukölln. Als er  gegen halb drei eintraf, löschte die Feuerwehr die Glutnester. „Das Bild war gespenstisch“, sagt Götz. „Aber ich stand so unter Schock, dass ich ganz ruhig wurde. Erst im Nachhinein kommen mir manchmal die Tränen, wenn ich davon erzähle.“ 

29 Angestellte hatte das Musikhaus, als Dieter Götz 1967 als Auslieferungsbeifahrer anfing: Fahrer, Buchhalter, Mitarbeiter in der Werkstatt oder an der Theaterkasse. Es war die Zeit des Aufschwungs, das Jahr, in dem die Beatles „Penny Lane“ veröffentlichten und die Monkees „I’m a Believer“. Es war die Zeit der Farbfernseher, die es in der neueröffneten Erweiterung des Geschäfts zu kaufen gab und die die Menschen zur Fußball-WM 1974 massenweise  kauften. 

Der Tag, an dem die Musikalienhandlung Bading zum ersten Mal öffnete, der 1. April 1919, lag da schon ein halbes Jahrhundert zurück. Im Keller leitete Erich Otto Bading, der Vater der heute 94-jährigen Tochter Brünhilde Schibille, die neugierigen Berliner in sogenannte Vorführräume. Séparées, in denen zuerst Grammophone, später die ersten Röhrenplattenspieler standen. Hier konnten betuchte Kunden den neuesten Schellackplatten auf kleinen Sesseln lauschen. Erich Bading entstammt einer Musikerdynastie, er zählte Künstler, Komponisten und Sängerinnen zu seinen Freunden. Als er im Jahr 1952 starb, säumten Tausende Neuköllner die Karl-Marx-Straße zum Trauerzug. 

Bis vor dem Feuer war das Musikhaus Bading eine Fundgrube an Relikten aus der Vergangenheit. „Einige Notenbücher, die hier zerstört wurden, sind gar nicht mehr zu beschaffen“, sagt Dieter Götz. Die grünen Fächer hinter dem Verkaufstresen, in denen Hunderte Noten alphabetisch nach  Komponisten sortiert waren, sind fast komplett verschmort. „Den alten Charme kriegt man nur schwer zurück, selbst wenn man den Raum wieder herrichten würde“, glaubt Götz. Er weiß noch nicht, was er von den Überlegungen halten soll, doch noch einmal zu öffnen. 

Seit die Elektronikdiscounter in den deutschen Städten aus dem Boden ploppten, konnte sich die Musikalienhandlung nur halten, weil das Haus sich in Familienbesitz befindet. Jemanden zu suchen, der den Laden nach Ausscheiden der Rentner weiterbetreibt, schien  illusorisch. Vor einigen Jahren wurde schon die Schließung verkündet, aber Stammkunden beknieten die Truppe, zu bleiben. „Bis zum Hundertsten, das haben wir uns als Ziel gesetzt“, sagt Götz. 

Crowdfunding-Kampagne zur Wiederherrichtung denkbar

Jetzt nach dem Brand ist die Anteilnahme enorm. „Bei uns haben sich schon Handwerker gemeldet, die gratis mitanpacken wollten“, sagt Bürgermeisterin Giffey. „Auch die Spendenbereitschaft scheint groß.“ Die Politikerin kann sich eine Crowdfunding-Kampagne zur Wiederherrichtung  vorstellen – wenn die Badinger das wünschen.

„Ich habe Brünhilde Schibille zu Hause besucht, die alte Dame hat den Schaden bisher noch nicht gesehen. Sie war traurig, aber gefasst“, erzählt Giffey. „Und sie gibt sich kämpferisch. Auf die Frage, ob sie die verbrannten Erinnerungen, die Erbstücke, nicht sehr belasten würden, antwortete sie: „Wissen Sie, ich habe auch schon den Krieg  gesehen – das war sicher schlimmer.’“

Erstmal vom Schock erholen

Die Familie und er müssten sich nun erstmal von dem Schock erholen, sagt Dieter Götz. Danach könne  man entscheiden, ob man beispielsweise nur im hinteren Teil  weitermache, den die Flammen nicht erfassten. „Nur ein Gedanke von vielen.“

Am Donnerstagmorgen liegt das Musikhaus verlassen da. Buchstaben der Neonschrift über dem Eingang sind in Ruß gehüllt, die Markise darunter ist angesengt. Spanplatten ersetzen die zerstörten Scheiben. Alles, was in den Vitrinen auslag, die Geigen, die kleinen Beatles-Figuren, der alte Bass, die vergilbten Notenhefte, das Foto von Gründer Erich Bading – all das ist zerstört oder verborgen hinter dem Spanholz.

Mit Filzstift hat jemand etwas  auf ein Brett geschrieben, eine Botschaft an die Randalierer, zwei Worte, die jeder Passant hier teilt und die die Sinnlosigkeit dieses vorläufigen Endes einer Berliner Ära beschreiben: „Scheiße, Mensch!“