Berlin - Wild wuchert das Unkraut vor dem barackenähnlichen Flachbau in Zehlendorf. Drinnen, in einem weiß gestrichenen Raum, zupft der hagere Dirk Strakhof an seinem schönen, mehr als 100 Jahre alten Kontrabass aus Fichte- und Ahornholz. Dunkle Töne in schneller Folge sind zu hören, mal dehnt Strakhof die Seiten, schon bald wippt sein Fuß dazu. Swing klingt durch die Räume der Dependance der Musikschule Steglitz-Zehlendorf an der Sundgauer Straße.

Strakhof unterrichtet Kontrabass und E-Bass, Jazz ist seine Leidenschaft. Der freiberufliche Musikschullehrer hat am Freitag einen neuen Honorarvertrag unterschrieben. Gegen seinen Willen. Denn nach dem neuen Vertrag verdient der ohnehin nicht üppig entlohnte Musikschullehrer noch weniger, wie er ausgerechnet hat.

Er hat sich schon eine Weile gemeinsam mit Kollegen gegen die neuen Verträge gewehrt. Die Frist, die Verträge zu unterschreiben, wurde daraufhin von den Bezirken um mehrere Wochen verlängert. „Wir wurden ganz schön unter Druck gesetzt, gar mit Kündigung bedroht“, sagt er. Mit Kollegen hat Strakhof auch eine Online-Petition gegen die neuen Verträge gestartet, nächste Woche will er die Unterschriftenliste der Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) übergeben.

Musikschule überprüft

Das Hauptproblem ist, dass etwa 94 Prozent aller Musikschullehrer in Berlin nicht angestellt sind, sondern als Honorarkräfte beschäftigt werden – in allen anderen deutschen Großstädten haben Musikschulen deutlich mehr Festangestellte. An den staatlichen Berliner Musikschulen läuft diese Form des Outsourcings schon seit Jahrzehnten. Allerdings ist das gar nicht legal, sondern verstieß in vielen Fällen gegen das Scheinselbstständigkeitsgesetz. Das hat die Deutsche Rentenversicherung bereits vor gut zwei Jahren bei einer Überprüfung festgestellt. Wer vornehmlich von seinen Einnahmen als Musikschullehrer lebt, gilt als scheinselbstständig. Dem Land Berlin als Arbeitgeber drohten deshalb millionenschwere Nachzahlungen in die Sozialkassen. Davon aufgescheucht verhandelten Senatsvertreter seit 2011 mit der Rentenversicherung, wie die teuren Nachzahlungen abzuwenden seien. Und heraus kam der neue Honorarvertrag, der ab dem 1. August für alle freiberuflichen Musikschullehrer gelten soll. Künftig erhalten sie nicht mehr wie bisher ein monatliches Pauschalhonorar, sondern müssen jede abgehaltene Stunde einzeln abrechnen. „Das bedeutet für uns erheblich mehr bürokratischen Aufwand und ist mit Gehaltseinbußen von mindestens 3,2 Prozent verbunden“, sagt Strakhof. In den Ferien wird es gar kein Geld mehr geben. Fällt der Unterrichtstag auf einen Feiertag, auch erst mal nicht. Vorgesehen ist ein Honorar von 23 Euro pro Unterrichtsstunde (netto gut 15 Euro). Wer Prüfungen abnimmt, erhält dafür künftig zehn Euro brutto pro Stunde. Kündigt ein Schüler während des laufenden Schuljahres, bekommt der Musiklehrer sofort kein Geld mehr.

Strakhof muss wie die meisten anderen Musikschullehrer auf jeden Euro achten. „Immerhin bin ich alleinstehend, muss keine Familie ernähren“, sagt er. „Ich lebe schon seit 1999 in meiner Wohnung, habe deshalb noch eine günstige Miete und einen netten Vermieter.“ Das sei ein Glücksfall. Wer als Musikschullehrer Kinder habe, sei darauf angewiesen, dass der Partner genug Geld verdiene. „Sonst kann man mit zwei Kindern kaum die Miete bezahlen.“ Der 53-Jährige unterrichtet 21 Einzelschüler und drei Bands. Seit ein paar Jahren lernen auch schon Kinder Kontrabass, dafür ist eigens ein Mini-Kinderbass entwickelt worden. Eine der Bands bereitet er auch auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vor. Genaues Zuhören, sicheres Rhythmusgefühl und das unbekümmerte Zusammenspiel mit anderen, das lernen seine Schüler bei ihm, sagt Strakhof. Er muss auch nach dem neuen Vertrag den Anschein erwecken, dass er gar nicht zur Musikschule gehört, um nicht als scheinselbstständig auffällig zu werden. Er muss sich weiterhin alle Noten selbst besorgen, darf nicht im Namen der Schule sprechen, selbst die Kooperation mit einer staatlichen Ganztagsschule ist problematisch. Strakhof gibt insgesamt wöchentlich gut 30 Unterrichtsstunden à 45 Minuten, einige davon auch in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Gut 400 Euro Rente

Für den Instrumentalunterricht erhält Strakhof derzeit etwa 1 600 Euro brutto monatlich, hinzu kommen Gagen für die Auftritte mit seinem Jazz-Trio zum Beispiel im A-Trane in Charlottenburg. Zudem komponiert Strakhof noch. Diese Nebentätigkeiten bringen ihm noch mal knapp 400 Euro brutto ein. Mal mehr, oft auch weniger. „Planen kann ich da nicht.“ Insgesamt kommt Strakhof durchschnittlich auf 1 500 Euro netto, künftig rechnet er mit 50 Euro weniger. Er zahlt wie die meisten freiberuflichen Musiker in die Künstlersozialklasse ein. Das soll ihm mal die Rente sichern. Das Land bezahlt einen kleinen Betrag dort ein, spart sich auf diese Weise aber die viel höheren Sozialbeiträge für Festangestellte. „Laut dem Brief von der Versicherung würde ich eine monatliche Rente von gut 400 Euro bekommen“, sagt Strakhof. Altersarmut ist für ihn nicht nur ein Wort.

Wie die meisten seiner Kollegen übt er seinen Beruf nicht nur des Geldes wegen aus. Er liebt Musik. „Der Bass legt der Musik ein wunderbares Fundament, und wenn man mit anderen Jazz-Musikern zusammenspielt, weiß man nie, wohin die Reise musikalisch geht.“ Die Jazz-Musiker Bobby McFerrin und Chick Corea sind Strakhofs Idole. Wie alle Musikschullehrer ist er ausgebildeter Musiker. Gleich zwei Instrumental-Studiengänge hat er an der Hochschule der Künste absolviert. Zunächst klassische Gitarre, dann Kontrabass. Anders als im hoch subventionierten Bereich der klassischen Musik ist es für einen Jazz-Musiker noch schwieriger, einen lukrativen Posten zu ergattern. Es gibt kaum Stellen in Orchestern oder BigBands. Doch Strakhof bereut nichts.„ Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, würde ich mich wieder für diesen Beruf entscheiden“, sagt er und spielt weiter.