Berlin - Jedes Jahr im Januar herrscht in Berlins Fitnessstudios Hochbetrieb. Denn ein weit verbreiteter guter Vorsatz für das neue Jahr ist es, abzunehmen und gesünder zu leben. Was liegt da näher, als sich in einem Fitnessstudio anzumelden?

Die Auswahl in Berlin ist riesig. Mehr als 400 Fitnessstudios in der Hauptstadt buhlen um die Gunst der Kunden: von der Billig-Muckibude für 15 Euro im Monat bis zum Edel-Wellnesstempel für weit mehr als 100 Euro monatlichen Mitgliedsbeitrag. Und es werden immer mehr. „Die Fitnessbranche wächst – sowohl, was die Zahl der Anlagen angeht, als auch der Mitglieder und den Umsatz. Und dieser Trend dürfte sich fortsetzen“, sagt Dustin Tusch, Sprecher des Arbeitgeberverbandes deutscher Fitness- und Gesundheitsanlagen (DSSV).

Mehr Konkurrenz, mehr Angebote

Waren vor zehn Jahren noch 440.000 Berliner Mitglied in einem Fitness-Studio, sind es heute 509.000 – also jeder sechste erwachsene Berliner. Für diese halbe Million Berliner ist die zunehmende Konkurrenz zunächst einmal positiv. Um sich voneinander abzuheben, haben die Studios immer mehr zu bieten: von moderneren Geräten und einer größeren Auswahl an Kursen über Kinderbetreuung, Handtuchservice, Gratisgetränken und längeren Öffnungszeiten bis hin zu edel ausgestatteten Wellnessbereichen mit verschiedenen Saunen, Dampfbad und Schwimmbad.

Außer sehr langen Öffnungszeiten (manche haben sogar rund um die Uhr geöffnet) haben Billigketten wie McFit solche Extras nicht zu bieten. Doch immerhin hat der Konkurrenzdruck dazu geführt, dass dort heute nicht mehr für jedes Duschen bezahlt werden muss, wie das jahrelang der Fall war.

Monatsbeitrag im Schnitt bei 45 Euro

Gut für den Kunden ist auch, dass der knallharte Wettbewerb einen Preiskampf der Anbieter ausgelöst hat: Im Schnitt liegt der Monatsbeitrag laut DSSV aktuell bei rund 45 Euro. Im Jahr 2005, also vor zwölf Jahren, lag er noch um fast zwei Euro höher – und das trotz der seitdem erfolgten Geldentwertung und der deutlichen Qualitätsverbesserung der meisten Studios.

Im Prinzip sind Fitnessstudios damit ein spottbilliges Vergnügen: Ein Monatsbeitrag von 45 Euro entspricht gerade einmal 1,50 Euro pro Tag. Doch natürlich rechnet sich das für die Anbieter nur, weil sie wissen, dass die große Mehrheit der Mitglieder längst nicht so häufig kommt.

Nur jeder dritte trainiert regelmäßig

Ein Anruf bei Holmes Place am Gendarmenmarkt – einem Anbieter aus dem Premiumsegment mit Schwimmbad, Whirlpool und Handtuchservice – bringt Aufschluss: Der Club hat 3500 Mitglieder, davon kommen am Tag aber im Schnitt nur rund 450 bis 500 ins Studio. Das bedeutet: Jeder Kunde trainiert im Schnitt nur alle sieben bis acht Tage – also etwa vier Mal im Monat. Der monatliche Mitgliedsbeitrag in dem Club liegt je nach Vertragsdauer zwischen 74 Euro und 129 Euro. Geht man von einem durchschnittlichen Monatsbeitrag von 100 Euro aus, bedeutet das, dass jeder Kunde im Schnitt pro Besuch 25 Euro zahlt.

Das Beispiel deckt sich mit der Beobachtung von Experten: „Nicht einmal jeder dritte Kunde der Fitnessstudios geht regelmäßig zum Training“, sagt Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Sein vernichtendes Fazit: „Wir sind und bleiben eine bewegungsfaule Nation. Und es wird eher noch schlimmer.“

Geringer Spaßfaktor bei Billigketten

Für die Fitnessstudios aber ist es ein gutes Geschäft, wenn viele ihrer Kunden regelmäßig Beiträge zahlen, aber nicht oder nur selten kommen. Das gilt in noch stärkerem Maße für viele Billigketten. Denn dort ist der Spaßfaktor wegen der oft spartanischen Ausstattung meist gering. Viele kommen deshalb nach ein paar Mal Training nicht mehr, zahlen aber weiter ihren Beitrag. Nur deshalb können es sich viele dieser Studios leisten, mit den Preisen immer weiter runter zu gehen. So kann man aktuell zum Beispiel bei McFit die ersten sechs Monate für nur 4,90 Euro pro Monat trainieren, wenn man einen Vertrag über mindestens 20 Monate Laufzeit abschließt.

Die hohen Einnahmen dank starker Mitgliederzahlen sind der eine Teil des Erfolgsrezepts gut gehender Fitnessstudios. Der andere Teil sind die niedrigen Personalkosten. Die Trainer verdienen vergleichsweise wenig – auch in den Premiumclubs. Laut Verbandssprecher Tusch verdienen in Vollzeit angestellte Fitnesstrainer lediglich zwischen 1700 und 2200 Euro brutto im Monat.

Doch die Zeiten rasanten Wachstums der Branche neigen sich womöglich bereits dem Ende zu. Einige Studios mussten aufgrund des wachsenden Konkurrenzdrucks bereits aufgeben. So hat die Kette Hard Candy mit insgesamt neun Studios in Berlin im vergangenen Jahr Insolvenz angemeldet. Dabei stand hinter Hard Candy ein prominenter Name: Popstar Madonna hat das Konzept dieser Kette mitentwickelt und trat groß als Werbebotschafterin für sie auf.

Für das Scheitern von Hard Candy in Berlin kann man die Pop-Ikone aber kaum verantwortlich machen, wie es die Hard-Candy-Betreiber, die Brüder Jürgen und Ralf Jopp, in einem Interview indirekt versuchten: Sie führten aus, dass der hohe Bekanntheitsgrad Madonnas die Studios schon bei den kleinsten Problemen sofort in die Negativschlagzeilen brachte.

Jahres-Mitgliedschaft zum Spottpreis

Der eigentliche Grund für das Scheitern von Hard Candy in Berlin war wohl viel banaler: Die niedrigen Preise, mit denen man versuchte, möglichst schnell viele Mitglieder anzuwerben, waren schlicht nicht kostendeckend. So war beispielsweise die Mitgliedschaft im Hard Candy in der Mall of Berlin – einem Club mit Schwimmbad, Sauna und Dampfbad – schon für unter 40 Euro im Monat zu haben, über Gutscheinportale wie Groupon ging es sogar noch günstiger. Kurz bevor sie in Insolvenz ging, verkaufte die Kette noch langjährige Mitgliedschaften zum Spottpreis – allerdings gegen Vorauszahlung. Wer sich darauf einließ, kann das Geld jetzt vermutlich abschreiben.

Nicht ganz verschwunden, aber deutlich geschrumpft ist in Berlin die Premium-Kette Elixia. Aufgrund von finanziellen Problemen wurde der Großteil der rund ein Dutzend Studios vor einigen Jahren an den Konkurrenten Holmes Place verkauft. Unter der Marke Elixia werden heute nur noch drei Studios in der Hauptstadt betrieben. Auch zahlreiche kleinere Clubs sind dem harten Konkurrenzkampf zum Opfer gefallen. Sie wurden geschlossen oder von einem größeren Wettbewerber aufgekauft.