Die Integration geht manchmal verschlungene Wege. Ich begegnete ihr diese Woche an der Kasse meines türkischen Supermarktes in Neukölln. Dort lag etwas, das fast so aussah wie ein Adventskalender. Es ziert ihn ein Bild von einem Jungen und einem Mädchen, lächelnd, mit ausgebreiteten Armen. Im Hintergrund sieht man eine prächtige Moschee mit vier Minaretten, davor Kamele. Die Szene scheint sich in der Wüste abzuspielen, darauf weist der sandfarbene Boden hin. Vom Sternenhimmel herab lächelt wohlwollend der Mond.

Nur, dass es statt der gewohnten 24 Türchen 30 sind, so viele, wie der Fastenmonat Tage hat. An diesem Donnerstag beginnt er. Hinter den Türchen verbergen sich Brausebonbons und Kaugummis. Einen Halalstempel gibt es auch. „Einen gesegneten Ramadan“, lautet der Schriftzug oben auf dem Kalender, auf Türkisch, Englisch, Deutsch und Arabisch.

Ob solche Kalender traditionell zum Ramadan gehören, fragte ich. Der Mann an der Kasse schüttelte den Kopf. Gar nicht. Sie haben ihn dieses Jahr zum ersten Mal im Sortiment. Die Berliner Firma, deren Namen man auf der Rückseite des Kalenders findet, nennt sich gama-zuckersuess. Die Inhaberin ist dort am Apparat.

Freude im Fastenmonat

Sie erzählt, sie habe für ihre Kinder im Advent immer Kalender gekauft, der Ramadankalender solle nun muslimischen Kindern im Fastenmonat Freude bereiten. Die Idee schlug sofort ein. Nach ganz Deutschland hat sie Kalender verschickt. „Das ist eine sehr schöne Idee. Möge Allah uns den Monat Ramadan erleben lassen, das Fasten annehmen und unsere Sünden vergeben“, schreibt Angel Fofo auf der Facebook-Seite, die gama-zuckersuess eingerichtet hat.

Die Inhaberin, deren Familie aus dem Libanon kommt, ist in Heilbronn großgeworden, seit der 3. Klasse lebt sie in Berlin. Nun ist sie 30, sie hat an der TU Ökonomie studiert, ihren Bachelor-Abschluss gemacht. Wir kommen auf das Kopftuch zu sprechen, das das Mädchen auf dem Kalender trägt. Sie sagt, das Motiv habe ihr gefallen. „Es ist nicht unser Ziel, dass kleine Mädchen Kopftücher tragen.“ Das tun auch ihre Töchter nicht, die eine Berliner Kita besuchen. Der Erzieher dort habe auch nach dem Kopftuch gefragt. Der Kalender kommt in der Kita nun zum Einsatz.

Meinen eigenen Töchtern geht das Wort Ramadan-Kalender seit dieser Woche so flüssig von den Lippen, als seien sie damit aufgewachsen. „Der Fastenmonat ist ein wichtiger Bestandteil des islamischen Glaubens. Es wird vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet“, las die Ältere aus dem Kalendertext vor. „Oha“, sagte die Kleine erstaunt. Am Donnerstag dürfen sie das erste Türchen öffnen.