"Was ist Ehre?“, fragt Deniz. „Jungfrau bleiben“, sagt ein Junge. „Die Frau muss bis zur Ehe Jungfrau bleiben.“ „Und der Mann?“, fragt Deniz. „Der muss gar nichts.“ „Das ist sexistisch!“, ruft ein Mädchen in einem bodenlangen Mantel und mit Kopftuch. „Sagen wir mal, ich heirate erst mit 35“, sagt der Junge, „soll ich bis dahin Jungfrau bleiben? Da machen sich die anderen Jungs ja über mich lustig.“ „Dann nimm’ eine, die ehrenlos ist.“

Es ist einer der letzten Schultage in diesem Sommer, ein heißer Tag. Die 10. Klasse einer Kreuzberger Sekundarschule, 19 türkische Mädchen und Jungen und ein Deutsch-Spanier, war gerade noch sichtlich gelangweilt, doch das hat sich soeben schlagartig geändert. Zu Besuch sind drei Männer, ein Palästinenser, zwei Türken. „Ich bin ein Hero“, hatte Deniz, zur Begrüßung gesagt, „wisst ihr, was das ist?“ Jemand sagte, er habe gelesen, dass das so eine Gruppe sei, die anderen helfen wolle. Zwei Minuten ist das her, und schon ist Streit ausgebrochen und die Aufregung groß. Das ist es, was die "Heroes" wollen.

Die „Heroes“ sind junge, muslimische Männer, die mit dem Begriff der sogenannten Ehrenkultur aufgewachsen sind und sich dem gleichnamigen Projekt in Berlin-Neukölln angeschlossen haben, um sich genau dagegen zu engagieren. Und zwar nicht nur gegen Zwangsverheiratungen und Ehrenmorde, sondern gegen die Unterdrückung von Frauen im Namen der Ehre allgemein. Für Gleichberechtigung. Für Gleichstellung. Wenn man so will, ist "Heroes" ein Frauenprojekt. Aber es sind Männer, die es betreiben. Männer, die sich prinzipiell genauso gut den Salafisten hätten anschließen können. Die sich stattdessen in Workshops ein Jahr lang mit der eigenen Rolle auseinandersetzen und sich zu Heroes qualifizieren, um danach mit Jugendlichen über den Ehrbegriff zu diskutieren. Sie wollen Denkanstöße geben.

Jungs aus der Mehrheit

„Wir sind Muslime, aber wir definieren Ehre anders“, so formuliert es Ahmad Mansour. Mansour, 36, ist Palästinenser, seit acht Jahren in Deutschland und Psychologe. Als Teenager war er Salafist, schaffte aber den Ausstieg. Seit der Gründung von „Heroes“ betreut er als Gruppenleiter die Workshops und begleitet die Heroes in Schulen. Die Jungs, die zu Heroes kommen, sagt er, „sind nicht die lauten, auffälligen. Es sind Jungs aus der Mehrheit, die stillschweigend mit dem Thema ’Unterdrückung im Namen der Ehre’ lebt. Die haben zu Hause patriarchalische Strukturen und die Mädchen haben weniger Rechte, aber es sind nicht die Familien, wo ein Mord stattfinden würde. Diese Jungs haben es satt, dass sie in die gleiche Schublade gesteckt werden wie Leute, die ihre Schwester ermorden oder Zwangsverheiratung legitimieren. Sie haben das Bedürfnis, sich dagegen zu engagieren.“

Onur Kaba war als einer der ersten dabei. Seine Eltern hatten in der Türkei geheiratet, dann ging die Mutter nach Deutschland, wo Onur 1989 geboren wurde. Der Vater kam später nach und betrieb „typische Männercafés“ in Neukölln, die Eltern trennten sich. Die Mutter hielt die ältere Schwester dazu an, auf Onur aufzupassen, nicht umgekehrt. Wie es der Vater tat. „Ich weiß nicht, wie es gekommen wäre, wenn ich mit ihm aufgewachsen wäre“, sagt Onur. „Ich kenne Fälle, wo der Sechsjährige seiner zehn Jahre älteren Schwester sagen darf, wo es lang geht. Sowas ist doch unerträglich“.

Über seinen Freund Deniz kam er zu den "Heroes". Da war er 17. „Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, was hinter dem Begriff Ehre steckt. Bei den Heroes habe ich etwas gelernt, was ich bis dahin nicht kannte: zu hinterfragen.“ Gerade hat Onur sein Studium als Wirtschaftsingenieur in Cottbus abgeschlossen und ist wieder in Berlin, um den Sommer über zu jobben und die anderen "Heroes" zu sehen. Seine Schwester sagt, dass Onur durch die "Heroes" so locker, so aufgeschlossen geworden sei. „Absurderweise frage ich mich, ob ich zu aufgeschlossen für einen Türken bin“, sagt Onur. „Es ist wirklich schwierig, aus den anerzogenen Traditionen auszubrechen.“

Der Student Tolga Üzüm, 26, ist kein Hero, wäre aber gerne einer, obwohl er dafür schon fast zu alt ist. Sein jüngerer Bruder Nemisi ist gerade Hero geworden. „Als ich zum ersten Mal davon gehört habe, war ich skeptisch“, sagt Tolga. „Im Namen der Ehre und so. Zuerst habe ich Nemisi gefragt: Wo bist du denn reingeraten? Er hatte noch gesagt, dass es für Gleichberechtigung ist, aber da hatte ich schon abgeschaltet. Alles, wo der Ehrbegriff in der türkischen Kultur fällt, ist für mich negativ besetzt. Als ich mitgekriegt habe, dass es genau darum geht, um die falsche Deutung des Begriffs Ehre, fand ich es extrem gut“. Besonders toll finde er, dass es nicht darum geht, den Jugendlichen etwas zu diktieren. „Es wird nie eine eigene Definition von Ehre mitgebracht. Es geht nur darum, sich durch Rollenspiele in andere hineinzuversetzen.“

Die Sippe ist immer im Spiel

In einem der Rollenspiele in der Kreuzberger Schule wird ein Mädchen von ihrem Bruder händchenhaltend mit ihrem Freund im Park ertappt. Der Bruder brüllt und schleppt das Mädchen gewaltsam nach Hause. Hinterher meldet sich wieder das Mädchen in dem dunklen Mantel. „Mein Onkel sagt, wenn er mich mit einem Freund erwischt, würde er mich nicht umbringen. Aber meinen Freund. Die ganze Sippe sieht das so. Die Sippe ist ja immer im Spiel.“ Die Schüler nicken zustimmend. „Kann man das ändern, dass alle sich in das Leben des Mädchens einmischen?“ Nein, das ist so. „Das ist so“, sagt Ahmad Mansour, „ist der Satz, der am häufigsten als Erklärung herhalten muss, wenn die Jugendlichen nicht weiter wissen. Dieser Satz muss weg aus den Köpfen.“