Es ist Abendbrotzeit, heiß wie in einer Sauna, und es stehen Tabuleh, Hummus, Hähnchen, Apfelsaft und Wasser bereit. 100 Gäste sitzen im Jugendzentrum Pumpe, die meisten von ihnen haben seit über 15 Stunden nichts gegessen, nichts getrunken. Noch dürfen sie nichts anfassen. Es ist Ramadan, bis zum Sonnenuntergang, wenn das Essen wieder erlaubt ist, bleibt noch Zeit.

An diesem Montagabend soll „Iftar“, das Fastenbrechen, gefeiert werden. Aber man lernt auch, wie es aussieht, wenn eine neue Generation von Muslimen nach einer eigenen Identität sucht und alte Traditionen neu auszulegen versucht. Überwiegend junge Leute sind auf Einladung des Senatsprojekt Juma gekommen. Juma steht für „jung, muslimisch, aktiv“, das klingt sozialpädagogisch, erzieherisch. Juma bedeutet aber auch: Freitagsgebet. Die jungen Leute beten, sie trinken keinen Alkohol, und sie fasten freiwillig für einen Monat lang. Sie gehören zu einer wachsenden Gruppe: In Deutschland geboren und aufgewachsen, und doch sind sie viel religiöser als ihre Eltern, das belegt auch die Bertelsmann-Studie von 2008.

43 Prozent der 18- bis 29-Jährigen bezeichnen sich als „hochreligiös“, mehr als in anderen Altersgruppen. Sie wollen als deutsche Muslime anerkannt werden, in einem Land, das nicht nur mit Muslimen, sondern generell mit Religion ein Problem hat. Das Programm an dem Abend zeigt eine Mischung aus Popkultur und sehr traditionellen Elementen. Das darf durchaus irritieren. Wenn aus einem Dutzend Männerkehlen „Allah, Allah“ und arabische Texte erschallen, fühlt man sich sehr fremd. Man versteht gleichzeitig, warum diese Berliner Jungs den Gesang genau deshalb toll finden. Gewöhnungsbedürftig für säkulare Ohren ist auch die Sprache, wenn es darum geht, die Bedeutung des Ramadans zu erklären. Da ist von „Sünde“, „Reinigung“, „Unterwerfung“ die Rede – Worte, die wie aus einer anderen Zeit klingen.

Ramadan sei die Abkehr vom Konsum, lautet eine der Begründungen. Aber stimmt das wirklich? In Wahrheit lädt man sich den Einkaufswagen während des Ramadans doppelt so voll, so sieht man es in einem Video, das am Montagabend gezeigt wird. Gedreht wurde es von einem Duo namens Ammo-Tube, das seine Comedy auf einen Kanal auf Youtube stellt. Sie nehmen sich selbst nicht so ernst, sie zeigen, wie nervig und erschöpfend der Ramadan in der Hitze sein kann. Die Gäste lachen erleichtert.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Effekte des Fastens, neben der „Reinigung“ und „Erleuchtung“, die Identitätsstiftung, das Gefühl, etwas gemeinsam durchgestanden zu haben, „selbst wenn der Mundgeruch steigt wie der Dax“, wie Sami El-Ali dichtet. Er stellt sich mit den Worten vor, er sei Palästinenser, war aber noch nie in Palästina. „Deshalb rappe ich über das, was mir mehr am Herzen liegt.“ Er erzählt dann sehr lustig und mit Zitaten von Herbert Grönemeyer, wie sehr ihn der Ramadan quält, ohne blasphemisch zu werden. Denn Gotteslästerung ist im muslimischen Poetry Slam verboten. Grönemeyer und Ramadan, hier passt auf einmal alles zusammen.

Um neun wird die erlösende Dattel verteilt, die alle gemeinsam essen, das Büfett ist eröffnet. Die Gäste bilden erstaunlich geduldig eine lange Schlange, ganz deutsch. Eine junge Frau sagt, sie habe noch nie einen Fastenmonat durchgehalten, es sei ihr zu anstrengend. So ein Bekenntnis ist ziemlich mutig, der Gruppendruck, sich möglichst diszipliniert zu verhalten, nicht zu jammern, ist groß. Am Donnerstag feiern die meisten Muslime ihr Zuckerfest, dann kommt der Neumond, der Ramadan ist geschafft.