Mut und Wut: Berliner Verein Vitsche unterstützt die Ukraine trotz Sicherheitsbedenken

Berliner ukrainischer Herkunft riefen Ende Januar zu ihrer ersten Kundgebung auf. Sie setzen sich bis heute dafür ein, der Ukraine zu helfen – auch mit Waffen.

Krista-Marija Läbe ist Sprecherin des Vereins Vitsche.
Krista-Marija Läbe ist Sprecherin des Vereins Vitsche.Markus Wächter/Berliner Zeitung

Der Sitz des Vereins Vitsche befindet sich verborgen in einem Bürogebäude. Der Name ist auf keinem Klingelschild zu finden. Krista-Marija Läbe, Sprecherin von Vitsche, öffnet die Tür nach einem Anruf auf ihrem Handy. In welchem Bezirk sich das Büro in Berlin befindet, will der ukrainische Verein geheim halten. Das hat Gründe. 

Ein unbekanntes weißes Pulver fand sich im März in der aufgebrochenen Wohnung eines Aktivisten. Die Polizei habe die Ermittlungen inzwischen eingestellt, erzählt Krista-Marija Läbe.

Noch weitere Vorkommnisse der vergangenen Monate erscheinen ihr unheimlich. „Bei einigen wurden die Reifen aufgestochen, und es gab Hackerangriffe auf unsere Handys.“

Läbe äußert sich nicht dazu, wen sie hinter den Attacken vermutet. Ukrainische Aktivisten in Berlin berichten aber schon seit dem Beginn des Krieges im Donbass 2014, dass Unbekannte sie bei Kundgebungen gefilmt oder eingeschüchtert haben.

Die Mitglieder von Vitsche bleiben in der Regel anonym

Die 25 Jahre alte Aktivistin führt in das Büro des Vereins. Sie tritt anders als andere Mitglieder von Vitsche mit ihrem Namen in der Öffentlichkeit auf. Als Sprecherin sei das wichtig, um ernst genommen zu werden. „Ich muss darauf vertrauen, dass der Rechtsstaat mich schützt“, sagt Läbe. 

Die Büroräume wirken alles andere als konspirativ. Der Raum ist hell. Eine Couch steht in einer Ecke. Es fehlt nur noch ein Tischkicker, damit sich auch Mitarbeiter eines Berliner Start-ups wohlfühlen könnten. Ein Unternehmen habe dem Verein die Fläche zur Verfügung gestellt, verrät Läbe. Die ersten Treffen im Januar 2022 fanden in einer bei Ukrainern beliebten Bar in Kreuzberg statt. Vitsche nannten die, die sich trafen, den Verein. „Seit der Antike ist die Vitsche eine Versammlung freier Menschen, in der wichtige öffentliche Fragen diskutiert und entschieden werden“, ist heute auf der Website zu lesen.

Krieg lag bereits in der Luft. Russland zog Soldaten rund um das Nachbarland zusammen. Damals zweifelten viele Ukrainer daran, dass es dem russischen Präsidenten  mit seinem Truppenaufmarsch um mehr gehen könnte als um eine Drohkulisse. Krista-Marija Läbe hörte sich dagegen die Reden Putins an. „Die Rhetorik war so schrill. Ich hatte schon im Januar große Angst“, sagt sie. 

Die Ukrainer organisierten am 30. Januar die erste Kundgebung in Berlin. Die Ankündigung der damaligen Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, 5000 Schutzhelme für die Armee in die Ukraine zu schicken, sorgte für Kritik und Spott. „Wir haben damals deutlich gemacht, dass die deutsche Reaktion auf die russische Bedrohung nicht ausreicht. Und wir setzen uns immer noch dafür ein, das mehr getan wird“, sagt Läbe.

Ein Jahr später ist Boris Pistorius Verteidigungsminister. Die Bundesregierung hat sich nach einigem Zögern im Januar zur Lieferung von Leopard-2-Panzern an die Ukraine entschieden. Die Vitsche-Sprecherin fühlt sich ermutigt. Deutschland bewege sich, wenn auch langsam, sagt sie. „Vor einem Jahr hätte niemand von uns es für möglich gehalten, dass Deutschland jemals Panzer liefert.“ 

In einem Land mit einer historisch bedingten Aversion gegen Krieg scheint das Werben für Waffenlieferungen keine leichte Aufgabe zu sein. Die Vitsche-Sprecherin erinnert sich an die Demonstration gegen den russischen Angriff in Berlin am 27. Februar mit 100.000 Teilnehmern. Die Veranstalter forderten einen Rückzug der russischen Truppen aus der Ukraine und Friedensverhandlungen. „Wir wurden ausgeladen, weil wir uns schon damals für eine militärische Unterstützung ausgesprochen haben“, erzählt Krista-Marija Läbe.

Bei der für den ersten Jahrestag des russischen Überfalls angekündigten Kundgebung ist Vitsche dagegen dabei. Auch das spiegele die sich ändernde Stimmung in Deutschland wider. Eine Kundgebung für die Ukraine zu veranstalten und dabei auf Pazifismus zu pochen, falle heute niemandem mehr ein.

Krista-Marija Läbe hat eine ukrainische Mutter und einen deutschen Vater. Sie wurde in der Ukraine geboren, ist in Bayern aufgewachsen. Den Angriff auf das Herkunftsland eines Teils ihrer Familie am 24. Februar erlebte sie als traumatischen Einschnitt. „Ich war an dem Tag bei einer Kundgebung. Ich kann mich kaum an die Worte der Redner erinnern. Aber es gab das Gefühl, dass ich mit meiner Wut und meiner Trauer nicht alleine bin.“

Die Aktivisten von Vitsche arbeiten bis an den Rand der Erschöpfung

Sie erlebte auch die kommenden Wochen und Monate wie im Nebel. Vitsche organisierte Demonstrationen und unterstützte die Lieferung von Hilfsgütern in die Ukraine. Die Nächte seien kurz gewesen, an Schlaf selten zu denken, berichtet Läbe.

Nach einem halben Jahr sei bei vielen Ehrenamtlichen der Akku leer gewesen. Auch die Hoffnung, dass der Krieg rasch ein Ende fände, hatte sich im Sommer 2022 zerschlagen. „Wir haben dann vieles umstrukturiert“, sagt sie. Ziel sei es jetzt, einen langen Atem zu haben. Noch immer gehörten circa 15 Berliner mit ukrainischen Wurzeln zum harten Kern des Vereins. „Die meisten, die im Januar 2022 dabei waren, sind es immer noch.“

Für die kommenden Monate plant der Verein unter anderem Kulturprojekte mit ukrainischen Künstlern. Sie sollen ein Bild der Ukraine vermitteln, das über den Dreiklang von Krieg, Korruption und Sowjetvergangenheit hinausgeht. Die deutsche Öffentlichkeit habe vor dem 24. Februar über die Ukraine meist hinweggesehen, sagt Krista-Marija Läbe. Aber auch das ändere sich.