Gregor S. am Beginn des zweiten Verhandlungstages.
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BerlinDer mutmaßliche Mörder ging einen Tag vor seiner Tat noch einmal zum Friseur. Er wollte „passabel aussehen“, so seine Angaben. Er kaufte sich gutes Rasierzeug, damit niemand auf ihn aufmerksam wird. Dann erwarb er in Koblenz ein Messer und am Bahnhof eine Fahrkarte - auch für die Rückfahrt, falls sein Mordplan nicht aufgehen sollte. Am nächsten Tag, dem 19. November vorigen Jahres, fuhr Gregor S. nach Berlin und brachte Fritz von Weizsäcker um, den Chefarzt der Charlottenburger Schlossparkklinik und Sohn des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Gregor S. trägt an diesem zweiten Verhandlungstat im Prozess um den gewaltsamen Tod des 59-jährigen Fritz von Weizsäcker ein hellblaues Poloshirt, dunkle Jeans und Turnschuhe. Er ist wegen Mordes an dem Mediziner angeklagt und wegen versuchten Mordes an einem Polizisten, der Fritz von Weizsäcker helfen wollte und dabei lebensgefährlich verletzt wurde.

Für seine Erklärung, die Gregor S. in winziger Schrift auf mehrere Blatt Papier geschrieben hat, darf der Angeklagte an diesem Dienstag den Sicherheitsbereich im Saal 700 verlassen und zwischen seinen Anwälten Platz nehmen. Er wirkt stolz, als er seine krude Aussage macht, die eine Stunde dauert und vom Vietnamkrieg handelt, von seinem damit verbundenen Trauma und von der angeblichen Kollektivschuld der Familie des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäckers an den Millionen von Toten des Krieges.

Gregor S. findet in seiner 60 Minuten dauernden Erklärung kein Wort der Reue oder der Entschuldigung für die Familie seines Opfers: weder für die vier Kinder des Getöteten noch für dessen Lebensgefährtin oder dessen Schwester. Im Gegenteil: Er sei froh, dass Fritz von Weizsäcker tot sei. Für ihn sei diese Tat notwendig gewesen, sagt der in Andernach lebende Mann, der in Koblenz als Lagerist bei Amazon arbeitete - eine gescheiterte Existenz, die Mietschulden hatte und der die Lohnpfändung drohte. Mit dem Tod von Fritz von Weizsäcker habe er der Familie nicht mehr Leid zufügen können. Der Satz klingt fast wie ein Triumph.

Und das Motiv? Gregor S. sagt, er habe nicht verwinden können, dass Richard von Weizsäcker in den 1960er-Jahren als leitender Mitarbeiter eines Chemieunternehmens mitverantwortlich an der Produktion des Entlaubungsmittels Agent Orange gewesen sei. Agent Orange wurde im Vietnamkrieg als Chemiewaffe eingesetzt.

1991 habe er einen Artikel darüber gelesen, sagt Gregor S. Dadurch habe er erfahren, welchen „ganz speziellen Beitrag“ Richard von Weizsäcker am Vietnamkrieg geleistet habe. „Als Deutscher habe ich mich schuldig gefühlt“, so der Angeklagte. Er habe nie selbst recherchiert, welche Rolle das Unternehmen und vor allem Richard von Weizsäcker für die Produktion von Agent Orange gespielt habe. Warum auch? Nach einem angeblich missglückten Anschlag auf den Bundespräsidenten im Jahr 2001 sei ihm klar geworden, dass er an Richard von Weizsäcker nicht herankomme. Deswegen habe er den Fokus auf die Familie gelegt.

Psychiater: Gregor S. litt unter zwanghaften Wahnvorstellungen

Auf der Anklagebank sitzt ein Mann, der sich selbst als Zwangsneurotiker bezeichnet, der jahrelang im Internet über die Familie von Weizsäcker recherchiert hat, der dann auf den Vortrag stieß, den Fritz von Weizsäcker am 19. November vorigen Jahres in der Schlossparkklinik halten sollte. Am Tattag fuhr er nach Berlin.

Dort kaufte er wenige Stunden vor der Tat eine Schraubzwinge, „zerdepperte“ damit Handy und  Tablet und fuhr mit dem Bus zur Klinik. Nach dem Vortrag des 59-jährigen Fritz von Weizsäcker rammte er dem Arzt das Messer in den Hals. Der Mediziner verblutete noch am Tatort.

Gregor S. ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Er sei nicht geisteskrank, betont er immer wieder. Für Roland Weber, der in dem Verfahren die beiden minderjährigen Kinder des getöteten Arztes vertritt, gibt es Hinweise dafür, dass Gregor S. unter zwanghaften Wahnvorstellungen leidet. „Ich gehe derzeit davon aus, dass der Angeklagte im Zustand der verminderten Schuldfähigkeit gehandelt hat.“

Der Prozess wird fortgesetzt.