Der Angeklagte Gregor S.
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BerlinEs wird immer wahrscheinlicher, dass Gregor S., der mutmaßliche Mörder von Fritz von Weizsäcker, in der Psychiatrie landet. Am Freitag bescheinigte ihm der psychiatrische Sachverständige im Prozess vor dem Berliner Landgericht eine verminderte Steuerungsfähigkeit. Der 57-jährige Angeklagte habe eine „auffällig ausgeprägte Persönlichkeitsstörung“, sagte Alexander Böhle am sechsten Verhandlungstag.

Gregor S. aus dem rheinland-pfälzischen Andernach war am 19. November 2019 nach Berlin gefahren. Im Gepäck hatte der Lagerist ein Messer, mit dem er Fritz von Weizsäcker, den Chefarzt der Schlosspark-Klinik, nach einem Vortrag tötete. Mit nur einem Stich in den Hals. Seit Mitte Mai sitzt Gregor S. wegen Mordes und Mordversuchs an einem Polizisten, der bei der Attacke dazwischengegangen und dabei schwer verletzt worden war, vor Gericht. Motiv der Tat soll laut Anklage ein lang gehegter Hass auf die Familie von Richard von Weizsäcker gewesen sein. Gregor S. machte den einstigen Bundespräsidenten verantwortlich für das Leid der Menschen im Vietnamkrieg.

Von Weizsäcker war in der 1960er-Jahren im Vorstand einer Firma, die das Entlaubungsmittel Agent Orange mitproduziert haben soll. Als Richard von Weizßsäcker 2015 starb, rückte Fritz von Weizsäcker, Sohn des einstigen Bundespräsidenten, ins Visier des Angeklagten. Der Mediziner musste aus Gründen der „Kollektivschuld“ sterben, so die Anklage.

Gutachten: Gregor S. sei zwanghaft und unfähig, Freude zu empfinden

Böhle zeichnete in seinem Gutachten das Bild eines Menschen mit einer Zwangsstörung, der sich immer wieder die Hände waschen musste, der aber andererseits in einer völlig verwahrlosten Wohnung lebte. Der seiner Arbeit bei Amazon mit äußerster Penibilität nachging, aber keine Freunde hatte. Der aufbrausend war und unfähig, Freude zu empfinden. Da sich der Angeklagte von dem Sachverständigen nicht begutachten ließ, musste Böhle auf Akten und die Angaben des Angeklagten und von Zeugen im Prozess zurückgreifen.

Schon einmal soll Gregor S. einen Arzt mit einem Messer attackiert haben. Das war 1982. Nach Informationen des Hausarztes von Gregor S. kam der Patient häufig mit Knochenbrüchen in die Praxis – weil er wohl oft in Schlägereien verwickelt gewesen sei. Fünfmal habe der Hausarzt Gregor S. wegen depressiver Schwankungen an einen Psychiater überwiesen. „Doch dort landete der Mann nie“, sagte Böhle.

Aus dem Leben von Gregor S. ist nicht viel bekannt. Er erwarb die Hochschulreife, begann 1987 ein Studium. Er wisse nicht, was daraus geworden sei, so Böhle. In jener Zeit begann Gregor S. jedes Jahr nach Thailand zu fahren. 1991 las er einen Zeitungsbericht über die Rolle Weizsäckers bei der Herstellung von Agent Orange, der ihn seitdem immer wieder beschäftigte. „Er war generell empört über das Unrecht in der Dritten Welt“, sagte Böhle.

Gregor S. erlebte sich nach den Worten des Gutachters als Getriebener. Böhle erklärte, dass es bei dem Angeklagten zwar eine wahnhafte Entwicklung innerhalb der Zwangsstörung gebe. Diese habe aber nicht zur völligen Aufhebung der Steuerungsfähigkeit geführt. Böhle konnte für den Angeklagten keine positive Prognose erstellen. Zur Gefährlichkeit sagte er, zwar sei mit der Tat „die Luft raus“. Aber er könne nicht sagen, ob das so bleibe. Gregor S. selbst machte seinem Ärger über das Gutachten immer wieder lautstark Luft. „Du hast mich falsch interpretiert, du Pfeife“, rief er einmal dazwischen.

Matthias Schertz, der Vorsitzende Richter, gab am Ende des Verhandlungstages noch einen rechtlichen Hinweis. Es komme für den Angeklagten durchaus eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht.

Ein Urteil wird am Mittwoch erwartet.