Gregor S. ist ein Mörder, so urteilte das Berliner Landgericht am Mittwoch. Wegen einer psychischen Erkrankung kommt der 57-Jährige in die Psychiatrie.
dpa/Jörg Carstensen

BerlinDas letzte Wort, das jeder Angeklagte hat in einem Gerichtsprozess, sollte wohl eine Botschaft sein. Nach dem Motto: Ihr macht doch mit mir, was ihr wollt. „Der Drops ist gelutscht“, sagte Gregor S. am Mittwochnachmittag am Ende seiner Einlassung. Es sind seine letzten Worte. Gregor S. ist der Mann, der Fritz von Weizsäcker umgebracht hat, den Chefarzt der Schlosspark-Klinik in Charlottenburg. Den Vater von vier Kindern.

Eine Stunde später ergeht am Landgericht Berlin das Urteil gegen Gregor S. Der 57-jährige Mann aus dem rheinland-pfälzischen Andernach hat sich des Mordes an dem Berliner Arzt schuldig gemacht. Und auch des versuchten Mordes an dem Polizisten Ferrid Brahmi, der bei der Messerattacke auf den Mediziner zu Hilfe geeilt war. Zwölf Jahre Haft lautet das Urteil.

Das ist für einen Schuldspruch wegen Mordes ungewöhnlich, weil Mord nur die lebenslange Freiheitsstrafe zulässt. Doch Gregor S. ist psychisch krank und war zur Tatzeit vermindert schuldfähig. Deswegen wird der Strafrahmen nach unten gesetzt. Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten eine Haftstrafe von 14 Jahren gefordert.

Gregor S. wird aber zudem in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Er zeigt keine Anzeichen von Reue, deswegen ist davon auszugehen, dass der Lagerist auch nach 15 Jahren den Maßregelvollzug, die Klinik für psychisch kranke Straftäter, nicht verlassen kann.

Fritz von Weizsäcker sei völlig arg- und wehrlos gewesen, als der Angeklagte am 19. November vorigen Jahres mit einem Messer wuchtig und in Tötungsabsicht auf den Arzt eingestochen habe, sagt Matthias Schertz, der Vorsitzende Richter, in seiner Urteilsbegründung, an diesem achten Verhandlungstag. „Wer in den Hals sticht, der nimmt den Tod eines Menschen billigend in Kauf und weiß auch, dass das tödlich enden kann“, so Schertz. Zudem habe der Angeklagte töten wollen.

Das Motiv der Tat mutet absurd an: Gregor S. wollte sich rächen an der Familie des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Den man der Angeklagte für das Leid von Hunderttausenden Menschen im Vietnamkrieg verantwortlich. Der Angeklagte hatte nach eigenen Worten 1991 einen Spiegel-Artikel über das Entlaubungsmittel Agent Orange gelesen und sei danach, wie er sagte, traumatisiert gewesen. Obwohl er nicht selbst betroffen war und nie in Vietnam war.

Der Artikel hieß „Der Tod aus Ingelheim“ und beleuchtete die Rolle einer Firma, die Säure für Agent Orange geliefert haben soll. Richard von Weizsäcker hatte in den 1960er-Jahren im Vorstand des Unternehmens gesessen. Als der Bundespräsident 2015 starb, wollte der Angeklagte ein Familienmitglied töten aus „Gründen der Kollektivschuld“, wie es die Staatsanwältin Silke von Sweringen noch am Mittwochmittag in ihrem Plädoyer formuliert hatte. „Der Tod kam nicht aus Ingelheim, er kam aus Andernach. Und er kam völlig überraschend aus dem Nichts“, hatte sie gesagt. Der Vorsitzende Richter erklärt dazu im Urteil, Gregor S. habe sich selbst das Motiv der Kollektivschuld „gebastelt“.

Gregor S. sei seit längerer Zeit verhaltensauffällig gewesen, so Schertz. Der angeklagte Lagerist habe nicht eine „gerechtigkeitsschaffende“ Tat vollendet, so wie es Gregor S. beteuert habe, sondern ein schweres Verbrechen.

Schertz zeichnet in seiner Urteilsbegründung das Bild eines Einzelgängers, der zwangsneurotisch sei, der sich immer wieder die Hände wasche, der den Lichtschalter nur mit dem Fuß betätige – aus Angst vor Keimen. Der aus demselben Grund alle Dinge mit einem Taschentuch berühre. Der aber andererseits in einer  völlig verwahrlosten Einzimmerwohnung lebte und schon 2001 versucht habe, einen Anschlag auf Richard von Weizsäcker zu begehen. Nach dem Tod des einstigen Bundespräsidenten im Jahr 2015 habe Gregor S. damit begonnen, das Leben der Kinder zu recherchieren.

Er fand im Internet den Vortrag von Fritz von Weizsäcker über das Thema Fettleber, den der 59-jährige Arzt am 19. November vorigen Jahres halten sollte. Schertz sagt, dass sich Gregor S. gut vorbereitet habe auf diesen Abend. So sei er vorher zum Friseur gegangen und haben sich rasieren lassen, wie er es wohl seit 20 Jahren nicht mehr so richtig getan habe. „Er fährt dann mit der Bahn nach Berlin, um Fritz von Weizsäcker zu töten“, sagt der Richter.

Gregor S. habe den Vortrag verfolgt, um dann auf den völlig arg- und wehrlosen Mediziner in Tötungsabsicht einzustechen. Der Polizist Brahmi, zufällig auch beim Vortrag, sei dazwischengegangen. Gregor S. habe daraufhin beschlossen, den Beamten „als Störer“ seines Vorhabens auszuschalten. Während Fritz von Weizsäcker verblutete, wurde Ferrid Brahmi durch den Angeklagten schwer verletzt. Schertz nennt den Angeklagten einen für die Allgemeinheit gefährlichen Menschen, der keine Einsicht in seine Krankheit habe.

Gregor S. ist mit dem Urteil nicht einverstanden. Er will nicht in die Psychiatrie. Seine Anwälte sagen, sie werden wohl in Revision gehen.