Berlin - „Mein Vater war absolut selbstständig und freiheitsliebend. Er war in unserer Familie immer der Starke. Doch nun erlebe ich einen Mann, der völlig aus dem Leben gerissen wurde. Mit einem Schlag. Und das ist absolut erschütternd“, sagt Thomas H. an diesem Montag als Zeuge vor Gericht. Thomas H. ist die Bestürzung anzumerken. Der 63-Jährige ist den Tränen nah.

Thomas H. spricht von seinem Vater Gerhard H., der bis November des vergangenen Jahres ein rüstiger Mann war und in seiner Wohnung in der Wollankstraße in Wedding allein zurecht kam. Bis er mit 87 Jahren Opfer eines Überfalls wurde. Seitdem ist der einstige Polizeibeamte und Hobbyboxer ein Pflegefall.

Keine drei Meter von dem Zeugen entfernt sitzt an diesem ersten Verhandlungstag Leszek S. auf der Anklagebank. Der 50-jährige gelernte Maler muss sich wegen versuchten Raubes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ihm wird vorgeworfen, Gerhard H. am 28. November gefolgt zu sein und Geld von ihm gefordert zu haben.

Ärzte konnten sein Auge nicht mehr retten

Gerhard H. kam aus dem nahen Supermarkt, trug in jeder Hand eine Einkaufstüte. Als er sich weigerte, sein Geld herauszugeben, soll Leszek S. dem Senioren mehrmals wuchtig mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen haben. Dabei wurde Gerhard H. schwer verletzt. Der mittlerweile 88-Jährige erlitt ein Schädelhirntrauma. Er musste mehrfach operiert werden, lag zeitweise auf der Intensivstation. Ärzte konnten sein linkes Auge nicht mehr retten, das rechte Auge hat ein Sehvermögen von nur noch 20 Prozent. Damit könne er nur Umrisse erkennen, sagt sein Sohn.

Leszek S. hat gleich zu Beginn des Prozesses die Tat eingeräumt, an die er sich nach eigenen Worten so recht nicht erinnern könne. Der Angeklagte erklärte, ein Alkoholproblem zu haben. Am Tattag habe er eine große Flasche Wodka getrunken. Er sei getorkelt, daran entsinne er sich. Doch der Rest sei „wie hinter Nebel“. Bei der Polizei hatte Leszek S. ausgesagt, er habe damals sein Handy vermisst. Aus Wut darüber will er den Erstbesten verprügelt haben.

Der Angeklagte bestätigte: So könne es gewesen sein. Er wisse aber nicht, ob der Erstbeste der alte Herr gewesen sei. Er entsinne sich nur noch, dass er mit der Faust zugeschlagen habe. Dass er Geld verlangt haben soll, wisse er nicht mehr.

Der Angeklagte suchte vor Gericht scheinbar verzweifelt eine Erklärung für das Geschehene. Er könne nicht glauben, dass er das gemacht habe, sagte er immer wieder. Leszek S. ist nicht vorbestraft, weder in Deutschland noch in seiner Heimat Polen. Er sei nach Berlin gekommen, um hier eine Firma zu gründen. Er bitte für das, was geschehen sei, um Verzeihung. Gerhard H. möge ihm vergeben.

Mobiltelefon vom Tatort führte zum Täter

Auf die Spur von Leszek S. waren die Ermittler durch das Handy des Angeklagten gekommen, über dessen Verlust der Angeklagte angeblich so wütend geworden war. Zwei Männer, die Gerhard S. zu Hilfe geeilt waren, hatten das Smartphone am Tatort gefunden und geglaubt, es sei das Mobiltelefon des Opfers. Sie steckten es in eine der Einkaufstüten von Gerhard H. Später im Krankenhaus erklärten seine beiden Söhne, dass das Handy nicht ihrem Vater gehöre. Ermittlungen führten zu dem Eigentümer und damit dem mutmaßlichen Täter: Leszek S. DNA-Spuren von ihm konnten zudem an der Kleidung des schwerverletzten Opfers gefunden werden.

Rechtsanwalt Roland Weber, der Gerhard H. vor Gericht als Nebenkläger vertritt, sagt nach dem ersten Verhandlungstag, sein Mandant baue zunehmend körperlich und geistig ab. „Weil durch die Tat ein Großteil seiner Lebensfreude geraubt wurde“, erklärt Weber. Ob sich der Angeklagte wegen eines übermäßigen Alkoholkonsums wirklich nicht erinnern könne oder dies nur eine Schutzbehauptung sei, um nicht zu dieser beispiellos feigen Tat stehen zu müssen, werde die Beweisaufnahme zeigen.

Die beiden Söhne von Gerhard H. haben für ihren Vater einen Schwerbehindertenausweis beantragt. In dem Dokument, das Gerhard H. eine hundertprozentige Einschränkung bescheinigt, steht ein Adjektiv: hilflos.

Der Prozess wird fortgesetzt.