Weißer Marmor und ein gebrochenes Herz: Karin G. stellt manchmal Figuren auf Keiras Grab. 
Foto: Thomas Uhlemann

BerlinDer Gedanke ist jeden Tag präsent. Der Gedanke, es irgendwie zu Ende zu bringen. Mit Tabletten vielleicht oder mit einem Messer. Vor allem abends, wenn Karin G. allein in ihrer Wohnung in Alt-Hohenschönhausen ist. Wenn sie nur mit Rocci, den sie ihren Therapiekater nennt, auf der Couch des Wohnzimmers sitzt. Dort, wo sie ihre Tochter Keira fand. Blutüberströmt, mit einem Schal um den Kopf, der wie ein Knebel zweimal fest um Mund und Nase gewickelt war. Mindestens 23-mal hatte der Mörder auf den Körper der 14-Jährigen eingestochen. Drei Stiche hätten allein zum Tode geführt. Das war vor genau zwei Jahren.

Karin G. will reden über das Geschehene. Sie will erzählen, wie es Hinterbliebenen nach so einer Tat geht. Wie wenig Unterstützung sie erhalten. „Es sprechen sehr wenige Betroffene über das, was danach kommt. Wir leben in einer Täterkultur“, sagt sie. Täter bekämen wenn nötig Therapien. Opfer müssten darum kämpfen.

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Keine Antwort auf das Warum

Karin G. möchte über ihren Schmerz reden, über die wenigen Momente der Freude in ihrem Leben. Aber sie will nicht in ihrer Wohnung darüber sprechen. Die drei Zimmer seien ihr Reich, und das ihrer Tochter – auch wenn ihr Kind nicht mehr da ist. Die Wohnung sollte einmal auch für Keira bestimmt sein, für ihren Freund, den sie finden würde. Ihre Mutter wollte kurz nach dem Mord wegziehen, weil sie dachte, die Tat habe ein Fremder begangen. Doch als sie wusste, es war jemand, den die Tochter ihr gegenüber Bruder nannte, blieb sie.

Karin G. geht fast jeden Tag auf den Friedhof, auf dem ihre Tochter beerdigt ist.
Foto: Thomas Uhlemann

Keiras Mutter hat den Friedhof in der Konrad-Wolf-Straße in Hohenschönhausen als Treffpunkt vorgeschlagen. Dort ist das Grab ihres einzigen Kindes, das sie allein großgezogen hat. Karin G., eine großgewachsene Frau mit sportlicher Figur, hat einen Keramikhasen mitgebracht, den sie zwischen die bunten Blumen stellt. Zwischen die Rosen, Tulpen und Stiefmütterchen. Die aufkommenden Tränen lächelt die 43-Jährige weg. Sie schaut in den Himmel, als würde sie dort etwas suchen, was sie nicht findet, wohl auch niemals finden wird. Eine Antwort auf das Warum.

Täglich auf dem Friedhof

Am vergangenen Sonntag hat Karin G. das Grab bepflanzt und die Engelsfiguren, die Fremde mitgebracht haben, hinter den weißen Marmorstein gestellt. Keira mochte keine Engel. Aber die Figuren ganz wegzunehmen, das hat Karin G. auch nicht übers Herz gebracht. Schließlich habe jemand die Engel aus Anteilnahme mitgebracht, sagt sie. Der Grabstein aus weißem Marmor zeigt ein Herz mit einem Riss.

Darauf ist ein Foto von Keira zu sehen, von Koko, wie sie von Freunden genannt wurde. Keiras Großmutter wollte keinen weißen Marmor, weil der so schnell verschmutzt. Doch Karin G. hat sich durchgesetzt. Sie wischt mit ihren Stoffhandschuhen den Marmor sauber. Sie putzt den Stein immer, wenn sie bei Keira ist. Sie ist oft auf dem Friedhof, fast täglich. Der Stein leuchtet hell in der Sonne.

Es ist ein schöner Märztag, der erste wirkliche Sonnentag des Jahres nach all der grauen, regenreichen Zeit zuvor. Gleich hinter der Friedhofsmauer ist das Eisschnelllaufstadion zu sehen. Karin G. hat das Grab wegen der Nähe zum Stadion ausgewählt. Eigentlich, so sagt sie, habe sie ihre Tochter direkt an der Mauer beerdigen wollen. Doch dort gibt es nur Gemeinschaftsgräber.

So viele Zukunftspläne

Im Stadion hat Keira oft trainiert. Sie war ein Eisschnelllauftalent, hat Wettkämpfe gewonnen, war beliebt, lebensfroh und hilfsbereit. Sie hatte Pläne. Keira wollte mit ihrer Mutter nach Abu Dhabi fliegen, sie hatten für Ostern gebucht. Die Jugendweihe stand an. Das Mädchen hatte vor, mit 17 den Führerschein zu machen. Sie hätte das Auto ihrer Mutter fahren können, so war es geplant. Keira wollte Südkorea erkunden, ihr Traumziel. Sie wusste schon, was sie einmal werden wollte: Polizistin. „Meine Tochter hatte viel vor“, sagt Karin G. und blickt versonnen auf den Grabstein. Karin G. erzählt das alles, um den Aussagen des Mörders entgegenzutreten, ihre Tochter habe sterben wollen.

Keiras Träume und Pläne platzten, und die Lebensfreude ihrer Mutter versiegte. Am 7. März 2018 packte Hannes E., ein damals 15 Jahre alter Schulkamerad von Keira, ein Küchenmesser, Handschuhe, Schuhschoner und Kleidung zum Wechseln in seinen Rucksack und fuhr von der elterlichen Wohnung in Weißensee nach Alt-Hohenschönhausen. Zu Keira. Er gab vor, mit ihr Schularbeiten machen zu wollen. Hannes E. ist nicht sein richtiger Name, seine Verteidiger haben gerichtlich durchgesetzt, den wahren Vornamen nicht zu nennen.

Reine Mordlust

Hannes E. wuchs auf in einer evangelischen Familie. Er plante schon lange, das Mädchen, das für ihn geschwärmt hatte, umzubringen. Der Junge wollte sehen, ob er es aushält, einen Menschen zu töten. Keira, das zeigen die Verletzungen, muss sich gegen den Angriff heftig gewehrt haben. Das Gericht stellte in seinem Urteil fest, dass die Aussage des Schülers, Keira habe sich umbringen lassen wollen, abwegig ist. Hannes habe aus reiner Mordlust gehandelt, als er immer wieder auf Keira einstach. Er habe sich mit dem Joker identifiziert, dem Gegenspieler Batmans. Einem Irren, der tötet, um des Tötens willen. Keiras Mörder hatte sich sogar die Haare grün gefärbt. Wie der Joker.

Hannes E. wurde mehr als acht Monate nach der Bluttat in einem nichtöffentlichen Verfahren von einer Jugendstrafkammer wegen Mordes zu neun Jahren Haft verurteilt. Er soll sich therapieren lassen. Ob er Hilfe in Anspruch nimmt, ist unklar. Die rechtskräftige Strafe sitzt Keiras Mörder derzeit in der Jugendstrafanstalt ab. Es heißt, er wolle Abitur machen. Der mittlerweile 17-Jährige gehe jeden Sonntag zum Gottesdienst und bekomme alle zwei Wochen Besuch von seiner Mutter.

Warten auf Reue

Karin G. kennt das Urteil. Es ist Bitternis in ihrer Stimme, als sie sagt, sie habe keine Tochter mehr, die sie besuchen, mit der sie reden, streiten, lachen, die das Abi ablegen könne. „Meine Tochter ist tot, ermordet.“ Von einem Jungen, den Keira ihren Bruder genannt habe.

Karin G. hat jeden Verhandlungstag Hannes E. im Gerichtssaal gegenübergesessen – als Nebenklägerin. Sie hat gesehen, wie die Mutter des Angeklagten dem Sohn die Hand hielt. Sie hat gewartet auf Reue, auf eine Entschuldigung. Auf ein Wort der Eltern des Jungen. Sie hätte das als normal empfunden.

Doch es kam nichts. Weder von Hannes E. noch von seinen Eltern. Nichts, womit sie hätte weiterleben können. Nichts, was die Frage nach dem Warum hätte irgendwie beantworten können. Karin G. weiß, dass sie keine Schuld hat. Aber sie fühlt sich trotzdem schuldig. Wie es jede Mutter tun würde, auch wenn sie an dem, was geschehen ist, keinen Anteil hat. „Wenn ich damals früher nach Hause gekommen wäre, hätte er es an einem anderen Tag versucht“, ist sie überzeugt. Aber da ist dieses „wärest du doch“ in ihrem Kopf, immer wieder. Dieses „wärest du doch früher nach Hause gekommen“ kann sie nicht abstellen.

Der Zehn-Jahres-Plan

Karin G. weiß noch, dass sie ihr Mädchen damals anrufen wollte, wie jeden Tag, wenn sie nach der Arbeit in ihr Auto stieg, um nach Hause zu fahren. „Mausi, ich komme jetzt“, wollte sie ihrer Tochter nur kurz mitteilen. Doch das Klingeln auf Keiras Handy verhallte. Im Nichts. Zum Mörder ihrer Tochter sagt Karin G., sie hasse ihn nicht, sie empfinde nichts für ihn. Da sei nur Leere.

Die 43-Jährige will weg vom Friedhof, auf dem sie sich ihrer Tochter so nah fühlt. Auf dem sie so gern auf ihrer eigenen Bank sitzt, die gleich neben dem Grab an einem Baum angeschlossen ist. Und an der sie immer Nüsse für die Eichhörnchen ablegt. Die putzigen Tierchen, die ihre Tochter so mochte. Karin G. lenkt ihre Schritte in ein Café direkt gegenüber dem Friedhof und der Eisschnelllaufhalle. Der Wirt hinter dem Tresen nickt Keiras Mutter freundlich zu. Einstige Sportkameraden der Tochter kommen an den Tisch, um ein wenig zu plaudern. Wie geht’s? Wir sehen uns. Bis demnächst.

Karin G. ist jetzt manchmal Wettkampfrichterin bei Wettbewerben, die vielleicht ihr Tochter auch absolviert hätte. Sie ist dem TSC, Keiras Verein, beigetreten, und will auch selbst den Sport ihrer Tochter lernen. Bisher trainiert sie nur mit Eishockeyschuhen und nicht auf langen Kufen. Sie hat sich nach dem Tod ihrer Tochter vorgenommen, einmal richtig über das Eis flitzen zu können. Karin G. nennt das ihren Zehn-Jahres-Plan.

Noch nicht am Ende

Als Keiras Sportfreunde zum Training aus dem Café eilen, holt Karin G. ihr Handy aus der Tasche. Sie sucht die Fotos, die sie am Vortag von Keiras Großeltern bekommen hat. Von Oma und Opa, die die einzige Enkelin so sehr liebten. Die Fotos zeigen Keira als kleines Mädchen auf einer Schaukel in schwindelerregender Höhe und das besorgte Gesicht ihrer Mutter. Karin G. lächelt, als sie das Foto sieht.

Auf anderen Bildern steht Keira am Meer, sitzt mit ihrer Mutter auf einem Pferd oder hängt kopfüber an einem Klettergerüst. „Sie war ein Wirbelwind“, sagt die Mutter. Wieder kommt dieser traurige Glanz in ihre Augen, dieser Tränenschimmer, diese Verzweiflung. Sie schaut nach unten, lange. Dann lacht sie. Ganz kurz. Und ihre Augen sind wieder klar, als ob sie sagen wollten, ich bin noch nicht am Ende.

Medikamente gegen Depressionen

Karin G. hat lange kämpfen müssen, damit ihr geholfen wird. Sie hat die Beerdigung von Keira organisiert, auch wenn sie dazu emotional kaum in der Lage war. Doch wer sollte ihr die Behördengänge auch abnehmen? Sie hat Formulare ausgefüllt, damit sie als Hinterbliebene anerkannt wird. „Jeder, der arbeitslos wird, bekommt jemanden an die Seite, der alles regelt. Wird aber deine Tochter umgebracht, dann stehst du erst einmal allein da mit deinem Schmerz.“

Karin G. bekommt seit Ende vergangenen Jahres eine Opferrente von 205 Euro im Monat. Sie musste als Mutter zum Gutachter, musste erklären, warum es ihr schlecht geht. Warum sie keinen Schlaf findet. Warum sie krankgeschrieben ist. Sie ist seit dem Tod der Tochter in Therapie. Seit diesem Januar braucht sie Medikamente gegen ihre Depressionen. Sie hat der Notfallseelsorge zugesagt, einen Flyer für Hinterbliebene mitzugestalten.

Warum ausgerechnet mein Kind?

Keiras Mutter fragt sich manchmal, was sie falsch gemacht habe, warum das Leben sie so strafe. Demnächst muss sie noch einmal alles durchleben. Dann steht eine Freundin von Hannes E. vor Gericht. Ein Mädchen, dass von den Mordplänen gewusst haben soll. Karin G. wird in diesem Verfahren, das in wenigen Tagen beginnt, wieder Nebenklägerin sein und sich fragen: Warum? Warum ausgerechnet mein Kind? Sie wird keine Antwort darauf erhalten.

Keiras Mutter will sich den eigenen Todesgedanken, die sie täglich quälen, nicht hingeben. Das sagt sie jedenfalls. Und sie wirkt auch so. Sie wirkt wie eine starke Frau. Nach dem Tod der Tochter habe sie mit ihrer Mutter eine Vereinbarung getroffen. Keiras 74-jährige Großmutter soll nach ihrer Enkeltochter nicht auch noch Karin G., ihre Tochter, beerdigen müssen. „Das habe ich ihr versprochen“, sagt sie. Das Versprechen will sie halten.