Julia S., Constantins Mutter, mit einem Foto ihres Sohnes.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinAm Brunsbütteler Damm, dort, wo die Nauener Straße einmündet, steht ein weißes Kinderfahrrad. Am Lenker lassen zwei braune Plüschhasen ihre Ohren traurig hängen. Ein Meer aus Kuscheltieren und Grabkerzen umgibt das Rad. Dazwischen steht ein Strauß frischer gelber Rosen.

Weiß gestrichene Fahrräder, aufgestellt von Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), erinnern in Berlin an Radfahrer, die im Straßenverkehr getötet wurden. Doch dieses Kinderfahrrad in Spandau ist anders. Es ist kein „normales“ Geisterrad, das nach dem Totensonntag wieder aus dem Straßenbild verschwindet. Es steht schon seit 16 Monaten dort.

Auf dem Kinderrad hat Constantin das Fahrradfahren gelernt. Es gehörte einst seiner großen Schwester. Constantins Vater musste es blau lackieren. Jungs fahren schließlich nicht mit einem lilafarbenen Fahrrad durch die Gegend. So hatte es Constantin seinen Eltern erklärt.

Junge starb vor den Augen seiner Mutter

Genau ein Jahr, bevor der Junge starb, bekam Constantin ein neues, ein größeres Fahrrad. Damit fuhr der Zweitklässler zur Schule. Seine Mutter radelte jeden Morgen hinter ihm, sie passte auf, dass dem Kind nichts passiert. Sein altes Kinderfahrrad aber hatte Constantin ins Herz geschlossen. Seine Eltern durften es nicht verkaufen. Sie mussten das Rad für ihren Sohn im Keller aufbewahren.

Nun steht es an dieser viel befahrenen Kreuzung. An der Stelle, an der der Junge am 13. Juni 2018 auf dem Weg zur Schule tödlich verunglückte. Der Fahrer eines Lkw übersah das Kind beim Rechtsabbiegen. Der Laster erfasste den bei Grün fahrenden Jungen. Constantin stürzte. Der Lkw-Fahrer bemerkte weder den Sturz des Jungen, noch, dass das rechte Hinterrad seines Lasters den Kopf des Kindes überrollte. Vor den Augen der Mutter. Der Junge war sofort tot. Fünf Tage vor seinem achten Geburtstag.

An der Kreuzung Brunsbütteler Damm / Nauener Strasse fand der tödliche Unfall statt.
Foto: Olaf Wagner

Fotos bewahren sein Andenken

Die Altstadt von Spandau liegt keine zehn Fahrradminuten von der Unfallstelle entfernt. Weihnachtsmusik schallt durch die Straßen, es duftet nach gebrannten Mandeln und Bratwurst. In einer kleinen Nebenstraße wohnen Julia und Alexander S., Constantins Eltern, und seine beiden Schwestern, 15 und 16 Jahre alt.

Auf einem kleinen Tischchen im Wohnzimmer der Maisonette-Wohnung steht ein Foto von Constantin. Ein verschmitzt lächelnder Junge mit runden Brillengläsern ist darauf zu sehen. Vor dem Foto brennt eine Kerze. Nicht nur in der Vorweihnachtszeit.

An der Wand dahinter, zwischen den Fotos der drei Kinder, hängt die blau-graue Basecap des Jungen. An der weiß getünchten Tapete fällt zudem ein buntes Bild auf, dass von Kinderhand auf Leinwand gemalt wurde. Es zeigt Batman. Es ist das letzte Bild, das Constantin zeichnete. Er hat es wie ein Künstler signiert. „Consti“ steht in der rechten unteren Ecke des Bildes.

In ihrer Wohnung hängen mehrere Fotos und selbst gemalte Bilder von dem toten Sohn.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

LKW-Fahrer durfte den Führerschein behalten

Malen sei die Leidenschaft seines Sohnes gewesen, sagt Alexander S. Constantin habe schon eine eigene Staffelei besessen. Und wenn Constantin Lust gehabt habe zu malen, dann habe er gefragt: Papa, wollen wir? Alexander S. malt selbst. Seine Bilder, doppelt so groß wie die des Sohnes, hängen an einer anderen Wand des Zimmers.

Alexander S., 49, nimmt das Batman-Bild von der Wand, er streicht versonnen darüber, dann wischt er sich verstohlen die Tränen aus den Augen. Er lächelt seiner Frau zu, sie lächelt zurück und nickt. Constantins Eltern wollen reden. Über ihren toten Sohn, über den Unfall. Über Hilfe, die es für Hinterbliebene nur schwer gibt. Über Politiker, die den Lkw-Verkehr sicherer machen könnten, es aber nicht tun.

Sie wollen reden, jetzt, da der Prozess um den Tod ihres Jungen gerade vorbei ist. Da sie endlich in Ruhe trauern können, ohne immer an die Verhandlung denken zu müssen. Vor zwei Wochen erst stand der Lkw-Fahrer vor Gericht, der Constantins Tod verschuldet hat. Die Eltern des Jungen saßen dem Mann gegenüber. Sie hofften seit eineinhalb Jahren auf ein persönliches Wort der Anteilnahme, auf eine ehrliche Entschuldigung. Sie wurden enttäuscht.

Keine Geldstrafe für den Fahrer

Der mittlerweile arbeitslose Mann wurde vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Den Führerschein durfte er behalten. Obwohl er gerade einmal vier Wochen nach Constantins Tod über eine rote Ampel gefahren und dabei geblitzt worden war.

Der Lkw-Fahrer, der den Unfall verursacht hat, wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Foto: Olaf Wagner

Julia und Alexander S. haben überlegt, ob sie gegen das Urteil Berufung einlegen sollten. Eine Woche hatten sie Zeit. Sie haben sich dagegen entschieden. Nicht, weil sie den Richterspruch als gerecht empfinden würden. Was ist schon gerecht, wenn ein Kind auf solch tragische Weise ums Leben kommt. Wenn eine Familie auf solche Art aus der Bahn geworfen wird. Wenn bei einem solchen Unglücksfall nicht sofort professionelle Hilfe angeboten wird – weder von den Behörden, noch von den Krankenkassen.

Was nutzt es, wenn die Betroffenen erst Monate nach so einem Unglück einen Termin beim Traumatherapeuten bekommen. Julia S., die den Tod des eigenen Kindes mitansehen musste, wartete länger als ein halbes Jahr darauf.

„Was hätte eine Berufung gebracht?“, fragt Constantins Mutter nun. Sie wirkt gefasst, als sie sich selbst die Frage beantwortet. Der Fahrer habe schon die höchstmögliche Strafe bekommen – Bewährung. Und keine Geldstrafe, wie üblich in solchen Fällen von fahrlässiger Tötung.

Schuld liegt nicht bei Sohn oder Mutter

Immerhin müsse der Lkw-Fahrer auch die Kosten des Verfahrens tragen. Anwälte bezahlen, den Gutachter, der bescheinigt habe, dass der Angeklagte den Jungen und dessen Mutter auf dem gut einsehbaren Radweg habe sehen können, ja sehen müssen. Viele Sekunden lang. Hätte er nur in seine Rückspiegel geschaut. Der Gutachter bescheinigte auch, dass der Lasterfahrer beim Abbiegen nicht angehalten habe und vermutlich bei Rot gefahren sei.

Julia S. weiß, dass ihr Sohn keine Schuld trägt. Dass auch sie, die Mutter, nichts falsch gemacht hat. Doch was taugt diese Gewissheit. Sie bringt ihr den Sohn nicht wieder zurück.

Constantins Eltern haben kein Auto, seit Jahren schon nicht mehr. Wozu auch, wenn man in Spandau lebt und arbeitet. „Wir können hier alles mit dem Fahrrad wunderbar erreichen“, sagt Alexander S., der in der Altstadt ein kleines Geschäft hat. Und so entfalle die nervige Suche nach einem Parkplatz. Auch Constantins Schulweg war bequem und eigentlich auch sicher. Er fuhr üblicherweise mit seiner Mutter am Havelufer entlang, ohne eine Straße kreuzen zu müssen. Doch am 13. Juni vergangenen Jahres holte Julia S. ihren Sohn bei den Großeltern ab, bei denen Constantin übernachtet hatte.

Sohn wäre kurz nach Unfall acht geworden

Constantins Mutter ist Erzieherin von Beruf. Sie kümmert sich um behinderte Kinder, sie weiß, was es heißt, Verantwortung zu tragen. An jenem Morgen sprach sie mit Constantins Großeltern noch kurz über den anstehenden Geburtstag des Jungen.

Im Garten war alles für die Party mit der Familie und den Freunden des Sohnes vorbereitet. Der Rasen war gemäht. Die Getränke standen bereit. Die Würstchen waren gekauft. Constantin freute sich. Er hatte sich ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft gewünscht. Der Junge spielte gerne Fußball. Auch an jenem Mittwoch hätte er am Nachmittag Training gehabt.

Julia S. sagt, sie sei mit ihrem Sohn auf dem Radweg der Nauener Straße gefahren. Viele Kinder nutzten diesen Weg zur Schule. Am Brunsbütteler Damm hätten sie an der roten Ampel gewartet. Als es grün geworden sei, habe sie ihrem Sohn zugerufen: „Fahr los!“ Zu spät sah sie den Lkw, der um die Ecke bog. Der Laster touchierte das Rad des Kindes. Constantin stürzte.

Keine Einsicht des Lkw-Fahrers

Seine Mutter erinnert sich, dass sie damals ihr Fahrrad zur Seite warf und voller Panik schrie. Doch der Laster fuhr weiter. Bis Autos hupten und Passanten an das schwere Fahrzeug klopften. Constantin hatte keine Chance. Auch der Helm rettete ihn nicht.

Julia S. erzählt, dass der Fahrer zu ihr gekommen sei. Doch anstatt ein Wort des Entsetzens oder der Entschuldigung hervorzubringen, sagte er mit Blick auf den toten Jungen nur vorwurfsvoll, er könne doch nicht auf alles achten. „Ich dachte, die Welt müsste stehenbleiben“, sagt die 42-Jährige. Sie konnte nicht verstehen, dass das Leben um sie herum einfach weiterging.

Julia S. erlebte den Tag wie in Watte gepackt, als wäre alles ganz weit weg. Sie rief ihren Mann an. Polizisten kümmerten sich um sie, boten ihr an, sie in die Rechtsmedizin zu fahren. Constantins Mutter bewegte sich wie in Trance. Erst zu Hause brach sie zusammen, erst zu Hause weinte sie hemmungslos. Erst zu Hause wusste sie, dass Constantin nicht mehr wiederkommen, sein Lachen nicht mehr durch die Wohnung hallen würde. Der kleine Junge, der in der Familie Everybodys Darling genannt wurde, war tot.

Eine zermürbende Zeit

Julia S. sagt, ohne die Familie und die Freunde hätten sie es nicht geschafft, das Erlebte zu verkraften. Bekannte sorgten dafür, dass sie etwas aßen, sie kochten für sie, sie holten Medikamente vom Arzt, sie räumten die Wohnung auf und erledigten Behördengänge. Eineinhalb Jahre mussten Constantins Eltern auf den Prozess gegen den Lkw-Fahrer warten, dreimal wurde der Termin verschoben. Es war eine lange, zermürbende Zeit. „So etwas dürfte eigentlich nicht passieren“, sagt Constantins Vater.

Julia und Alexander S. haben sich nach dem Tod ihres Jungen nicht dem Schmerz hingegeben. Zusammen mit dem ADFC haben sie dafür gekämpft, dass die Unfallkreuzung umgebaut wird. Sie soll getrennte Grünphasen für Autofahrer und den Radverkehr bekommen. „Es wird auch Zeit, dass sich die Politiker bewegen“, sagt Julia S., die noch immer in Therapie ist.

Abbiegeassistent in Laster hätte Unfall verhindert

Sie fordert, dass in Laster zwingend Abbiegeassistenten mit Notbremsfunktion und Kollisionserkennung eingebaut werden. 2000 Euro würde so ein System kosten. 2000 Euro, die ihrem Sohn das Leben gerettet hätten, weil der Laster nach dem ersten Kontakt mit ihrem Kind sofort abgebremst, der Junge so nicht überrollt worden wäre.

In der Wohnung ist es still. Die Töchter sind nicht da, zwei Katzen streifen neugierig durch das Zimmer. Dort, wo sonst zur Adventszeit der Weihnachtsbaum seinen Platz fand, steht nun ein kleines Gesteck. Einen Weihnachtsbaum gibt es seit dem vergangenen Jahr nicht mehr. Ihre drei Kinder hatten sich immer um das Schmücken des Baumes gekümmert.

„Wir feiern jetzt anders“, sagt der Vater des Jungen. Auch wenn man es nicht glaube: Es werde gelacht dabei. Nur eben anders als früher. „Als wir nach Constantins Tod das erste Mal beide wieder richtig gelacht haben, da haben wir uns danach dafür geschämt“, sagt Julia S. Stimmt, sagt ihr Mann. Es sei ein sehr eigenartiges Gefühl gewesen. Ein Gefühl, das sie heute zulassen würden.

Trauma wirkt immer noch nach

Constantins Mutter hat sich ein Jahr lang nicht aufs Fahrrad getraut. Mit wackligen Beinen hat sie es wieder versucht – als Teil ihrer Therapie. Constantins Großeltern wollen nicht mehr, dass ein Enkel bei ihnen übernachtet. Sie hätten ein ungutes Gefühl dabei. Constantins Schwestern hüten den Kuschelbären, den der Junge bei seinem Unfall im Rucksack hatte. Sein Kuschelkissen liegt nun im Bett der Mutter.

Vor der Schule haben Constantins Mitschüler einen Kirschbaum gepflanzt. Der Junge mochte Kirschen. Deswegen hatte er auch mit seinen Eltern im Garten Kirschbäume gepflanzt, die aber noch keine Früchte trugen.

Constantins Eltern erfüllten ihrem Kind den letzten Wunsch. Sie besorgten das heißersehnte Fußballtrikot.
Der Junge trug es, als er beerdigt wurde.