Teilnehmer der Fridays for Future Demonstration ziehen durch das Regierungsviertel am Reichstag vorbei.
Foto: Jens Büttner, dpa

BerlinMeine Tochter ist fast 17 Jahre alt. Immer dann, wenn wir zusammen sitzen, geht es bei uns um das, was wir am Tag erlebt haben, was in der Welt und in der Politik passiert ist. Seit einiger Zeit erklärt sie mir ihre Welt. Ich habe mich entschlossen, zuzuhören. An manchen Tagen, so wie an diesem, setzt sie auch das Thema.

TOCHTER: „Rebellion, Rebellion, die Jugend ist jetzt angeblich in Aufruhr wie 1968. Ich bin echt genervt.“

MUTTER: „Warum findest Du es plötzlich nervig, dass die Umweltbewegung Kraft bekommen hat? Du hast doch wie viele andere Schüler auch den Unterricht bestreikt und bist lieber zu den Fridays-for-Future-Demonstrationen gegangen.“

„Das finde ich nicht nervig. Ich finde es anstrengend,dass ,Fridays for Future’ ständig mit etwas noch Größerem verglichen wird. Mit den 68ern, mit einer Rebellion, mit Aufstand, mit Umsturz des Systems. Daran sind Erwartungen von Erwachsenen geknüpft.“

„Was stört Dich daran?“

„Einerseits denke ich, dass sie das sagen, weil ihnen bewusst ist, dass sie die Zeit verschlafen haben in ihrer Jugend und nicht so eine Rebellion zustande gebracht haben. Deswegen sehen sie sich jetzt in der Verantwortung, die Bewegung zu preisen und zu puschen. Das macht die Bewegung aber nicht stärker oder besser. Andererseits denke ich, wenn man sagt, das ist eine Rebellion der Jugend, ist damit die Erwartung verknüpft, dass etwas bewirkt wird.“

„Na, das ist doch gut.“

„Nein, ist es nicht. Ich habe Angst, dass wir zwei Jahre protestieren und dann kommen immer weniger Leute, es ist zu Ende, hat nichts gebracht und die Politik macht weiter wie zuvor. Wenn man das Wort Rebellion verwendet, erwartet man, dass automatisch ein Umsturz des Systems stattfindet. Ich glaube nicht, dass das passieren wird durch Fridays for Future.“

„Wenn etwas Neues passiert, muss man doch erstmal ergründen, was es ist. Ich halte den Vergleich mit 68 auch für falsch, weil damals tatsächlich ein Systemumsturz gefordert wurde und heute wird das politische System ja gar nicht infrage gestellt. Das Nichtstun wird infrage gestellt. Die Idee ist, anders zu leben.“

„Aber man drückt den Leuten doch einen Stempel auf, wenn man sagt, die Rebellion der Jugend, das wird alles verändern. Ich habe damit ein Problem. Dieser Protest ist eine Art von Widerstand, ja, aber er ist gewaltfrei und einfach anders. Warum muss man da was drauf drücken? Nur um das einzuordnen? Bla, bla, bla. Ich finde das überzogen. Man kann vielleicht in 20 Jahren überlegen, was hat es gebracht und sagen, das war die Rebellion der Jugend 2018/19. Aber jetzt kann man noch nicht sagen, wo es hinführen wird. Wir sind erst am Anfang.“

„Ich finde es nicht falsch, eine Erwartung zu formulieren. Greta Thunberg ist ja auch nicht aus dem Nichts gekommen. Die Zeit war doch reif. Da war ganz viel Unzufriedenheit mit dem bisherigen Leben bei vielen Leuten. Das hat nicht Greta Thunberg bewirkt. Auf sie wird dieses Gefühl, wir müssen etwas verändern aber jetzt bezogen. Wenn sie den Schulstreik zu einem anderen Zeitpunkt begonnen hätte, wäre vermutlich gar nichts passiert. Sie war der Anstoß. Aber die Erwartung, dass es über Protest hinausgehen muss, ist doch gut, sonst wird es keine Veränderung geben.“

„Aber ich finde, wenn man sich auf Greta und die Jugendlichen fokussiert, lenkt man vom Thema ab. Ich brauche weder Lob noch Kritik von irgendeinem Erwachsenen. Das ist mir egal. Ich will, dass die etwas verändern. Indem sie ihren Hass über Greta ausschütten oder ihre Liebe zu der Bewegung bekunden, lenken sie vom Thema ab und setzen sich nicht mit der Sache auseinander. Wenn man von einer Rebellion der Jugend spricht, gibt man außerdem die Verantwortung ab. Als Erwachsener ist man nicht Teil dieser Bewegung. Wenn man von einer Jugendrebellion spricht, muss man nichts verändern. Das müssen dann die Jugendlichen schon selbst machen. Die Erwachsenen stehen dann vielleicht daneben und lächeln, weil sie es schön finden, machen aber nichts.“