Schwedt - „Ja“, sagt Martina F. Sie könne sich noch an diesen Morgen erinnern. „Mein Bruder Mario lag auf dem Boden. Der Notarzt beugte sich über ihn. Er machte meinem Bruder die Augenlider auf und leuchtete ihm in die Augen.“ Das Bild habe sich tief eingeprägt. „Ich habe mich damals gefragt: Warum macht der Notarzt das?“

Martina F. hat ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die 45 Jahre alte Frau redet zaghaft. Sie blickt dabei immer wieder zu der Angeklagten, die ihre Mutter ist und die Mutter von Mario. „Wissen Sie noch mehr von diesem Morgen?“, will Udo Lechtermann, der Vorsitzende Richter, wissen. Martina F. schüttelt den Kopf. Niemand kann es ihr verdenken. Denn jener Tag, um den es in diesem Prozess am Landgericht in Neuruppin geht, liegt 41 Jahre und sieben Monate zurück. Martina F. war vier Jahre alt, als ihr toter Bruder im uckermärkischen Schwedt von dem Notarzt untersucht wurde.

Die Mutter der Zeugin ist aus Göttingen angereist. Sie wirkt neben ihrem Anwalt wie versteinert. 74 Jahre ist Erna F. mittlerweile. Sie war einst Chefsekretärin im Petrolchemischen Kombinat in Schwedt, bis sie offenbar bei einem Diebstahl erwischt wurde. 1987 reiste sie mit ihrer jüngsten Tochter in die Bundesrepublik aus. Mit zusammengepressten Lippen, aber ohne jede weitere erkennbare Regung verfolgt sie den Prozess. So, als gehörte sie nicht in diesen Gerichtssaal und mit diesem ungeheuerlichen Verdacht konfrontiert. Sissi, wie sie sich früher von ihren Ehemännern, Kollegen und Freunden nennen ließ, soll ihren achtjährigen Sohn Mario umgebracht haben.

Hinderlich in der Lebensplanung

Die Staatsanwältin Anette Bargenda wirft der zierlichen, elegant gekleideten Frau mit den hochgesteckten Haaren und der Handtasche am Arm einen heimtückischen Mord vor. Tatort war demnach die Drei-Zimmer-Plattenbauwohnung in der Schwedter Ernst-Thälmann-Straße, die heute Berliner Straße heißt. Dort lebte Erna F. mit ihren drei Kindern. Sie soll in der Nacht zum 5. November 1974 ihr durch „schlaffördernde Mittel oder Tiefschlaf handlungsunfähiges Kind in Tötungsabsicht“ zum Gasherd getragen und das Gas aufgedreht haben. Als sie überzeugt war, dass Mario die tödliche Menge eingeatmet hatte, trug sie das bewusstlose Kind ins Bett zurück, so die Anklage. Erna F. soll die Wohnung intensiv gelüftet und dann den Notarzt gerufen haben. Bargenda sagt, das verhaltensauffällige Kind sei seiner Mutter hinderlich gewesen in der Lebensplanung.

Wie schwer das zu beweisen ist, zeigt der Prozess. Vier Jahrzehnte sind eine sehr lange Zeit. Die meisten Erinnerungen sind weg oder stark verblasst, viele der Menschen, die etwas Wichtiges in diesem Fall hätten sagen können – Belastendes oder auch Entlastendes – längst tot. Selbst das Land, in dem der Junge starb, gibt es nicht mehr. Und nur deswegen kann dieser Prozess gegen Erna F. nach so langer Zeit noch geführt werden. In der DDR wäre Mord nach 25 Jahren verjährt. Mit der deutschen Einheit jedoch änderte sich das. Für Morde, die in der DDR noch nicht geahndet worden waren, galt diese Frist nicht mehr.

Erna F. bestreitet die Tat. Ihr Sohn, so ihre damalige Erklärung, soll nachts in die Küche geschlichen, vom Rosinenkuchen genascht, am Gasherd gespielt und einen Brenner geöffnet haben. Er soll sich ins Bett gelegt haben, das Gas sei durch die Tür des Kinderzimmers geströmt, in dem Mario alleine schlief. Der Junge starb. Die Mutter sprach von einem Unfall.

Der Fall wurde ungewöhnlich schnell zu den Akten gelegt. Trotz vieler Fragen, die, glaubt man den Zeugen, schon damals gestellt wurden: Warum zeigten die beiden Schwestern von Mario, die vierjährige Martina und die zwölfjährige Carmen, sowie die Mutter, die doch alle in derselben Wohnung schliefen, keine Vergiftungserscheinungen? Warum durften die Mädchen offenbar in jener Nacht erstmals im Schlafzimmer der Mutter übernachten, während Mario allein im Kinderzimmer blieb? Warum stand das Fenster in ihrem Zimmer offen, was die Mutter sonst verboten haben soll? Der Gasherd und die Leitungen waren in Ordnung. Hätte nicht das schon die Unfallversion ins Wanken bringen müssen?

Niemand hätte sich wohl jemals diese Fragen noch einmal gestellt, wenn nicht im August 2009 bei der Staatsanwaltschaft Hannover ein Brief eingegangen wäre. „Anzeige“, stand auf dem halben DIN-A-4-Blatt. „Frau Erna F. hat ihren eigenen Sohn Mario mit Gas ermordet. Warum wurde die Frau für die grausame Tat nie zur Verantwortung gezogen?“, fragte der Verfasser. Der Junge sei „der geldgierigen Mutter, die auch noch anschaffen ging, im Wege“ gewesen. Als Tatort wurde Schwedt genannt. Der Brief enthielt keine Unterschrift.

Die zehn maschinengeschriebenen Zeilen wurden nach Brandenburg geschickt. Die Ermittlungen begannen. Erna F. hatte wirklich in Schwedt gelebt, und sie hatte 1974 ihren Sohn durch eine Kohlenmonoxidvergiftung verloren. Ermittlungsakten gab es nicht mehr, auch nicht in der Stasiunterlagenbehörde. Doch im Archiv der Berliner Charité fanden die Kriminalisten Obduktionsunterlagen. Mario hatte laut Bericht die tödliche Dosis von 73 Prozent Kohlenmonoxid im Blut. Eine hohe Konzentration, die so recht nicht zur Unfallversion passte.

Der Notarzt von damals ist heute 71 Jahre alt. Peter Friedrichs war bis zu seiner Pensionierung vor sechs Jahren Chefarzt für Anästhesie im Schwedter Krankenhaus. Er sagt, der tote Junge in der Wohnung habe ihn, einen damals jungen Arzt, beeindruckt. Der Junge schien an Erbrochenem erstickt zu sein. „Doch die rosafarbene Haut und die Farbe der Totenflecke ließen auf eine Kohlenmonoxidvergiftung schließen.“ Auffällig nennt er das Verhalten der Mutter. Sie trat sehr gefasst auf. „Wenn das mein totes Kind gewesen wäre, hätte man meine Frau ins Irrenhaus bringen können“, sagt Friedrichs.

Er will den damals eintreffenden Staatsanwalt von seinem Verdacht einer Gasvergiftung informiert haben. Die Mutter habe den Ermittlern dann erzählt, dass Mario nachts am Gasherd gespielt haben muss. Friedrichs war schon damals skeptisch. Stadtgas war gefährlich, deswegen wurde ein übelriechender Duftstoff beigemischt. „Ich habe in der Wohnung kein Gas gerochen, und die anderen Kinder hatten keinerlei Anzeichen einer Vergiftung.“ Friedrichs war überrascht, als er zwei Wochen später vom Staatsanwalt erfuhr, dass die Schuldfrage nicht geklärt werden konnte. „Er sagte mir, es mache keine Sinn, den Kindern die Mutter wegzunehmen.“

Wolfgang Mattig, Rechtsmediziner im Ruhestand, gilt als Experte für Gasvergiftungen. Mattig, 71, sagt als Sachverständiger vor Gericht, dass Vergiftungen mit Stadtgas damals fast „arbeitstäglich“ hereingekommen seien. Von Anfang 1972 bis zu Marios Todestag wurden in der Charité 796 Menschen untersucht, die an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben waren. Es sei eine häufige Art gewesen, aus dem Leben zu scheiden.

Mattig hat sich die Unterlagen von damals angesehen, immer wieder den Kohlenmonoxidgehalt in der Luft berechnet. Nichts spreche bei Marios Tod schlüssig für ein Unglück. „Ich hätte mit der Unfalltheorie keine Probleme, wenn man den Jungen vor dem Gasherd in der Küche gefunden hätte.“ Mattig fehlt jemand, der die Gashähne wieder zugedreht hat. „Mario kann das nicht gewesen sein“, ist der Rechtsmediziner überzeugt. Schon bei einem Blut-Kohlenmonoxidgehalt von 30 Prozent ist man handlungsunfähig.

Der Prozess in Neuruppin wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Vieles bleibt nebulös. Zeugen erzählen, dass Erna F. oftmals Männerbesuche hatte. Die älteste Tochter Carmen W., die heute 54 Jahre alt und selbst Mutter ist, lässt kein gutes Haar an der Angeklagten. „Hat es einen Grund, warum Sie Ihre Mutter nur Frau F. nennen“, will Richter Lechterhand wissen. „Eine Mutter stellt man sich anders vor“, antwortet die Zeugin. Sie erzählt von den Herren, die bei Frau F. ein und aus gingen. Von teuren Klamotten, die sich Frau F. im DDR-Nobelladen Exquisit gekauft hat. „Sie war nicht die liebevolle Mutter, die mit uns ins Schwimmbad oder in den Zoo ging.“ Die Kinder waren im Wege. Sie selbst wurde ein Jahr nach dem Tod des Bruders zu ihrem leiblichen Vater abgeschoben. Ob sie etwas gesehen habe in jener Nacht, fragt Lechtermann. „Nein“, antwortet die Zeugin. Trotzdem sei sie zu 99 Prozent davon überzeugt, dass Frau F. den Gashahn aufgedreht habe. Und nein, sie hat Frau F. nicht angezeigt.

„Über Leichen gegangen“

Marios Vater kann sich nach einem schweren Autounfall Anfang der 70er-Jahre an wenig aus jener Zeit erinnern. Er weiß nicht einmal mehr, was er vor sechs Jahren der Polizei erzählt hat: Erna habe knallhart ihre Ziele verfolgt und sei „wie man so sagt, über Leichen gegangen“. Der Staatsanwalt habe alles unter den Tisch fallen lassen.

Auch die Aussage einer einstigen Kollegin der Angeklagten lässt aufhorchen. Am Morgen nach Marios Tod sei ihr Chef ganz aufgeregt zur Arbeit gekommen, erzählt Renate B. Er kam nach eigenen Angaben von Sissi. Ihr Sohn sei gestorben. Der Chef verlangte einen Schnaps und warnte Renate B. „Ich sollte mich in Zukunft ein wenig fernhalten von Frau F. Die geht über Leichen, hat er gesagt.“ Die 66-Jährige spricht auch von ihrer Bewunderung für die Angeklagte. „Sissi hatte ihr Leben im Griff. Sie sah immer aus wie aus dem Ei gepellt, und das als alleinerziehende Mutter.“ Auch Renate B. lässt durchblicken, dass Erna F. den ermittelnden Staatsanwalt sehr gut gekannt hat. Der Mann kann nicht mehr erklären, wie es damals lief. Er lebt nicht mehr.

Für Erna F. steht viel auf dem Spiel, für sie gibt es nur einen Freispruch oder eine lebenslange Haftstrafe. Ihr Sohn, der so gerne zu den Gleisen lief, um Züge zu beobachten, hat nicht einmal mehr ein Grab. Der Platz mit der Nummer 223 auf dem Städtischen Friedhof von Schwedt ist vor 19 Jahren eingeebnet worden. Bei der Friedhofsverwaltung heißt es, niemand habe den Wunsch geäußert, die letzte Ruhestätte des Jungen zu erhalten. Dort wächst jetzt Gras.