Ich habe gelernt, dass man Frauen, die aus eigener Entscheidung keine Kinder haben, nicht mehr kinderlos nennen soll, sondern kinderfrei. Das fordert zumindest die Regensburger Gymnasiallehrerin und Autorin Verena Brunschweiger. Sie möchte sich abgrenzen von den Frauen, die aus biologisch-hormonellen Gründen keine Kinder bekommen. Verena Brunschweiger sagt, dass sie oft angegriffen werde, weil sie keine Kinder habe. Mit einem Buch geht sie jetzt zum Gegen-Angriff über. „Kinderfrei statt kinderlos“, heißt es.

Deutschland als eine Art Märchenland für Mütter und Väter

Kinderfrei klingt ein bisschen wie Viren-frei. Und wenn man das Interview liest, das die 38-jährige Autorin der „Welt“ gegeben hat, dann liest sich das auch so, als ob sie Kinder und ihre Eltern für ähnlich gefährlich wie Krankheitserreger hält, sie möchte gerne, dass Eltern und ihre Kinder sich möglichst aus dem öffentlichen Raum fernhalten, raus aus Restaurants, Cafés und Flugzeugen.

Das ist eine interessante Haltung für eine Lehrerin. Sie beschreibt Deutschland als ein Kinder-La-La-Land, eine Art Märchenland, in dem Mütter und Väter überall bevorzugt und Kinderlose folglich diskriminiert werden. Außerdem fordert sie eine staatliche Prämie für Frauen, die keine Kinder bekommen. Denn wer sich nicht vermehrt, belaste die Umwelt weniger.

„Um die Umweltbelastungen aufzuwiegen, die ein in Deutschland geborenes Kind verursacht, kann man viele Steaks essen und lange Flugreisen unternehmen“, sagt die Lehrerin. Mit solchen schrillen Thesen kann man provozieren, so wird man in Talkshows eingeladen. Aber diese Debatte läuft so, wie sie läuft, völlig falsch. Und sie ist ein Symptom dafür, dass etwas grundsätzlich schief liegt in der Gesellschaft. Jeder verteidigt seine privaten Entscheidungen, als handele es sich um Ideologien.

Bekommt Kinder, bekommt keine Kinder, das ist eine private, eine individuelle Entscheidung

Mutterschaft wird überhöht, Kinderlosigkeit wird neuerdings auch überhöht. Die mit Kindern sagen, dass sie mehr tun, weil sie Rentenzahler großziehen. Die ohne Kinder sagen, dass sie die Arbeit machen, die liegenbleibt, weil die anderen in Elternzeit sind. Jeder verteidigt seinen privaten Weg mit einer neuen, unversöhnlichen Härte. Aber wohin soll das führen? Wollen wir jetzt wirklich darüber reden, wer besser für die Gesellschaft ist: Kinderlose oder Menschen mit Kind? Wollen wir ernsthaft ausverhandeln, wer mehr leistet?

Es gibt so viele andere Probleme, über die man reden muss: Da ist das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die seit Jahrzehnte immer noch unverändert hohe Kinderarmut in Deutschland, die Benachteiligung von Alleinerziehenden, einer stark wachsenden Bevölkerungsgruppe, die Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz.

Bekommt Kinder, bekommt keine Kinder, liebt Kinder, hasst Kinder, das ist eine private, eine individuelle Entscheidung. Und darauf kommt es auch nicht an. Es kommt drauf an, dass diejenigen Hilfe bekommen, die darauf angewiesen sind: also alle Kinder, ob arm oder reich, alleinerziehende Mütter und Väter, Schwangere, Frauen, die für den Mindestlohn schuften und eine Familie ernähren, die chronisch Kranken, der alte kranke Nachbar, der keine Angehörigen mehr hat.

Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen nach Sonntagspredigt, aber vielleicht brauchen wir das häufiger.