Seit elf Jahren organisiert Soner Ipekcioglu am 1. Mai das Myfest in Kreuzberg. Er ist im Vorstand des Myfest-Vereins und zuständig für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Der 43-jährige Betreiber einer Grafik-Agentur ist präsent in den Medien, er gilt als einer der Köpfe des etwa zwanzig Mann starken Organisationsteams. Nun, noch während er am Montag inmitten der dampfenden Grillstände und bierseligen Besucher stand, hat Ipekcioglu seinen Ausstieg aus der sogenannten Myfest-Crew angekündigt. Am Tag danach, während die Gruppe sich mit Aufräumen und der Bilanz beschäftigt, spricht er am Telefon über seine Gründe.

Herr Ipekcioglu, warum hören Sie auf?

Das Myfest ist reif für neue Menschen. Auch meine Arbeit ist ersetzbar. Ich bin mit einigen Punkten nicht mehr einverstanden und merke, dass ich da auch keine Veränderung mehr auslösen kann. Die Gruppe braucht neuen Input von anderen.

Welche Punkte sind das?

Die politischen Inhalte gehen beim Myfest unter. Zum Schluss sind wir wirklich nur eine Saufparty, wie uns immer vorgeworfen wird. Obwohl wir Organisatoren alle politische Menschen sind, obwohl wir uns wirklich bemühen, Politik auf die Bühnen zu bringen, kriegen wir nicht die politische Stimme, die wir eigentlich haben müssten. Auch dieses Jahr war das wieder so. Es geht immer nur um Action, Action, Action.

Sind Sie also nicht zufrieden mit dem Myfest 2017?

Doch, es war ein tolles Myfest! Es war so friedlich wie lange nicht mehr. Wir sitzen seit einer Stunde zusammen und suchen nach einem verloren gegangenen Funkgerät, das ist die größte Krise in diesem Jahr! Früher hatten wir abgebrannte Toiletten, verletzte Polizisten und Menschen, die sauer waren. Dieses Ergebnis ist phänomenal!

Einerseits Trinkgelage, anderseits super Ergebnis? Klingt ambivalent...

Na ja, als Gewaltprävention, um Ausschreitungen zu verhindern, wie es im ersten Jahr 2003 das Ziel war, funktioniert das Myfest. Es steht für Gewaltfreiheit, das ist gut und richtig. Aber das ist für meine Begriffe zu wenig. Wir müssen endlich auch wieder für Inhalte stehen.

Warum sind Sie ins Grübeln gekommen?

Im Jahr 2016 klagten Andreas Wandersleben und Silke Fischer, die in der Geburtsstunde mit zu den Gründern des Myfests gehörten, gegen die Veranstaltung. Weil die Menschenmassen angeblich ein Sicherheitsrisiko darstellten, weil Anwohner sich von lärmenden und in die Ecken pinkelnden Besuchern gestört fühlten. Unabhängig davon, ob sie Recht hatten, begann ich nachzudenken. Wir haben das Fest dann auch verändert: Weniger Bühnen, mehr Sicherheit, mehr Fluchtwege. Aber für meinen Geschmack eben zu wenig Politik.

Welche Ideen hätten Sie?

Das Myfest könnte enger mit den autonomen Linken zusammenarbeiten. Natürlich mit denen, die keine Krawalle machen, die haben ja in diesem Jahr auf dem Oranienplatz auch schon eine Kundgebung abgehalten. Zusammen könnten wir eine richtig geile Bühne machen, von morgens bis abends, wo man seine Anliegen kundtun kann. Ich glaube, die Linken wären durchaus gesprächsbereit. Inhaltlich sind wir ja in vielen Punkten derselben Meinung.

Diese oder andere Ideen: Wieso schafft es der Verein nicht, das Fest politischer zu machen?

Was uns fehlt, ist die inhaltliche Arbeit hinter dem Fest. Gut wäre eine Arbeitsgruppe, die wirklich nach dem 1. Mai anfängt, auch über den nächsten 1. Mai nachzudenken. Zum Beispiel jähren sich die ersten Kreuzberger Maikrawalle in diesem Jahr zum 30. Mal – und es gibt nicht einmal eine Ausstellung, die erklärt, was damals passiert ist. Wir sind mehr mit den Toiletten und der Sicherheit beschäftigt, als mit inhaltlicher Arbeit.

Auch das ist ja bei einer Veranstaltung mit rund 30 000 Menschen nicht unwichtig...

Natürlich, aber diese Dinge lassen eben keinen Platz für den Rest. Dafür bräuchte es mehr Leute, auch mehr Fachwissen von Menschen, die in politischen Strukturen denken. Es könnte beispielsweise viel mehr Zusammenarbeit mit Verbänden und Vereinen aus dem Kreuzberger Kiez geben. Die kommen nicht auf uns zu, vielleicht identifizieren sie sich nicht mehr mit dem Myfest. Vielleicht müssten wir uns auch mehr auf sie zu bewegen.

Klingt selbstkritisch...

Ich glaube, wir als Gruppe haben nicht versagt. Ich bin immer noch glücklich, ein Teil davon zu sein und stolz darauf, was wir erreicht haben. Aber wir konnten nicht vermitteln. Es braucht Leute, die wissen, wie man verschiedene Gruppen – Standbetreiber, Anwohner, Besucher, Familien, junge Leute, Linke, Demonstranten – zusammenholt.

Stimmt, wer am Montag über das Myfest lief, hatte diesen Eindruck. Auf der einen Seite die letzten verbliebenen türkischen Anwohner hinter ihren Ständen, auf der anderen Seite die Feiertouristen mit Glitzer im Gesicht, die zu den Bässen vor den Bühnen herumhüpften. Bekommt man diese Welten überhaupt noch zusammen?

Das ist leider wirklich die Klientel, die wir ansprechen. Ich finde das nicht mehr richtig. Die taz schrieb in ihrer Dienstagsausgabe, viele Myfest-Besucher schlenderten durch die Oranienstraße und quatschten über ihre Drinks, ihre Musik, ihre Drogen und ihre Eigentumswohnungen. Das traf es leider.

Aber ist es verwerflich, dass die Leute am 1. Mai feiern und eine gute Zeit haben wollen? Man könnte das Myfest – plakativ gesagt – ja auch umdeklarieren, weg vom politischem Ursprung, hin zu einem bunten Straßenfest. Dann würden Anspruch und Wirklichkeit wieder zusammenpassen...

Ja, das könnte man. Aber das sind wir nicht. Das bin ich nicht.

Wie politisch ist Kreuzberg denn überhaupt noch?

Ich kann ja nur von meinem Umfeld sprechen, die sind alle noch sehr links, sehr freiheitlich. Aber ich kann nicht für den Kiez sprechen: Die Adalbertstraße ist verkauft, die Oranienstraße ist verkauft. Da sind zu viele Investoren, Kreuzberg ist ein Bezirk geworden, wo man seine Miete nicht mehr zahlen kann.

Die Gentrifizierung wäre ja eines der politischen Themen im Kiez.

Genau, oder das Problem mit dem Kottbusser Tor. Das Myfest und die Menschen dort hätten fragen müssen: Warum entgleist uns das Kottbusser Tor? Der Görlitzer Park? Das ist eine Verwahrlosung auf hohem Niveau, das ist nicht mehr schön. Wir hätten das Myfest als eine Plattform nutzen können und sagen, dass das so nicht weitergeht! Aber nein, wir sitzen hier und diskutieren über Toiletten.

Wollen Sie sich auch nach Ihrer Zeit im Myfest-Team weiter im Kiez engagieren?

Ja, mir schwebt da schon etwas vor. Es geht tatsächlich um den Kotti und den Görli und die Frage, wie man diese Kriminalitätsschwerpunkte für die Anwohner zurückerobern kann. Eigentlich genau wie beim Myfest damals, nur dass die Lage 365 Tage im Jahr schlimm ist. Ich habe schon mit einigen Abgeordneten über Kiezaktionen gesprochen, noch gibt es aber nichts Konkretes. Einzig ein Slogan schwebt mir schon im Kopf herum: Kreuzberg ist das, was du draus machst.