Berlin - Soner Ipekcioglu gehört seit zehn Jahren zur Myfest-Crew von Kreuzbergern, die bei der Organisation des Straßenfestes am 1. Mai half. Dieses Jahr ist die Crew erstmals der Veranstalter.

Herr Ipekcioglu, wie nervös sind Sie, so kurz vor dem Myfest?

Das Einzige, das mich nervös macht, ist das Wetter. Wenn es am 1. Mai regnet, war der Stress der letzten Wochen umsonst, weil alle nass und enttäuscht sind. Ansonsten denke ich, wir haben alles im Griff, weil wir ein gutes Team sind.

Sie und etwa 20 weitere Anwohner haben das Myfest dieses Jahr angemeldet. Warum?

Die Politik hat sich komplett rausgezogen, weil es im Vorjahr wegen Überfüllung Stress mit der Sicherheit gab. Es gab Hickhack zwischen Bezirk und Innensenator. Wir wollten, dass das Fest weiter stattfindet. Da haben uns Innensenator, Bezirk und Polizei gesagt, meldet doch politische Versammlungen an.

Das haben Sie gemacht.

Ja, und bis auf das Logo und die Bühnen hat sich für uns alles verändert. Wenn wir gewusst hätten, was da an Arbeit auf uns zukommt, hätten wir es wohl nicht getan. Für alles sind jetzt wir verantwortlich, alles ist Neuland für uns: von der Anmeldung der Bühnen und Imbissstände bis zur Koordination und Organisation. Wir machen ja alles ehrenamtlich. Ich schaffe an manchen Tagen nur eine Stunde Arbeit, der Rest geht fürs Myfest drauf.

Warum machen Sie es dann?

Ich habe am 1. Mai 2002 an der Waldemarstraße die Randalierer erlebt, die Steine und Molotow-Cocktails schmissen. Unser Myfest war von Anfang an die Chance, dem etwas entgegen zu setzen. Mit guter, lauter Musik und feiernden Menschen. Deshalb war unser Fest auch schon immer politisch. Wir haben jetzt eine Generation Jugendlicher, die nicht mehr mit Steinen wirft. Das allein ist schon Grund genug, das Fest zu machen.

Diesmal ist ja einiges anders beim Myfest als bisher. Es gibt deutlich weniger Bühnen. Warum?

Das stimmt, wir haben acht statt wie im Vorjahr 18 Bühnen. Ein Grund ist die Sicherheit. Es muss breite Schneisen für Rettungsfahrzeuge geben. Die Polizei wollte zudem ganze Straßen frei haben. Deshalb gibt es auf der Adalbert- und der Naunynstraße keine Bühne. Das Jugendprojekt auf der Waldemarstraße mit den tollen Aktionen darf es aus versammlungsrechtlichen Gründen nicht mehr geben. Das ist sehr schade. Andere Bühnen wie die vor dem Trinkteufel oder die Rockbühne am Oranienplatz wurden von den Organisatoren abgesagt.

Auch die Zahl der Imbissstände wurde drastisch reduziert.

Statt mehr als 300 gibt es diesmal nur 101 Stände. Es durften sich nur Anwohner bewerben, Gewerbetreibende von außerhalb wurden ausgeschlossen. Offiziell.

Und inoffiziell?

Inoffiziell kann ich nicht ausschließen, dass Anwohner ihren Stand, der sie 12 Euro Miete kostet, für 500 Euro an einen Bäcker oder so verkaufen. Wir werden das gemeinsam mit dem Ordnungsamt überprüfen. Wenn jemand unerlaubt einen Stand hat, muss er weg. Notfalls mit Polizei.

Das Myfest soll auch für die Besucher spürbar politischer werden

Auf den Bühnen, deren Programm von Künstlern, linken Aktivisten oder Ladeninhabern organisiert wird, wird es mindestens zwei Stunden um Politik gehen. Am Heinrichplatz beispielsweise geht es um Gentrifizierung und Homophobie, vor dem Core-Tex-Store um Flüchtlingspolitik und am Bullenwinkel um Volksentscheide. Um 18 Uhr wird die Musik überall abgeschaltet, aus Respekt vor der Revolutionären 1.-Mai-Demo, die dann beginnen soll.

Sie haben 35 000 Besucher angemeldet. Was, wenn mehr kommen?

Dann werden wir die Polizei bitten, die Zugänge zum Gelände abzusperren. Darüber wird dann in der gemeinsamen Einsatzzentrale entschieden.

Wo werden Sie am 1. Mai sein?

Ab morgens um 6 Uhr im Dienst. Gucken, ob alles läuft. So wie andere von uns auch.