Am 1. Mai dieses Jahres war Andreas Wandersleben gefangen – in seiner eigenen Wohnung, während Zehntausende Menschen vor seiner Haustür feierten. Um die Mittagszeit hatte der 50-Jährige, der seit 1985 in Kreuzberg wohnt, das Haus noch einmal verlassen, um einzukaufen. Auf dem Rückweg, berichtet er, habe er sich nur mühsam nach Hause durchkämpfen können. Rund 45.000 Menschen befanden sich zu dieser Zeit auf dem Gelände des Myfests zwischen Oranienplatz, Görlitzer Bahnhof und Mariannenplatz.

Das Straßenfest hatte Wanderslebens Ehefrau, die frühere SPD-Politikerin Silke Fischer, 2003 erfunden. Es sollte den Krawallen entgegenwirken, die den Stadtteil seit 1987 immer am 1. Mai ins Chaos stürzten. Jahrelang funktionierte das. Doch inzwischen, meint Andreas Wandersleben, ist das Friedensfest selbst zur Bedrohung geworden. „Wenn es einen Notfall gegeben hätte, wären die Rettungskräfte nicht durchgekommen.“ Darum hat er beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht: Das Myfest soll in seiner jetzigen Form nicht mehr genehmigt werden.

Doch es war nicht nur das Gedränge auf der Straße, das Wandersleben zu seiner Klage veranlasste. Das Fest schwappte buchstäblich bis in sein Treppenhaus hinein. „Vor unserem Haus war ein Toilettenwagen“, berichtet er. „Die Leute mussten dort anstehen und wurden ungeduldig. Irgendwann haben sie unsere Haustür aufgebrochen und in unseren Flur gepinkelt. Sie kamen bis in den ersten Stock.“

Die Zustände beim letzten Myfest hatten schon im Frühjahr eine Debatte ausgelöst. Auch Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) hatte damals erklärt, es seien „definitiv zu viele“ Besucher gekommen und dachte laut über eine Absage nach.

Inzwischen scheint sie sich von solchen Überlegungen verabschiedet zu haben. Nächste Woche sollen die Gespräche über das Myfest 2016 beginnen. Das Bezirksamt ist offenbar entschlossen, das Fest nach dem bisherigen Modell fortzuführen: als Veranstaltung im Sinne des Veranstaltungsgesetzes. In der Antwort auf die Anfrage des SPD-Bezirksverordneten Max Putzer schreibt Herrmann: „Das Myfest hat seinen Schwerpunkt in der Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung.“ Sie zitiert einen Aufruf, der wohl das Motto des Myfests 2015 umschreiben soll. Darin heißt es unter anderem: „Wir verachten und bekämpfen alle Faschisten und Nationalisten. Wir sind viele. Wir sind Kreuzberg 36!“

Herrmann betont, es gebe seit Jahren ein Sicherheitskonzept für das Myfest, mit Polizei und Feuerwehr finde eine enge Abstimmung statt. Allerdings räumt sie ein, dass es erhebliche Probleme in den Straßen südlich des eigentlichen Festgebiets gebe. Da die Eingänge zeitweise geschlossen waren, drängten sich dort Tausende Menschen. „Hier gab es kein Sicherheitskonzept, keine Fluchtwegeplanung, keinen Sicherheits- und Sanitätsdienst“, schreibt sie. Es müsse intensiv darüber beraten werden, wie für diesen Bereich eine erträgliche Situation erreicht werden kann.

Andreas Wandersleben ist skeptisch, ob das nächste Myfest besser abläuft als das vorige. Eigentlich, sagt er, wünsche er sich aber eine Fortsetzung. „In Kreuzberg lässt sich gut feiern“, sagt er. „Aber eine Katastrophe wie bei der Loveparade in Duisburg will ich bei uns nicht erleben.“