Adolf Wermuth (1855–1927)  war von 1912 bis 1920 Oberbürgermeister von Berlin. Er setzte 1920 den Vertrag zur Bildung der Einheitsgemeinde Groß-Berlin durch.
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BerlinHundert Jahre mussten vergehen, bis Adolf Wermuth von seiner Stadt Berlin ein Ehrengrab zugestanden wurde. Von 1912 bis 1920, durch Weltkriegs-, Hunger-, Pandemie- und Revolutionszeiten führte er das Gemeinwesen als parteiloser Oberbürgermeister, seit Oktober 1920 stand er der Einheitsgemeinde Groß-Berlin vor. Deren Zustandekommen war zu einem guten Teil ihm zu verdanken. Dieser Vertrag sicherte auf Jahrzehnte den Rahmen für die Entwicklung Berlins zur Metropole, in der schließlich vier Millionen Menschen mit der notwendigen Infrastruktur miteinander leben konnten.

Ehrengrab: Adolf Wermuths Ruhestätte am 12. Oktober 2020 mit dem Kranz seines Nachfolgers Michael Müller.
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Die Bucher Schlosskirche war am Montagabend bis an die Corona-Grenze gefüllt, als in einem Festgottesdienst die Erhebung des Wermuth-Grabs auf dem unmittelbar vor der Tür gelegenen Friedhof gefeiert wurde. Ein Fest war es natürlich für den Freundeskreis der evangelischen Gemeinde, der sich jahrzehntelang um das Grab gekümmert hatte, vor allem aber für Pfarrerin Cornelia Reuter. Dreimal hatte sie beim Berliner Senat beantragt, den verdienstvollen Oberbürgermeister mit einem Ehrengrab zu bedenken. Zweimal scheiterte sie. Woran? Der Mann war parteilos, fand keine Lobby.

Zum 100. Jahrestag des Groß-Berlin-Vertrages ergab sich eine neue Gelegenheit – und diesmal gelang es. Am 24. März nahm der Senat das Grab in Buch in die Ehrenliste auf. Zum Festgottesdienst kam Wermuths Nachfolger, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er sprach über die Zeit Wermuths und zugleich über seine eigene: Vor 100 Jahren habe einer die Initiative ergreifen müssen, nach Jahrzehnten des Diskutierens über eine engere Kooperation. Müller spricht über Blockaden, Eitelkeiten und Egoismen, also Phänomene, die – nach Jahren des Diskutierens über eine dringend notwendige Verwaltungsreform – nur minimale Fortschritte zulassen.

Der seit 2014 Regierende sprach darüber, dass die aus dem Groß-Berlin-Vertrag resultierenden Reformen erlaubten, den Bürgern Dienstleistungen wie Wasser, Elektrizität, Transportmittel und Wohnraum in funktionierender Ordnung zur Verfügung zu stellen. Aus seinen Worten klang der Wunsch, Ähnliches möge auch jetzt, da sich die Einwohnerzahl der wiedervereinigten Stadt abermals auf die vier Millionen zubewege, wieder gelingen. „Da ist wieder etwas zu verabreden zwischen Senat und Bezirken“, sagte Müller, und er verneigte sich vor Adolf Wermuth, der sich getraut habe, sein eigenes politisches Schicksal an die Berlin-Entscheidung zu knüpfen.

Sören Benn, Bürgermeister von Pankow, also auch von Buch, fand noch klarere Worte zu den heutigen Verklemmungen. „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, zitierte der Linken-Politiker den Politiker-Literaten Victor Hugo und erinnerte an die Umstände, die seinerzeit die Berliner Umwälzung erlaubt hatten: ein verlorener Weltkrieg, eine Revolution und mit der Spanischen Grippe eine Pandemie.

Heute kämpft die Stadt mit nur einem dieser Chaos-Faktoren. Dass sich ein Fenster für eine Revolution öffnen könnte, die zum Beispiel eine Verfassungsänderung zur Neudefinition der Rolle der Bezirksbürgermeister ermöglicht, ist nicht zu erwarten.

Trotzdem beharrt Sören Benn angesichts langer Stagnation: „Die Dynamik der Probleme zeigt, dass wir einen deutlichen Schritt nach vorn brauchen, um die Verfasstheit der Stadt den Bedürfnissen der Bürger anzupassen.“ Es gehe um den Klimawandel, die Verkehrswende, um neue, größere Ideen („Vielleicht brauchen wir einen zweiten S-Bahn-Ring?“).

Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, hatte als erster Redner (und einziger, der von der Kanzel sprach) an den Spruch auf dem schwarzen, steinernen Kreuz auf Adolf Wermuths Grab erinnert: „Seid fröhlich in Hoffnung!“ Er würdigte dessen Beharrlichkeit, Zielstrebigkeit, sein Verhandlungsgeschick und den freundlichen Umgang mit Vertretern der verschiedenen Interessenlagen. Da sei er seiner Zeit voraus gewesen, sagte Stäblein, „auch in mancher Hinsicht den Heutigen“. Als Botschaft an diese „Heutigen“ durfte man auch seine Mahnung verstehen: „Haltet euch nicht für groß.“

Einer, der sich angekündigt hatte, aber wegen der Corona-Pandemie dann doch nicht aus der Schweiz anreiste, wurde vermisst: Peter Wermuth, der Urenkel. Der Festgottesdienst hätte ihm sicherlich gefallen.