BerlinJoachim Hildebrandt ist zufrieden. „Das ist jetzt mein Alterssitz“, sagt der 82-Jährige und schaut von der Terrasse seiner Neubauwohnung über die Dächer Berlins. Sogar die Spitze des Fernsehturms ist von hier zu sehen. Die Möbel in seiner Wohnung fehlen zwar noch, aber das Wichtigste hat Hildebrandt geschafft. Er ist dort eingezogen, wo seine Eltern vor 83 Jahren ein Wohnhaus errichten wollten: an der Bouchéstraße/Ecke Harzer Straße in Treptow-Köpenick. Das Grundstück hatten sie 1937 gekauft. Dass es mit dem Bau des Hauses so lange dauerte, hat wenig mit Hildebrandts Familie, aber dafür umso mehr mit der deutschen Geschichte zu tun.

„Erst verhinderte der zweite Weltkrieg den Bau“, sagt Hildebrandt. „Der Stahl war knapp, der Zement war knapp, und die Bauarbeiter waren an der Front.“ Später lag die rund 5600 Quadratmeter große Fläche direkt an der Sektorengrenze in Ost-Berlin und wurde mit dem Mauerbau 1961 zur Sperrzone. Die Familie Hildebrandt, die während des zweiten Weltkriegs nach Wien gezogen war, wurde nach dem Mauerbau enteignet. Über ihr altes Grundstück lief der Todesstreifen. Von einem Wachturm auf dem Areal sollten Grenzsoldaten Fluchtversuche verhindern. Erst mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 bot sich der Familie die Möglichkeit, ihr altes Eigentum zurückzufordern. Joachim Hildebrandts Vater war da schon gestorben. So setzten sich Joachim Hildebrandt und dessen Mutter Charlotte für die Rückübertragung ein.

Das Problem: die Grenzanlagen gingen nach der Wiedervereinigung in den Besitz des Bundes über. Und das Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen sah vor, dass die Grundstücke nur dann zurückgegeben werden sollten, wenn sie ihren Eigentümern nach Gründung der DDR „in rechtsstaatswidriger Weise entzogen worden sind“. In der Regel wurden die Mauergrundstücke damit nicht zurückgegeben. Durch das Mauergrundstücksgesetz von 1996 wurde den Alteigentümern lediglich gestattet, ihren früheren Besitz für 25 Prozent des Verkehrswertes zurückzukaufen.

Europäischer Gerichtshof wies Klage ab

Ein Unrecht aus Sicht der Alteigentümer. Joachim Hildebrandt und seine Mutter Charlotte organisierten den Protest dagegen. Sie gründeten die Interessengemeinschaft der Mauergrundstücksbesitzer, zu der fast 100 Alteigentümer gehörten. „Wir bezeichnen das Gesetz als ein Mauergrundstücks-Verhökergesetz“, empörte sich Joachim Hildebrandt damals. Er zog mit seiner Mutter und anderen vor alle Gerichte bis hin zum Europäischen Gerichtshof – vergebens. Nachdem der die Klage 2013 ohne Erklärung abgewiesen hatte, blieb Joachim Hildebrandt nichts anderes übrig, als das Familien-Grundstück für 25 Prozent des Verkehrswerts zurückzukaufen, um es nicht gänzlich zu verlieren. Das war 2014. Seine Mutter Charlotte war zu dem Zeitpunkt bereits acht Jahre tot. Sie starb mit 97 im Jahr 2006 – auch an „gebrochenem Herzen“, wie der Sohn sagt.

Die Berliner Mauer an der  Bouchéstraße/Ecke Harzer Straße, aufgenommen im November 1982. 
Foto: dpa/Jürgen Richter

Einige der Alteigentümer hätten wie er ihr ehemaliges Grundstück für 25 Prozent des Verkehrswerts zurückgekauft, andere hätten resigniert, sagt Hildebrandt. Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) wurden in 62 Fällen ehemalige Mauergrundstücke an Alteigentümer oder deren Rechtsnachfolger verkauft. Die von den Berechtigten gezahlten Kaufpreise beliefen sich dabei laut BImA auf „knapp über zwei Millionen Euro“.

Das aus dem Verkauf der Mauergrundstücke eingenommene Geld sammelt und verwaltet der Bund im sogenannten Mauerfonds. Mit Zustimmung des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages werden die Mittel den östlichen Bundesländern - Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen - sowie dem Land Berlin zur Verfügung gestellt. Sie sollen damit wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zwecke fördern. Der Bund darf das Fondsvermögen nicht für eigene Zwecke verwenden. Es fließt durch die Verkäufe also kein Geld in die Kasse des Bundes.

42 Millionen Euro an Fonds abgeführt

Die BImA hat vom 1. Januar 2007 bis zum 31. Dezember 2019 insgesamt 220 Kaufverträge über ehemalige Mauergrundstücke abgeschlossen und rund 42 Millionen Euro an den Mauerfonds abgeführt. Die Fälle, in denen Alteigentümer oder deren Erben ihren früheren Besitz zurückerwarben, machen also nur einen kleinen Teil der Verkäufe aus. Für die Zeit vor 2007 liegen der Bundesanstalt nach deren Angaben „keine statistisch verwertbaren Aussagen vor“.

Wie viel er damals für sein Grundstück zahlen musste? „Das habe ich jetzt nicht mehr im Kopf“, sagt Hildebrandt. „Aber es hat mir wehgetan.“ Hildebrandt, der in Wien als Handelsvertreter tätig war, hatte selbst nicht das Geld, um das Grundstück zu kaufen. Der Mann, der Hildebrandt die Mittel für den Erwerb vorstreckte, war Gunther Hastrich. Der gelernte Architekt ist Geschäftsführer der Archigon Projektentwicklung und kam über einen Makler mit Hildebrandt in Kontakt. Hastrich suchte ein Grundstück, Hildebrandt einen Käufer. Hildebrandt verhandelte damals noch mit ein, zwei anderen Interessenten, die das Grundstück gerne erworben hätten. Doch am Ende erhielt Hastrich den Zuschlag.

Er habe ihm „ein gutes Konzept vorgestellt“, sagt Hildebrandt. Außerdem habe ihn Hastrich menschlich überzeugt. Hastrich schickte Skizzen des geplanten Projekts. Beide trafen sich in Wien, lernten sich kennen und schätzen. Am Ende habe aber selbstverständlich auch das wirtschaftliche Angebot überzeugt, sagt Hastrich. Mit der Hilfe des Projektentwicklers erwarb Hildebrandt das alte Familiengrundstück zurück und verkaufte es anschließend an Hastrich weiter. Der sicherte Hildebrandt zugleich zu, dass er eine Wohnung in dem Neubau erhält.

Betonstelen erinnern an den Verlauf der Mauer

Die Arbeiten an dem Projekt sind mittlerweile abgeschlossen. Bouchégärten heißt der Komplex, den die Archigon nach einem Entwurf des Büros Hastrich Keuthage Architekten errichtet hat. Entstanden sind 276 Eigentumswohnungen, die sich auf sieben Geschossen um fünf Gartenhöfe gruppieren. Auffälliges Merkmal der Fassade sind die dreieckigen Balkone, die zackenförmig zwischen den großen Fenstern und den Sichtbetonelementen der Häuserfront hervorspringen.

Vor dem Neubau: Joachim Hildebrandt  (l.) und Gunther Hastrich, dessen Unternehmen die Wohnungen errichtet hat. 
Foto: Gerd Engelsmann

„Das ist unser bisher wichtigstes realisiertes Projekt“, sagt Gunther Hastrich. Die Geschichte des Ortes spielte dabei eine besondere Rolle. An den Verlauf der Hinterlandmauer, also den östlichen Abschluss der Grenzanlagen, erinnern Betonstelen und ein in den Boden eingelassener Plattenbelag. Gedacht wird auf Wunsch des Voreigentümers Joachim Hildebrandt aber auch Charlotte Hildebrandts. In einem der Innenhöfe wird sie für ihr Engagement für die Rückgabe der Grundstücke gewürdigt. An einem großen Granitstein ist eine Gedenktafel mit einem Foto von Charlotte Hildebrandt zu sehen, das aus ihrem Führerschein stammt. Sie ist darauf Anfang 20, sagt Joachim Hildebrandt, also eine junge Frau.

Würdigung der früheren Eigentümerin: In einem Innenhof der Bouchégärten erinnert eine Gedenktafel an Charlotte Hildebrandt, die sich nach der Wiedervereinigung  zusammen mit ihrem Sohn Joachim für die Rückgabe des Grundstücks eingesetzt hat.
Foto:  Ulrich Paul
Erinnerung an den Todesstreifen: Betonstelen zeichnen den Verlauf der Hinterlandmauer nach, die den östlichen Abschluss der Grenze markierte.
Foto: Ulrich Paul

Die Inschrift lautet: „Über dieses Grundstück verlief von 1961 bis 1989 die Berliner Mauer. Nach der Wiedervereinigung kämpfte die ehemalige Eigentümerin Charlotte Hildebrandt gemeinsam mit ihrem Sohn Joachim gegen die ,zweite‘ Enteignung durch das Mauergrundstücksgesetz. Erst 2014 kam das Grundstück wieder in den Familienbesitz und konnte schließlich seiner ursprünglichen Bestimmung – dem Bau eines Wohnhauses – zugeführt werden.“

„Meine Mutter hätte sich gefreut“, sagt Joachim Hildebrandt. Sie habe wie sein Vater immer davon geträumt, ihr altes Grundstück zurückzubekommen, um ein Wohnhaus darauf errichten zu können. Nun werde er hier einziehen. Die Möbel sind bestellt. Der Einzug soll im nächsten Jahr gefeiert werden. „Das Einzige, was fehlt“, sagt der gebürtige Berliner und gelernte Wiener, „ist ein Kaffeehaus.“