Eigentlich hält sich Barack Obama mit öffentlichen Auftritten und Äußerungen zur politischen Lage in den USA zurück. Was auch immer er sagen würde, es ginge nicht ohne scharfe Kritik an seinem Nachfolger Donald Trump. Das aber widerspräche einer lange gepflegten politischen Kultur in den USA, an die sich einer wie Obama selbstverständlich hält.

Wenn sich der einstige Präsident aber doch einmal äußert, wie jetzt nach den Massenmorden in El Paso und Dayton, wird sofort dieser unfassbare Unterschied an politischer und moralischer Qualität deutlich, der die beiden Männer kennzeichnet.

Trumps Mittel der Wahl: Todesstrafe statt Verschärfung der Waffengesetze

Zwar wandte sich auch Trump in seiner kurzen Ansprache gegen Rassismus, Intoleranz und weißes Übermachtsdenken und erklärte: „Hass hat keinen Platz in Amerika.“ Aber wie glaubwürdig ist ein solches Bekenntnis von einem Mann, dessen Reden so oft von Intoleranz und Rassismus geprägt sind? Sein erster Gedanke, wie man des weißen Terrorismus Herr werden könnte, stammt selbstverständlich aus dem Denken in Gewalt und Gegengewalt, sein Mittel der Wahl ist die Todesstrafe und nicht etwa die Verschärfung der Waffengesetze.

Obama fordert - zum wievielten Mal eigentlich? – genau dies. Es ist ein praktischer Vorschlag, der sofort umzusetzen wäre und der sofort wirken würde. Dem immer gleichen Argument, das würde doch nichts ändern, entschlossene Täter könnten sich immer Waffen besorgen, hält er entgegen: „Es gibt Belege dafür, dass sie einige der Tötungen verhindern können. Sie können einigen Familien ein gebrochenes Herz ersparen.“ Das ist genau der menschliche Ton, der Obamas Reden immer trägt.

Donald Trump gießt immer wieder Öl ins rassistische Feuer

Aber er benennt eben auch die geistige Urheberschaft des rassistischen Terrors, der in den USA um sich greift. Es sind die rechtsradikalen Webseiten und Netzwerke, die labile Menschen aufstacheln, zu den Waffen zu greifen. Und es ist der Präsident selber, der mit seinen Reden immer wieder Öl ins rassistische Feuer gießt. Obama nennt ihn nicht beim Namen, aber wen sollte er meinen, wenn er schreibt: „Wir müssen eine Sprache entschieden ablehnen, die aus den Mündern unserer Anführer kommt und ein Klima aus Angst und Hass schürt oder rassistische Vorurteile normalisiert."

So wohltuend es ist, solche Worte von einem immer noch sehr einflussreichen und populären amerikanischen Politiker zu hören - die Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte, ist angesichts der Entwicklungen der letzten Jahre nur schwer aufrecht zu erhalten. Trump mag von einer Stimmung der Intoleranz, des Rassismus und Nationalismus profitieren und sie pflegen – erfunden hat er sie nicht. Er hat sie, wenn man so will, von seinem Vorgänger Barack Obama geerbt, der ihr schon wie machtlos ausgeliefert schien.

Auch vor vier Jahren prangerte Barack Obama den anhaltenden Rassismus an

Eine der bewegendsten Auftritte Obamas liegt gut vier Jahre zurück, bei der Trauerfeier für neun von einem weißen Rassisten in Charleston ermordeten Schwarzen. Auch da prangerte er den anhaltenden Rassismus und die laxen Waffengesetze an. Am Ende seiner Rede aber stimmte er die Kirchenhymne „Amazing Grace“ („Erstaunliche Gnade“) an, und die überwiegend schwarze Trauergemeinde stimmte ein. Es war ein mächtiges Signal, nicht dem Bedürfnis nach Rache zu folgen, sondern Vergebung und Versöhnung zu suchen.

Es war ein Moment der Hoffnung, dass es für die Gesellschaft der USA doch einen Weg aus Spaltung und Verbitterung, aus Hass und Gewalt geben könnte. Zur Tragik Obamas gehört, dass es ihm immer wieder gelungen ist, solche Momente zu schaffen – und doch so wenig von diesem Geist in praktische Politik umsetzen konnte. Er hat es immerhin versucht. Er versucht es immer noch. Donald Trump tut nicht einmal das.