Nach Brandbrief der U-Bahn-Betriebsräte: BVG: „Wir haben hier nicht die Katastrophe“

Revolte im Untergrund. Nachdem am Mittwoch Arbeitnehmervertreter der Berliner Verkehrsbetriebe mit einem offenen Brief an den BVG-Vorstand vor „katastrophalen Entwicklungen“ bei der U-Bahn gewarnt hatten, ist für die nächste Woche ein Krisengespräch mit dem Management angesetzt. Für Dienstagvormittag hat der Vorstand die Autoren des Briefs in die BVG-Zentrale an der Holzmarktstraße eingeladen. Auch Vorstandschefin Sigrid Nikutta wird dabei sein.

Mit dem Brief hatten Betriebsräte der Berliner U-Bahn zahlreiche Probleme bei der BVG-Sparte angesprochen. Die U-Bahn befinde sich in der schwierigsten Lage seit über 60 Jahren, heißt es darin. Genauer: „Die Situation ist nicht nur ernst, sondern sie ist dramatisch.“

Spürbare Entlastung erst in fünf Jahren

Tatsächlich ist die U-Bahn eine der Hauptschlagadern des Berliner Nahverkehrssystems. 146 Kilometer Strecke, 173 Bahnhöfe, 1,5 Millionen Fahrgäste am Tag. Dem Brief zufolge ist das Verkehrssystem allerdings ein fragiles Konstrukt. „Wir sind in großer Sorge, dass es hier in den nächsten Jahren zu katastrophalen Entwicklungen kommt“, schreiben die Betriebsräte. In den letzten Jahren sei bei der U-Bahn viel Geld für Unternehmensberatungen ausgegeben worden, anstatt dieses in qualifiziertes Personal und die Infrastruktur zu investieren.

Konkret beklagen sie das Alter der U-Bahn+-Flotte, zu viele Langsamfahrstrecken, demotivierende Dienst- und Schichtplangestaltungen oder Personalmangel. 20 Dienste könnten täglich „personalbedingt nicht besetzt“ werden. Täglich fielen Dutzende Dienste auch wegen Fahrzeugmangel aus. Zudem würden sich die Zugausfälle auch durch massive Zugschäden mehren. Von der angekündigten Inbetriebnahme neuer U-Bahn-Züge versprechen sich die Arbeitnehmervertreter indes erst „frühestens in fünf Jahren eine spürbare Entlastung“.

„Wir haben hier nicht die Katastrophe.“

Bei der BVG erklärte man zunächst, dass man solche Bedenken natürlich sehr ernst nehme. Es kämen jeden Monat neue Züge, zudem laufe die Ausschreibung für eine Großbestellung. Neueinstellungen seien geplant, aber es komme auch keineswegs flächendeckend zu Ausfällen bei Personal und Technik. Inzwischen sei eine Antwort auf den Brief formuliert worden. Im Laufe des Donnerstags sollte das Schreiben an die Betriebsräte geschickt werden.

Über den Inhalt wollte man sich am Donnerstag im Detail nicht äußern, allerdings stellte BVG-Sprecherin Petra Reetz klar, dass man einiges anders sieht. Nach ihrer Darstellung seien die Fahrleistungen der U-Bahn von 2009 bis 2017 um zehn Prozent angestiegen und zugleich das Fahrpersonal um 17 Prozent aufgestockt worden. „Wir brauchen am Tag 422 Fahrer und haben tatsächlich 805. Darüber hinaus stehen und noch über 300 Fahrer als Reserve zur Verfügung“, sagte sie und zitierte aus der Dienstmeldung der Nahverkehrssparte vom vergangenen Dienstag. Demnach waren an diesem Tag alle für die Schichten benötigten Fahrer anwesend, ein U-Bahn-Zug habe nicht zur Verfügung gestanden, und im Laufe des Tages seien noch Störungen in vier Zügen aufgetreten. Petra Reetz: „Wir haben hier nicht die Katastrophe.“

Beim Berliner Fahrgastverband Igeb, der sich als Interessenvertreter der hauptstätischen ÖPNV-Nutzer versteht, sieht man das jedoch ganz anders. „Die U-Bahn befindet sich personell wie technisch in einem erbärmlichen Zustand“, sagte Igeb-Vize-Chef Jens Wieseke der Berliner Zeitung, weshalb der Brief im Grunde keine Neuigkeiten enthalte. Der Verband sieht nun die zuständigen Senatorinnen im Verkehrs- wie auch Wirtschaftsressort in der Pflicht. „Statt über langwierige Neubauprojekte nachzudenken, muss dringend in die vorhandene Infrastruktur investiert werden“, so Wieseke. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen hatte sich erst kürzlich für einen Ausbau des Berliner U-Bahnnetzes ausgesprochen. Die Senatorin ist auch Aufsichtsratsvorsitzende der BVG.