Nach Christchurch beten Muslime in Berlin unter verstärktem Polizeischutz

Berlin - André Meglic ist überrascht. Mit so viel Verstärkung hat er heute nicht gerechnet. Meglic ist Polizist, Dienstgruppenleiter des Abschnitts 55 in Neukölln. Die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm ist „seine Moschee“, wie er sagt. Fast jeden Freitag, wenn die Muslime hier zum Freitagsgebet kommen, schaut er vorbei, zeigt Präsenz, plaudert auch mal mit dem Vorsitzenden der Moschee. „Mein Alltagsgeschäft“, kommentiert der langjährige Polizist aus Neukölln.

Aber heute ist es ein anders. Rund zehn weitere Polizisten sind gekommen, in schwerer Montur mit schusssicheren Westen. Sie stehen am Eingang, tragen kleine Headsets, andere sitzen im Mannschaftswagen an der Straße.

Mehr Präsenz vor Berliner Moscheen

Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte am Donnerstag am frühen Abend kurzfristig den Berliner Moscheen verstärkten Schutz zugesichert. Denn an diesem Freitag ist es genau eine Woche her, dass im neuseeländischen Christchurch 50 Muslime beim Freitagsgebet brutal getötet wurden. Der Haupttäter soll ein rechtsextremer Australier sein. Er schoss um sich. Aus Hass. Aus Fremdenfeindlichkeit. Die Sorge, dass so etwas auch hier passieren könnte, treibt die Stadt, die Politik um.

Über die Verstärkung in seinem Kiez hat André Meglic erst am Morgen aus dem Radio erfahren. Kurz bevor er um zwölf Uhr zur Sehitlik fährt, hatte der Polizist an der Flughafenstraße an der Dar-as-Salam-Moschee nach dem Rechten gesehen. Auch dort war mehr Polizei im Einsatz als sonst. Die Moschee soll um Polizeischutz gebeten haben.

Innensenator Geisel kommt damit unter anderem einer Forderung des Zentralrats der Muslime nach. Dessen Vorsitzender Aiman Mazyek hatte nach den Terroranschlägen kritisiert, dass die Moscheen in Deutschland nicht ausreichend geschützt seien. Wegen einer „weiterhin allgemein abstrakt hohen Gefährdung“ seien die Schutzmaßnahmen im gesamten europäischen Raum bereits auf einem hohen Niveau. Tatsächlich tauchte am vergangenen Freitag, nur wenige Stunden nach dem Anschlag in Neuseeland, kein einziger Polizist am Columbiadamm auf.

Nach den Terroranschlägen in Christchurch hätten die Sicherheitsbehörden ihre Erkenntnisse neu bewertet, teilte die Innenverwaltung am Donnerstag nun mit. Auf dieser Basis seien die Sicherheitsmaßnahmen angepasst worden. Auch in Brandenburg hat die Polizei ihre Präsenz an den Moscheen des Landes erhöht. „Um das Sicherheitsgefühl zu stärken“, wie eine Sprecherin mitteilte. Eine konkrete Gefährdung bestehe nicht. Die Maßnahme solle auch an den kommenden Tagen aufrechterhalten werden.

„Berlin als weltoffene und tolerante Stadt steht für den Ausgleich der Kulturen und Religionen“, erklärte Geisel dazu. „Mit Blick auf den Freitag möchte ich allen muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern versichern, dass wir alles für ihren Schutz tun werden, was wir können. Hass und Gewalt dürfen nicht zum Spaltpilz unserer offenen Gesellschaft werden“, sagte der Senator.

Doch wie fühlen sich Muslime, wenn sie ihren Glauben nur noch unter Polizeischutz ausüben können? Haben Sie Angst? „Nein“, sagt ein junger Mann vor der Moschee knapp.

Kücük Süleyman ist sich da nicht ganz so sicher. Seit knapp zwei Jahren ist er Vorsitzender der größten Berliner Moschee. „Mag sein, dass die Menschen hier Angst haben“, sagt er auf die gleiche Frage nach kurzem Zögern. Auch wenn er nichts Genaueres gehört habe. „Wir haben hier schon einiges durchgemacht, sogar Schweineköpfe lagen schon vor dem Eingang“, erzählt er. Man müsse immer aufpassen. „Der Rassismus ist viel präsenter, als immer behauptet wird“, so Süleyman. Daher sei er froh, dass die Polizei heute Präsenz zeige. Süleyman findet, dass die Polizei noch viel regelmäßiger während der Freitagsgebete vor Ort sein sollte. „Der Schutz der Menschen steht im Vordergrund. Egal, was das kostet“, betont Süleyman.

100 Moscheen in Berlin

Die Behörde steht damit allerdings vor einer immensen Aufgabe. Denn in Berlin gibt es etwa 100 Moscheen, große wie die Al Nur-Moschee und die Sehitlik-Moschee in Neukölln, aber auch viele kleine in Hinterhöfen und Wohnungen. Etwa 250.000 bis 300.000 Muslime leben in Berlin.

Nach Angaben von Martin Pallgen, Sprecher der Innenverwaltung, wurden die neuen Sicherheitsmaßnahmen zwischen der Polizei und den Verantwortlichen der in Berlin vertretenen muslimischen Gemeinden abgestimmt.
Der Vorsitzende der Gemeinde am Columbiadamm verabschiedet sich plötzlich ganz schnell. Ein schwarzes Auto ist vorgefahren. Aus diesem steigt Ali Kemal Aydın, türkischer Botschafter in Berlin. Ohne ein Wort läuft er Richtung Eingang, wo die Kameras auf ihn gerichtet sind und Journalisten ihm gern ein Statement abverlangt hätten.

„Der sagt nie etwas“, kommentiert Meglic. Dass Ali Kemal Aydın heute zur Moschee kommt, sei auch nichts Besonderes. „Der ist häufiger hier“, weiß er. Und dann ist der türkische Botschafter auch schon in der Moschee mit Süleyman verschwunden.