Berlin - Hotelfachfrau oder Hotelmanager? Dachdecker oder Architekt? Mehr als 12 000 Berliner Schüler werden im kommenden Jahr das Abitur machen. Aber nicht nur für sie stellt sich die Frage, wie es nach der Schule weitergeht. Soll man gleich eine Ausbildung machen, ein Studium aufnehmen? Soll man beides anstreben?

Oder ist es vielleicht wichtiger, sich erstmal in der Welt umzusehen, bevor man eine solche Entscheidung fürs Leben trifft? Unter dem Motto „Wir sind Zukunft“ beschäftigten sich Ende vergangener Woche 64 Jugendliche aus verschiedenen Schulen der Stadt auf dem Jugendpolitiktag der Konrad-Adenauer-Stiftung mit diesem Thema.

Mehr Akademiker gefragt

Schon heute ergeben Studien, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern deutlich geringer ist als unter Schulabgängern ohne Bildungsabschluss. Je höher also der Bildungsgrad, desto niedriger die Arbeitslosigkeit. „Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind höher, wenn man vorher eine Ausbildung macht und dann zur Uni geht“, riet Katharina Schumann von der Handwerkskammer den Schülern beim Jugendpolitiktag.

Eine Prognose gab Professor Harm Kuper ab, der an der Freien Universität (FU) Bildungsmanagement lehrt. „In Zukunft werden wir sehr, sehr viel mehr Akademiker haben. Die besten Chancen haben Naturwissenschaftler und Ingenieure. Schlechter sieht es hingegen für Geistes- und Sozialwissenschaftler aus.“

Aber woher soll man wissen, was für einen persönlich der richtige Weg ist? Für viele Schüler ist das ein großes Problem. Wie einige Teilnehmer sagten, falle es ihnen schwer, sich für einen Beruf zu entscheiden.

Die Auswahl an Berufsmöglichkeiten wird immer größer, Bewerber müssen immer spezialisierter sein. Früher zum Beispiel konnte man schlicht Hotelmanagement studieren, heute muss man sich deutlicher spezialisieren, etwa als Hotelbetriebswirt, Businessmanager, Gastronomiemanager oder Tourismusmanager. Zudem ist die Auswahl an möglichen Unis größer – ist es vielleicht besser, in Österreich zu studieren, in den USA oder in China? Fragen über Fragen, die viele überfordern.

Viele Schulen würden die Schüler bei der Berufswahl nicht genügend unterstützen, kritisierten Teilnehmer. So müsste es in der Oberstufe mehr Möglichkeiten geben, sich über Möglichkeiten der Berufswahl zu informieren, sowohl im Unterricht als auch außerhalb. Dem stimmte Harm Kuper von der FU zu: „Das ist ein Problem des Schulsystems. Die Fächer sind zu wenig auf praktische Begabungen und Eignungen der Schüler ausgerichtet.“

Katharina Schumann von der Handwerkskammer sagte, sie sei ratlos, wie man die Schüler noch mehr informieren könne. „Es gibt dazu bereits genügend Internetseiten und Veranstaltungen.“ Eine Schülerin sagte: „Wir müssen mehr Eigeninitiative zeigen! Wir dürfen nicht erwarten, das uns alles vorgelegt wird. Wir wollen doch eigenständig sein und ernst genommen werden.“

Der Leistungsdruck steigt

Ein Thema waren auch die Schülerpraktika. Es gebe zu wenig davon, und wenn, dann mache man „nur die Drecksarbeit“, sagte ein Schüler. „14- bis 16-Jährige haben kaum eine Chance zu zeigen, was sie können.“

So ist in vielen Schulen lediglich ein Praktikum von zwei bis vier Wochen in der 9. Klasse Pflicht. In der Oberstufe hingegen wird es den Schülern selbst überlassen, ob sie außerhalb der Schulzeit praktische Erfahrungen sammeln – dies müssen sie dann selbst organisieren.

In einem Punkt waren sich alle Teilnehmer des Jugendpolitiktages einig: Berufe werden immer anspruchsvoller, der Leistungsdruck steigt. Schüler müssen immer früher eine Berufswahl treffen, immer mehr lernen und sich immer größeres Wissen aneignen. „Darf man nicht mal faul sein und seine Zeit verschwenden, bevor es im Leben ernst wird?“, fragte eine Teilnehmerin – und erntete Applaus. „Warum nicht einfach mal den Rucksack packen und die Welt entdecken?“ Darauf antwortete Kuper: „Tun Sie das, aber in einem bestimmten Rahmen. Nutzen Sie die Zeit sinnvoll.“

Von Vanessa Goumah, Lars Dittberner, Lars Dämmrich und Max Paulig