Die Unfallstelle ist geräumt, die Autobahn A9 bei Münchberg zumindest zweispurig wieder Richtung Süden befahrbar. Das Wrack des Busses, in dem am Montag nach einer Kollision 18 Menschen verbrannten, ist weggeschafft worden. Jetzt müssen die Spezialisten herausfinden, warum das Fahrzeug so schnell in Brand geraten konnte. Es wird vermutlich noch eine Weile dauern, bis die genaue Unfallursache feststeht.

Was bleibt, ist die Trauer über die Toten und die Fassungslosigkeit, dass aus einem Auffahrunfall blitzschnell ein Inferno wurde. Doch bereits am Montag hat sich noch ein Gefühl in die Stimmungslage gemischt: Zorn. Formuliert wurde es von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) noch am Unfallort. Er beklagte ein „völlig unverantwortliches und beschämendes Verhalten“ mancher Autofahrer.

Sie hätten keine vorschriftsmäßige Rettungsgasse gebildet und die Einsatzkräfte massiv behindert. Sein Parteifreund und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kritisierte die Schaulustigen auf der Gegenfahrbahn, die abbremsten, um den Unfall zu betrachten. Er kündigte an, das Bußgeld für Gaffer zu erhöhen. Praktischerweise diskutiert der Bundesrat am kommenden Freitag zu diesem Thema, das allerdings schon länger auf der Tagesordnung steht und daher nicht im Zusammenhang mit dem Unfall auf der A9 steht.

Noch immer in Unkenntnis

Beide Minister machten diese Äußerungen während einer gemeinsamen Pressekonferenz direkt an der Unfallstelle und man muss ihnen zugutehalten, dass natürlich auch sie unter dem Eindruck des furchtbaren Ereignisses standen. Das ist aber zugleich auch Teil des Problems. Denn ganz so einfach ist es nicht, wie Dobrindt und Herrmann die Dinge darstellen. Die Vehemenz der Äußerungen zeugt nämlich zugleich auch von der Hilflosigkeit der Politiker.

Was soll man sagen, wenn man als Verkehrsminister vor dem ausgebrannte Wrack eines Reisebusses steht, in dem Menschen umkamen, wenn man die Unfallursache nicht kennt? Oder als Innenminister des Bundeslandes, in dem die Senioren ums Leben kamen? Soll man sagen, dass man nie ganz sicher sein kann, so wie es nach Terroranschlägen oft und richtigerweise betont wird? Es ist also verständlich, wenn beide Minister versuchen, wenigstens in einer Hinsicht Abhilfe und damit künftig mehr Sicherheit in Aussicht zu stellen. Das ist schließlich der Job des Politikers.

Einen Tag nach dem Unfall und noch immer in Unkenntnis der genauen Umstände, kann man jedoch schon mal eines festhalten: Die beiden Minister sprechen von unterschiedlichen Dingen. Dass die Einsatzfahrzeuge offenbar Schwierigkeiten hatten, zum Unfallort zu gelangen – ganz sicher ist das auch nicht – lag daran, dass die Autofahrer auf der Seite der A9, auf der der Unfall geschah, keine richtige Rettungsgasse bildeten. Das ist offenbar noch immer nicht jedem Autofahrer klar: Wenn sich ein Stau bildet, müssen die Fahrzeuge auf der linken Spur sehr weit links, die auf der rechten Spur sehr weit rechts fahren, damit die Rettungsfahrzeuge in der Fahrbahnmitte schnell zum Einsatzort kommen.

Fotos mit dem verkohlten Buswrack

Wenn so etwas nicht klappt, hat das nichts mit Gaffen zu tun. Die Autofahrer im Stau sehen ja gar nicht, was da vor ihnen passiert ist. Hier hilft nur Aufklärung und auch mal eine Verkehrskontrolle im Stau. Dabei könnten dann auch gerne die vielen Autofahrer, die stur die Mittelspur besetzen, über das Rechtsfahrgebot in Deutschland aufgeklärt werden. Denn auch sie sind ein echtes Stau- und damit auch Sicherheitsrisiko.

Bleiben die echten Gaffer. Jene, die am Montag auf der nicht vom Unfall betroffenen Seite langsam an der Stelle vorbeifuhren. Das ist nicht sympathisch, aber wie ahndet man das im konkreten Fall? Sollen sich Polizisten, die am Einsatzort gebraucht werden, auf die anderen Seite stellen, um Bußgeldbescheide an jene zu verteilen, die zu langsam vorbeifahren? Welche Geschwindigkeit ist angemessen, wenn man auf der Gegenseite ein Fahrzeug brennen sieht und vielleicht auch deshalb und vor Schreck vorsichtshalber abbremst?

Wohlgemerkt: Dies hier ist kein Plädoyer für das ungenierte Ausleben der Schaulust. Aber bevor man härtere Strafen fordert, sollte man sich klar machen, dass es keine eindeutigen Kriterien dafür gibt, wo Anteilnahme aufhört und Voyeurismus beginnt. Sonst könnte man womöglich auch fragen, ob es sinnvoll ist, wenn Politiker mit dem Hubschrauber am Katastrophenort eintreffen, um sich „ein Bild von der Lage“ zu machen. Und sich mit einem verkohlten Buswrack im Hintergrund fotografieren zu lassen.