Berlin - Eine Woche nach dem Ende der Betriebsgenehmigung für den Flughafen Tegel beginnt auf dem Areal die Suche nach Blindgängern und Munitionsresten aus dem Zweiten Weltkrieg. Das teilte die Tegel Projekt GmbH am Mittwoch mit. Die landeseigene Gesellschaft will die rund 500 Hektar große Fläche Anfang August komplett übernehmen, um dort in den nächsten 20 Jahren ein neues Stadtquartier mit einem Forschungs- und Industriepark sowie ein Wohnviertel mit mehr als 5000 Wohnungen zu errichten. Kampfmittel, die noch unter der Erdoberfläche liegen, sollen vorher beseitigt werden.

„Das Areal befindet sich in einem Zustand, in dem der reguläre Flugbetrieb in der Vergangenheit gefahrlos möglich war“, sagt Philipp Bouteiller, Geschäftsführer der Tegel Projekt GmbH. Dennoch seien von der knapp 500 Hektar großen Projektfläche mehr als 400 Hektar noch nicht nach dem Stand der Technik „kampfmittelberäumt“ worden. „Wir sorgen für Klarheit und Sicherheit, damit bei den anstehenden Arbeiten niemand zu Schaden kommt“, sagt Bouteiller.

Dabei werde es auch zu Beeinträchtigungen kommen. „Wir rechnen damit, dass das Baugeschehen im Schnitt einmal pro Monat wegen einer Entschärfung oder Sprengung unterbrochen werden muss“, sagt Bouteiller. Je nach Lage und Gefährlichkeit möglicher Funde könnten auch Evakuierungsmaßnahmen oder Unterbrechungen des Straßenverkehrs und der U-Bahn notwendig werden.

Ehemals Standort von Flugabwehrgeschützen

Das Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel wurde etwa von 1780 an als Artillerie-Schieß- und Übungsplatz des preußischen Heeres genutzt. Ab 1930 fanden hier Raketenversuche statt. Im Zweiten Weltkrieg diente das Areal dann als Truppenübungsplatz und Standort von Flugabwehrgeschützen. Zwar sei Tegel kein ausgewiesenes Angriffsziel der Alliierten gewesen, so die Tegel Projekt GmbH, das Gebiet sei aufgrund kriegswichtiger Industrieanlagen dennoch zum Ziel von circa 80 Luftangriffen geworden. Es sei davon auszugehen, dass das Gebiet im Zeitraum von 1940 bis 1945 mehrfach durch Spreng- und Brandbomben der Royal Air Force getroffen worden sei.

Außerdem habe es auf dem Areal Bodenkämpfe gegeben, bei denen die Soldaten Schutz in Gräben suchten. Nach Kriegsende seien Bombentrichter, Erdlöcher oder Splittergräben häufig mit kampfmittelbelastetem Bauschutt zerstörter Gebäude verfüllt worden. Ebenso sei Munition, die nicht abtransportiert werden konnte, hier abgelagert und vergraben worden.

Das Problem: Aufgrund der sowjetischen Blockade West-Berlins 1948/49 und der schnellstmöglichen Errichtung von Landebahnen in Tegel wurden damals vor Aufnahme des Flugbetriebs keine Kampfmittel geräumt. Punktuelle Räumungen fanden laut Tegel Projekt zwischen 1968 und 1981 statt. Testfelduntersuchungen in den Jahren 2004 und 2005 hätten ergeben, dass das Areal noch kampfmittelbelastet sei, „jedoch ohne Eingriff in den Boden keine unmittelbare Gefährdung für den Flugbetrieb“ ausgehe. Seit dieser Zeit werde das Flughafengelände bereits „systematisch geräumt“.

In Verdachtsgebieten wird bis zu sechs Meter tief gegraben

Das gesamte Gebiet des ehemaligen Flughafens gilt als Kampfmittelbelastungsgebiet. Bis August werde nun zuerst der Bereich der künftigen Baustellenzufahrt am Kurt-Schumacher-Damm auf Munition und Blindgänger hin untersucht und gegebenenfalls beräumt, so die Tegel Projekt GmbH. Von August an bis Oktober 2022 folge der Bereich des ersten Bauabschnitts im Schumacher Quartier und ab Herbst diesen Jahres der Bereich der Südzufahrt, von der General-Ganeval-Brücke aus kommend. Die Arbeiten in diesen Gebieten sollen voraussichtlich bis Ende 2022 abgeschlossen sein. Die weitere Begutachtung und Beräumung folgt nach und nach vor dem Start der jeweiligen Bauarbeiten.

Und so gehen die Experten vor: Der Boden wird zunächst mit Metalldetektoren abgesucht, dann schichtweise abgetragen und in einer Separierungsanlage sorgsam untersucht. Bei Flächen, die laut Tegel Projekt „keine Anomalien“ aufweisen, soll der Boden auf einer Tiefe von 30 Zentimetern bis zu 1,60 Meter ausgehoben werden. Verdachtsgebiete würden bis zu einer Tiefe von sechs Metern abgetragen. Sollten die Kampfmittel, die entdeckt werden, transportfähig sein, werden sie zum Sprengplatz Grunewald gebracht. Wenn sie nicht transportfähig sind, müssen sie an Ort und Stelle entschärft oder gesprengt werden.

Für die Räumarbeiten auf den ersten drei Flächen rechnet die Tegel Projekt GmbH mit einem Erdaushub von 340.000 Kubikmetern. Das Erdreich soll zunächst auf der ehemaligen südlichen Landebahn sowie im Bereich des künftigen Schumacher-Quartiers gelagert werden. Wenn das Erdreich als unbedenklich eingestuft ist, sollen die Löcher oder andere Bereiche damit verfüllt werden. „Kontaminierter Boden“, so die Tegel Projekt GmbH, werde „ordnungsgemäß entsorgt“.