Berlin - Die 38-jährige Genia R. stellt eine Kerze auf den Bürgersteig vor der britischen Botschaft in Berlin und zündet sie an. „Wir kennen London“, sagt sie. „Es ist eine unserer Lieblingsstädte. Dass es London immer wieder trifft, ist schlimm.“ Zusammen mit ihrem Mann ist die Schönebergerin am Pfingstmontag zur Wilhelmstraße in Mitte gekommen, um ihre Anteilnahme mit den Opfern des Terroranschlags vom Sonnabend auszudrücken.

„Das Gedenken ist wichtig“

Auf dem Bürgersteig am Haupteingang zur diplomatischen Vertretung Großbritanniens liegen Blumen. Daneben flackern rote Grablichter. Sie zeigen: Die Gedanken der Berliner und der Besucher der Stadt sind in diesen Stunden bei den Familien der Opfer von London. Der 69-jährige Paul Nyhuis aus Osnabrück hält vor der Botschaft für einen kurzen Moment inne. „Das Gedenken ist wichtig“, sagt er. „Und dass man sich nicht kleinkriegen lässt.“ Eine 55-jährige Rollstuhlfahrerin aus Tiergarten klebt eine Rose an die Botschaftswand.

Schon am Sonntagabend hatte Berlin das Brandenburger Tor zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags in den Farben Großbritanniens angeleuchtet. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) versicherte am Pfingstsonntag, die Berliner seien in Gedanken bei den Opfern und Angehörigen und teilten ihr großes Leid. In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche beteten die Gottesdienstbesucher am Pfingstsonntag für die Opfer. Auf dem Weihnachtsmarkt neben der Kirche war am 19. Dezember 2016 der islamistische Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen in die Menschenmenge gerast. Damals starben zwölf Menschen, mehr als 50 wurden verletzt.

Zusammenhalt zählt

Regierungschef Müller sagte: „Der Terror versucht, uns dort zu treffen, wo wir uns frei und unbefangen bewegen.“ Ziel seien Angst und Chaos. Er fügte hinzu: „Wir werden Anschläge nie hundertprozentig verhindern können. Aber die Terroristen werden nicht gewinnen, denn wir stehen zu unseren Werten.“ Berlins evangelischer Bischof Markus Dröge rief zur Versöhnung der Religionen auf. In seiner Predigt in der Gedächtniskirche am Pfingstsonntag zeigte er sich entsetzt über die Feigheit und Brutalität der Täter und betete für die Opfer und ihre Angehörigen. Juden, Christen und Muslime müssten zueinander finden und gemeinsam gegen Terror und Gewalt vorgehen, mahnte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Es dürfe keine Gewalt im Namen der Religion geben. CDU-Fraktionschef Florian Graf sagte: „London darf sich der Solidarität Berlins sicher sein.“

"You’ll Never Walk Alone"

Zwischen den Blumen vor der Botschaft ragt am Pfingstmontag eine britische Flagge aus Papier hervor. Darauf steht „You’ll never walk alone“ (Du gehst niemals alleine) – der Titel des berühmtesten Fußballsongs aller Zeiten. Das 1963 von der Liverpooler Band Gerry & the Pacemakers neu aufgelegte Lied wird seit Jahrzehnten vor jedem Heimspiel des FC Liverpool vom Publikum gesungen. Seit der Hillsborough-Katastrophe 1989, bei der 96 Liverpool-Fans ums Leben kamen, steht der Schriftzug You’ll Never Walk Alone sogar im Vereinswappen des FC Liverpool. Der Song ist mittlerweile zu einer internationalen Hymne des Zusammengehörigkeitsgefühls geworden. So sangen ihn zuletzt die Besucher des Musikfestivals Rock am Ring, als die Veranstaltung wegen Terrorverdachts unterbrochen wurde.

(mit epd)