Berlin - Ein paar Kerzen formen fünf Buchstaben: „Jusef“, dahinter liegen Blumen, Briefe, Gebete, Fotos. Sie erinnern an den Tod des 18-jährigen Jusef El-A., der bei einer Messerstecherei starb. Ein 34 Jahre alter Deutscher namens Sven N. soll zugestochen haben. Zwei Wochen ist das her. Immer noch legen Menschen Blumen an der Fritzi-Massary-Straße in Neukölln ab. Gerade waren zwei Mädchen aus der Nachbarschaft da. Sonst sieht man kaum Menschen auf der Straße. Es ist so still, dass man den Wind hört.

Doch unterschwellig wächst die Angst, dass es zu größeren Konflikten kommt. Mitte vergangener Woche gab die Staatsanwaltschaft eine Mitteilung heraus, dass Jusef womöglich zu den Aggressiveren in der Gruppe von rund 20 jungen, bewaffneten Arabern und Türken gehört habe, die sich auf Sven N. stürzten. Bisher galt Jusef als Opfer, das zufällig in den Streit hineingeraten war. Die Nachricht hat die Familie El-A. verunsichert. Sie lebt abseits vom Tatort in der sogenannten Weißen Siedlung in Neukölln. Viele Migranten wohnen hier, fast jeder Zweite lebt vom Staat.

Jusefs Familie hin- und hergerissen

Das Angebot des Quartiermanagements hat sich auf Konfliktlösungen spezialisiert, es gibt Kurse für Konfliktschlichter, Streetworker, Mediatoren, Nachbarschaftshelfer. Funktionieren scheinen sie nicht so besonders. Auch Jusef war seit kurzem in einer Jobcenter-Maßnahme als Streitschlichter aktiv. Die Mutter ist als ehemalige Teilnehmerin des Projektes Stadtmütter bekannt.

Jeden Tag versammeln sich Jugendliche, Bekannte im Wohnzimmer der Eltern. Als streng religiöse Muslime haben sie die Pflicht, die Verwandten eines toten Glaubensbruders aufzusuchen. Sie tauschen Neuigkeiten aus, sie reden darüber, was sie tun können. Viele sind misstrauisch den deutschen Behörden gegenüber. „Jusefs Freunde sind völlig fertig, dass er plötzlich so negativ dargestellt wird. Das sorgt für Aufwallungen“, heißt es aus dem Kreis der Familie. Auf Facebook drohen Freunde in wüsten deutschfeindlichen Beschimpfungen mit Rache.

Die Familie ist hin- und hergerissen, einerseits will sie nicht, dass es zu Krawallen kommt, andererseits fürchtet sie, dass der Name des Sohnes in den Schmutz gezogen wird. „Die Ermittlungen sind doch noch nicht beendet, warum wird so etwas veröffentlicht?“, fragt eine Cousine. Die Lage sei derzeit „ruhig, aber angespannt“. Die Jugendlichen warten nur auf ein Zeichen des Vaters, und dann brenne der Kiez, heißt es.

Gefahr noch nicht gebannt

Der Vater war derjenige, der mit seiner Besonnenheit bisher verhindert hat, dass es zu Krawallen kam. 3 000 Muslime aus der ganzen Stadt waren zur Beerdigung gekommen. Es war die größte muslimische Beerdigung. Die aufgeheizte Stimmung dort erinnerte eher an den Gaza-Streifen als an Neukölln. Der Vater redete und trat auch mit der Polizei im Jugendclub auf, in den Jusef ging. „Es ist uns gemeinsam gelungen, die Emotionen etwas runterzubringen“, sagt ein Sprecher der Polizei.

Doch die Gefahr ist nicht gebannt. Was, wenn Sven N. freigesprochen wird? Dem Neuköllner Integrationsbeauftragten Arnold Mengelkoch macht Sorgen, wie salafistische Moscheen den Fall für ihre Propaganda nutzen. Jusef ging regelmäßig in die Al-Nur-Moschee, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Propaganda falle bei den Arbeitslosen zwischen 14 und 24 Jahren auf fruchtbaren Boden, so Mengelkoch.

Auch der Psychologe Kazim Erdogan, der in seiner arabisch-türkischen Vätergruppe den Fall diskutierte, hat beobachtet, dass Religiöse sich einmischen wollen. „Das dürfen wir nicht zulassen.“ Ihm macht der zunehmende Einfluss der Religion auf die Jugend Sorgen. Mindestens 20 Moscheen gibt es in Neukölln, andere Schätzungen gehen sogar von 32 aus.

Für Mengelkoch steht der Fall Jusef für ein Neuköllner Problem. „Arabische Familienclans tauchen regelmäßig in Krankenhäusern und Schulen auf, um Krawall wegen Kleinigkeiten zu machen.“ Meist in Masse, meist bewaffnet. Bei Jusef endete es tödlich.