Potsdam - Die Trauer reißt nicht ab. Noch immer bekunden Potsdamer am Oberlinhaus im Ortsteil Babelsberg ihre Anteilnahme, legen vor dem Behindertenwohnheim Blumen nieder und zünden Kerzen an, wo am Mittwochabend eine Pflegerin vier Bewohner umgebracht und einen weiteren schwer verletzt haben soll. „Die Tat ist allein schon deshalb schockierend und zu verurteilen, weil hier Menschen Zuwendung von ihrem Betreuer erwarteten, die in Gewalt umschlug“, sagt Marcus Graubner, Vorsitzender des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland (ABiD). Neben der Aufklärung sei es nun besonders wichtig, verstärkt den Fokus auf die Betreuung und Pflege von Behinderten und schwer kranken Menschen zu richten. Graubner fordert mehr Kontrollen und einen Eignungstest für Pflegekräfte in solchen Einrichtungen.

Nach seiner Auffassung sei die Tat in Potsdam ein trauriger Höhepunkt, was hierzulande in Pflegeeinrichtungen geschehe. Deren Betreiber sollten daraus ihre Lehren ziehen. „Aus Gesprächen mit betroffenen Angehörigen hören wir oft von Fällen der verdeckten Gewalt“, sagt Graubner der Berliner Zeitung. „Beispielsweise, wenn die zu Pflegenden von Betreuern etwa mit Kopfkissen geschlagen werden, um diese ruhigzustellen. Auch von sexueller Gewalt gegenüber Heimbewohnern ist die Rede.“ Die Dunkelziffer sei sehr hoch, so der Behindertenverbandschef. „Da muss dringend etwas passieren.“

Behinderte seien Patienten wie alle anderen auch, hätten in Heimen und Kliniken genauso einen Anspruch auf Sicherheit und bestmöglichen Schutz ihres Lebens, so Graubner. Sicher stimme es, dass Pflegekräfte gerade in der jetzigen Corona-Pandemie am Limit ihrer Kräfte arbeiten, zudem schlecht bezahlt werden. „Dennoch darf so etwas wie in Potsdam nicht geschehen“, sagt der Verbandschef. „Unsere Trauer und Anteilnahme gehört den Toten und deren Familien.“

Man könne durchaus erkennen, ob Pflegemitarbeiter mit der Schwere ihres Berufes klarkommen und ob sie überfordert seien. Mehr Kontrollen über die Arbeitsbedingungen in den Heimen wären so ein Weg, sagt Graubner. Sein Vorschlag: „Künftig sollte es Eignungstest für Pflegekräfte bei der Einstellung geben, mit deren Hilfe man herausfindet, ob diese die nötige Berufung für die Arbeit mit Behinderten oder schwer Erkrankten mitbringen oder nicht.“

„Man muss sich fragen, ob das Heim wirklich alles richtig gemacht hat“

Graubner übt Kritik am Oberlinhaus, obwohl es nach seiner Meinung zu den besten Pflegeeinrichtungen des Landes gehört. „Die Verantwortlichen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie wirklich im Vorfeld alles richtig gemacht haben und ihnen wirklich nichts aufgefallen ist“, sagt der Behindertenverbandschef. „Denn die Mitarbeiterin hat ja nicht von heute auf morgen zu einer Waffe gegriffen, um Heimbewohner zu töten.“

Die diakonische Einrichtung Oberlinhaus hatte dagegen am Freitag erklärt, dass die tatverdächtigte 51-jährige Pflegekraft zuvor nicht psychisch auffällig geworden sei. „Alle Mitarbeiter nehmen regelmäßig an Supervisionen und Teamsitzungen teil“, sagte Sprecherin Andrea Benke. „Das ist zum Schutz unserer Klienten und Mitarbeiter unerlässlich.“ Noch am Tag vor der Tat gab es eine routinemäßige Kontrolle der Einrichtung, bei der auch Themen wie mögliche Überlastungen von Beschäftigten geprüft worden seien.

CDU-Kreisverband Stendal
Marcus Graubner 

Offenbar fehlt noch immer das Motiv, warum die Tatverdächtige in dem Heim zwei Frauen im Alter von 31 und 42 Jahren sowie zwei Männer im Alter von 35 und 56 Jahren getötet habe. Zwei von ihnen wohnten seit der Kindheit in dem Wohnheim. Die schwer verletzte 43-jährige Frau ist nach Angaben des Oberlinhauses nach einer Notoperation auf dem Weg der Besserung.

Laut Medienberichten hätten Bewohner die Pflegekraft, die seit 20 Jahren im Oberlinhaus tätig gewesen sein soll, als liebevoll beschrieben. Einer ihrer beiden Söhne habe eine Behinderung, arbeite in einer der Werkstätten des Oberlinhauses. Nach der Tat soll die Frau am Mittwochabend nach Hause gefahren sein, ihrem Mann das Geschehene berichtet haben, der dann die Polizei anrief.

Das Amtsgericht Potsdam hatte die Pflegekraft am Donnerstag in ein psychiatrisches Krankenhaus in Brandenburg/Havel eingewiesen. Nach Einschätzung der Haftrichterin lägen Gründe für eine eingeschränkte oder vollständige Schuldunfähigkeit vor, hieß es.