Nach der Amokfahrt am Kudamm: Jetzt spricht der Lehrer, der überlebt hat

Vor drei Monaten rast ein Amokfahrer am Kudamm in eine Schulklasse: Ein Mensch stirbt, sieben werden schwer verletzt. Wie geht es den Überlebenden? 

Jörg Pfeil (52), bisher in den Medien nur als „der Lehrer aus Hessen“ bekannt, überlebte die Amokfahrt am Kudamm.
Jörg Pfeil (52), bisher in den Medien nur als „der Lehrer aus Hessen“ bekannt, überlebte die Amokfahrt am Kudamm.Maurice Weiss/Ostkreuz

Zügigen Schrittes laufen ein Mann und eine Frau Hand in Hand vom Bahnhof Zoo kommend auf dem Breitscheidplatz vorbei an der Gedächtniskirche in Richtung Kurfürstendamm. Kurz bleiben sie zwischen den rot-weiß-gestreiften Schutzpollern auf der schwarzen Rampe stehen, warten bis die Ampel auf Grün umschaltet und gehen dann über den Zebrastreifen auf die andere Straßenseite.

Als sie nach links abbiegen, werden ihre Schritte bedächtiger. An der Imbissbude, wo an der Mündung der Rankestraße der Kurfürstendamm endet und die Tauentzienstraße beginnt, bleiben die beiden mit Blick auf die Gedächtniskirche stehen. Der Mann schüttelt den Kopf, dreht sich nach rechts, dreht sich nach links und weist schließlich auf einen grünen E-Roller, der an einer gläsernen Reklamevitrine steht.

Arm in Arm gehen sie auf die Vitrine zu, verharren still, die Frau streichelt sein Gesicht. Sie gehen wenige Meter zurück in Richtung Kurfürstendamm auf einen Laternenmast zu, an dessen Fuß eine kniehohe weiße Styroporfigur lehnt, mit Draht an dem Pfahl befestigt. Die Silhouette einer kopflosen Frau, die Arme schlaff an den Seiten herunterhängend. Darauf klebt ein weißer DIN-A4-Zettel, auf dem unter einem schwarzen Kreuz steht: Fußgängerin, 51 Jahre alt, 8. Juni 2022.

Hinter der Styroporfigur stecken fünf in Plastik gehüllte vertrocknete Rosen. Das Gebilde soll als Erinnerung daran dienen, dass hier eine Frau umgekommen ist. Verblasste Stempel zeigen, wer die Absender sind: Vier private Vereine, die für mehr Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern in Berlin kämpfen. Nichts Offizielles vom Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, nichts vom Berliner Senat, nichts von der Regierenden Bürgermeisterin, die am 9. Juni dort ein riesiges Rosengebinde niedergelegt hatte.

Der Mann schlägt seine Hände vors Gesicht, er weint. Die Frau umarmt ihn fest. Er ist übermannt von seinen Gefühlen und fassungslos über das, was er gerade gesehen hat.

Genau an dieser Stelle brach vor dreieinhalb Monaten über den Mann, die „51-jährige Fußgängerin“ und eine Gruppe von Jugendlichen und Passanten die Katastrophe ihres Lebens herein. Einfach so. Mitten in Berlin. Direkt gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz. An dem sonnigen Mittwochmorgen des 8. Juni 2022 rast um 10.26 Uhr ein Amokfahrer in eine Menschengruppe, tötet eine Frau, verletzt einen Mann und sechs Jugendliche so schwer, dass sie tagelang in Lebensgefahr schweben. 17 weitere Personen werden leicht verletzt, mehr als 100 Augenzeuginnen und Augenzeugen kommen schwer traumatisiert mit dem Leben davon.

Jörg Pfeil kehrte diese Woche zurück an den Ort des Geschehens.
Jörg Pfeil kehrte diese Woche zurück an den Ort des Geschehens.Maurice Weiss/Ostkreuz

Bisher ist der Mann als der namenlose schwerstverletzte „Lehrer aus Hessen“ bekannt. Im Bewusstsein, dass jeder von uns überall und jederzeit einem extremen Fremden ausgesetzt sein kann, der willkürlich Unheil anrichten, gar töten will, hat er beschlossen, seine Anonymität aufzuheben und von seinem Kampf zurück ins Leben zu berichten.

Der Lehrer aus Hessen heißt Jörg Pfeil, ist 52 Jahre alt, glücklich verheiratet mit der Frau, die ihn auf diesem schweren Weg zurück an seinen Schicksalsort begleitet, Vater einer zwölfjährigen Tochter. In den Wochen seit dem Anschlag ist er zu der Überzeugung gekommen, dass nur weitgehende Offenheit und praktizierte Anteilnahme helfen, nicht an den seelischen Auswirkungen zu vereinsamen und nicht in der ihm von einem Fremden zugeschriebenen Opferrolle zu verharren.

In Berlin war Jörg Pfeil auf Dienstreise. Gemeinsam mit seiner geschätzten Kollegin, der Klassenlehrerin, und den 24 Schülerinnen und Schülern der 10 B der Kaulbach-Schule ist er am Vortag mit dem Zug aus Bad Arolsen in die deutsche Hauptstadt gekommen. Die Klassenfahrt ist für die Jugendlichen das Ereignis des Jahres, der erste Ausflug seit Beginn der Pandemie. Vor allem aber ist es die Abschlussfahrt ihrer gemeinsamen Schulzeit. Die 15 bis 16 Jahre alten jungen Mädchen und Jungen stehen mitten in dieser unglaublich aufregenden Lebensphase des Erwachsenwerdens und sehen den nächsten fünf Tagen aufgeregt entgegen.

Die Tage sind vollgepackt mit einer Mischung aus Sightseeing und Shopping, ein bisschen Kultur, Politik und Geschichte, vor allem aber viel Freizeit, Spaß und Großstadtfeeling. Unvergessliche Erlebnisse sollen es werden, neue Eindrücke sollen sie gewinnen, an die sie sich ihr Leben lang erinnern werden. Der Plan geht auf. Aber niemand hätte sich jemals ausdenken können, wie – und dass es um Leben und Tod gehen würde.

Kurz nach 10 Uhr stehen die Schülerinnen und Schüler in Grüppchen auf dem breiten Bürgersteig gegenüber dem Breitscheidplatz, da wo an der Rankestraße der Kurfürstendamm in die Tauentzienstraße mündet. Aufmerksam hören sie dem Briefing für den Tag zu. Bevor sie am Nachmittag den Bundestag besichtigen, ist ein ausführlicher Kudamm-Bummel angesagt: Mode- und Technik-Flagshipstores durchstöbern, hier nur gucken, dort was kaufen, Eis essen, Cola schlürfen, Kaffee trinken, Leute gucken, das volle Programm. Mit ihren Smartphones machen sie noch rasch ein paar Fotos voneinander, von der Gedächtniskirche, dem Europacenter.


Bildstrecke: Amokfahrt in Berlin - Szenen des Schreckens


Und dann schlägt das Schicksal zu, überfällt sie das große Unglück, das ihr Leben auf immer verändern wird. Ein junger Typ rast mit seinem grauen Kleinwagen auf die Gruppe zu, trifft zuerst auf die beiden Lehrer. Im Aufprall wird Jörg Pfeil zu Boden geworfen und rollt bewusstlos zur Seite. Seine Kollegin wird unter dem Fahrzeug eingeklemmt, der Fahrer schleift sie mit sich. Innerhalb weniger Sekunden ist allen, die sich auf dem Platz aufhalten, klar, dass es sich nicht um einen Unfall handelt, sondern um eine Amokfahrt.

In Todesangst schreiend, versuchen einige Jugendliche und Passanten vergeblich, sich auf der Motorhaube festzukrallen. Der Täter bremst, beschleunigt, kurvt weiter über den Platz, zielt auf weitere Passanten. Koffer und Körper fliegen durch die Luft, prallen auf dem Pflaster auf. Die Verletzten stöhnen vor Schmerzen, schreien um Hilfe, rennen durcheinander. Nur weg! Angestellte aus den umliegenden Geschäften und Restaurants eilen herbei, helfen, wo sie nur helfen können. Dutzende Zeugen setzen Notrufe ab. Polizei und Rettungskräfte sind schnell zur Stelle, Notfallärzte und Sanitäter leisten erste Hilfe.

Am Ende seiner Wahnsinnsfahrt hat der Attentäter die Lehrerin ermordet, sechs Schülerinnen und Schüler sowie Jörg Pfeil hat er lebensgefährlich, 17 weitere Menschen schwer verletzt. Für sie alle und für mehr als 100 Augenzeugen, darunter viele Kinder und Jugendliche, wird unwiederbringlich nichts mehr in ihrem Leben so sein, wie es war. Weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Gemeinsam das Grauen überwinden: Jörg Pfeil und seine Frau Helen auf dem Breitscheidplatz.
Gemeinsam das Grauen überwinden: Jörg Pfeil und seine Frau Helen auf dem Breitscheidplatz.Maurice Weiss/Ostkreuz

Der Täter rammt nach 200 Metern sein Auto an der Ecke Marburger Straße in das Schaufenster einer Parfümerie, will fliehen, wird von Passanten überwältigt, festgehalten, bis die Polizei ihn verhaftet. Er ist ein mit 21 Delikten – unter anderem Hausfriedensbruch und häusliche Gewalt, Eigen- und Fremdgefährdung – polizeibekannter (aber nicht vorbestrafter), 29 Jahre alter unscheinbarer Mann, der als Neunjähriger mit Mutter und Schwester aus Armenien nach Deutschland gekommen war. Schon als Schüler fällt er als gewalttätig auf. 2013 wird er zum ersten Mal psychiatrisch behandelt. 2015 wird er eingebürgert, 2020 das letzte Mal auffällig.

Seitdem taucht er nicht mehr in den Akten der Behörden auf. Wegen einer früheren Diagnose wird er in der psychiatrischen Abteilung einer Haftanstalt untergebracht. Neue psychiatrische Gutachter, Staatsanwalt und Richter werden über seine Schuldfähigkeit befinden und entscheiden.

Versetzt man sich in die Lage der Opfer und ihrer Angehörigen, denkt man an all die Menschen, die täglich willkürlich aus den unmenschlichsten Gründen angegriffen werden bei uns und überall auf der Welt, dann hat der Täter allemal Schuld auf sich geladen, auch wenn das Gesetz unter Umständen andere Sühnemaßnahmen als eine langjährige Haftstrafe anwenden wird. Der Mann ist ein Attentäter. Seine Taten sind einfacher Mord, siebenfacher versuchter Mord, und durch die Gefährdung der Allgemeinheit hätte er den Tod von Dutzenden unschuldigen Menschen in Kauf genommen.

Mehr als drei Monate sind seit dem Attentat vergangen, man hat bisher nichts weiter von dem Attentäter gehört, kein Gutachten ist fertig, kein Verfahren eröffnet.

Die Opfer dagegen sind bereits verurteilt. Zu Lebenslang. Das Grauen, das ihnen auf dem Platz widerfahren ist, wird sie nie wieder loslassen. Bei einigen werden trotz bester medizinischer Behandlung und Psychotherapie körperliche und seelische Wunden zurückbleiben. Einige werden ihre Angst und Wut und Verzweiflung nie überwinden.

Jörg Pfeil bleibt auf den inzwischen aufgestellten Pollern am Breitscheidplatz.
Jörg Pfeil bleibt auf den inzwischen aufgestellten Pollern am Breitscheidplatz.Maurice Weiss/Ostkreuz

Die Familie der ermordeten Lehrerin, ihr Mann, ihre zwei Töchter, ihre Angehörigen haben umfassend Trost, Beistand und Hilfe erfahren – der Verlust ihrer geliebten Frau, Mutter und Verwandten bestimmt fortan ihr Leben, ihre Zukunft. Die schwer verletzten Jugendlichen sind auf dem Weg der Genesung, die Schülerinnen und Schüler der 10 B treffen sich regelmäßig, sie werden psychologisch betreut, wie die meisten Augenzeuginnen und Augenzeugen, von denen einige bis heute krankgeschrieben sind.

Jörg Pfeil hat Glück gehabt. Glück im Unglück. Hier berichtet er zum ersten Mal über die Erfahrungen, die er in der Ausnahmesituation seines – an Abenteuern nicht armen – Lebens als Schwerstverletzter gemacht hat und wie er den Weg aus der Angst, aus der Verzweiflung, aus dem Hass, der Dunkelheit seiner Gefühle, der Hilflosigkeit und der sein Leben und das seiner Familie umfassenden Verunsicherung herausgefunden hat.

So steht er bereits am ersten Septemberwochenende, knapp drei Monate nach dem Anschlag auf einer Bühne in der Fußgängerzone von Korbach, ein Mann im hellblauen T-Shirt, der strahlt und als Zeichen von Stolz und Freude die rechte Faust in die Höhe reckt. Zum Abschluss des HanseFestivals hat Jörg Pfeil gerade die Preise an die Gewinner des zweitägigen internationalen Straßenmusikfestivals verliehen. Er hat dieses außergewöhnliche Musikfestival mit mehr als 60 Künstlerinnen und Künstlern aus allen fünf Kontinenten initiiert und kuratiert. Umringt von den prämierten Musikerinnen und Musikern, die zufällig fast alle in Berlin leben, sieht er einfach überglücklich aus.

Ethio-Jazz Stars: Jörg Pfeil (rechts) ist Mitgründer und Gitarrist von Jazzmaris, der Deutsch-Äthiopischen Band.
Ethio-Jazz Stars: Jörg Pfeil (rechts) ist Mitgründer und Gitarrist von Jazzmaris, der Deutsch-Äthiopischen Band.Mario di Bari

Musik zu machen, die das Publikum begeistert, ist für den 52-jährigen Gitarristen, Lehrer und in den internationalen Musikszenen bestens vernetzten Macher Leidenschaft und Lebenselixier zugleich. Seit mehr als 30 Jahren gibt er als Solist und in Bands Konzerte in Europa, den Vereinigten Staaten und in vielen Ländern Afrikas. Er hat mehrere Alben herausgebracht, Kulturpreise gewonnen, Filmmusiken komponiert, als Studiomusiker an zahlreichen Produktionen mitgewirkt. Dass er an diesem Sonntag in Korbach auf der Bühne steht, scheint also das Normalste auf der Welt zu sein. Ist es nicht. Es ist ein Wunder. Und das Ergebnis eines schier unbändigen Überlebenswillens.

Natürlich hat er viel über seine Situation nachgedacht und viel über sich gelernt. Natürlich hat sich seine Einstellung zum Leben und zu seiner Rolle als verantwortungsbewusstes Mitglied unserer Gesellschaft verändert. Natürlich ist er sich des unglaublichen Privilegs noch tiefer bewusst geworden, dass er glücklich verheiratet ist, eine wunderbare Tochter und einen tollen Stiefsohn hat, Eltern und Geschwister, mit denen er sich bestens versteht, und einen treuen Freundeskreis.

Und natürlich sind die Konsequenzen, die er aus dieser Katastrophe zieht, einschneidend. Er will, dass der Täter verurteilt wird. Aber er wird sich nie und nimmer unterkriegen lassen. Und schon gar nicht von dieser Situation, die ihm und seiner Familie von einem Fremden – und sei er noch so krank – übergestülpt worden ist.

Er will weiter am Leben wachsen, wie er schon immer am Leben hat wachsen wollen: Jörg Pfeil ist ein umtriebiger Typ, konstruktiv-kritisch, einer dieser weltgewandten Zeitgenossen, die gar nicht anders können, als sich immer wieder neu zu erfinden.

Jörg Pfeil am Breitscheidplatz
Jörg Pfeil am BreitscheidplatzMaurice Weiss/Ostkreuz

In Bad Laasphe, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen geboren, hat er an mehreren Orten in Deutschland, in Libyen, Holland und in Äthiopien gelebt, einem Land, das für ihn seine zweite Heimat ist. Weil ihm dort das Glück zuteil wurde, die Liebe seines Lebens zu finden und mit seiner Frau Helen eine Familie zu gründen. Weil er dort als Lehrer an der deutschen Botschaftsschule in Addis Abeba interkulturell arbeiten und als Macher in der Ethio-Jazz-Szene dazu beitragen konnte, diese Musikrichtung auch außerhalb der Landesgrenzen bekannt zu machen.

Jörg Pfeil ist stolz, dass er sich so viel selbst erarbeitet hat und dass er und seine Familie bisher einigermaßen sorgenfrei über die Runden kamen. Und dass es ihm nach den zwei Jahren Pandemie und diesem Attentat auf sein Leben tatsächlich doch gelungen ist, das HanseFestival auf die Beine zu stellen.

Aufgeschrieben hat seine Geschichte die Berliner Journalistin Beate Wedekind. Jörg Pfeil und sie haben sich vor 15 Jahren in Äthiopien kennen- und schätzen gelernt, wo sie damals beide lebten und arbeiteten, weshalb sie einander auch in den folgenden Auszügen aus ihren langen Gesprächen duzen. Zum ersten Mal haben sie sich eine Woche nach dem Anschlag in der Klinik in Berlin getroffen, später bei einem Wochenendbesuch bei ihm zu Hause in Korbach, zuletzt haben sie sich am 27. September in Berlin getroffen, 111 Tage nach dem Anschlag.

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Beate Wedekind war nach dem Anschlag oft an dem Tatort, hat dort unter anderem auch mit einer pensionierten Kriminalbeamtin über den Täter gesprochen: „Der hätte dringend weiter von einem sozialpsychiatrischen Dienst betreut werden müssen. Fehlanzeige. Für solche Fälle gibt es in Berlin null Personal mehr. Hier rächt sich der massive Stellenabbau der letzten Jahre.“

Jörg und Helen Pfeil blicken hoffnungsvoll in die Zukunft.
Jörg und Helen Pfeil blicken hoffnungsvoll in die Zukunft.Maurice Weiss/OSTKREUZ

Über Wochen hat sie beobachtet, wie der Platz wieder voll vom Alltag eingenommen wurde. Ende Juli hat sie am Morgen nach der „Rave the Planet“-Techno-Parade gesehen, wie der Platz mit Müll übersät war und wie die Berliner Stadtreinigung die letzten gelben Farbkringel weggefegt hat, die die Tatortsicherung am 8. Juni dort auf den Boden gezeichnet hat, wo die Verletzten geborgen worden waren. Sie hat bei der Vorbereitung zu der Adidas Runners Night gesehen, wie an der Stelle, an der die Lehrerin ihr Leben ausgehaucht hat, schwarze Abfallcontainer aufgestellt wurden. Sie hat mit Anrainern gesprochen, die froh darüber sind, dass das Leben seinen normalen Gang weitergeht, aber auch mit Augenzeuginnen und Augenzeugen, die schwer mit dem Trauma des Platzes zu kämpfen haben.

Eine Szene hat sie beobachtet, die alles sagt über die gespaltene deutsche Erinnerungskultur.

Dieselbe Uhrzeit, derselbe Wochentag, kurz vor halb elf morgens. Ein Mittwoch im August.

Passantinnen und Passanten aus Berlin und aus aller Welt laufen, eilen, schlendern über den Platz. Es ist Ferienzeit in Berlin, entsprechend leger sind die Leute gekleidet, man sieht mehr Einkaufstüten und Rucksäcke als Aktenkoffer. Frauen tragen ihre Babys in schöne Tücher gewickelt vor der Brust, Großväter schieben Kinderwagen. Ein Mädchen tanzt strahlend mit ihrem Hula-Hoop-Reifen, ihre Mutter spricht wie viele der Passanten in ihr Smartphone.

An der Stelle, an der der Amokfahrer am 8. Juni mit seiner Höllenfahrt ansetzt, auf die Schulklasse aus Bad Arolsen zuschießt und Jörg Pfeil und die Lehrerin als erste überfährt, hat sich eine Gruppe von fröhlichen älteren Herrschaften aufgestellt. Im Hintergrund die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, strecken sie ihre rechten Hände zum Victory-Zeichen hoch und strahlen in die Kamera einer Frau, die die jüngste der Gruppe zu sein scheint.

Als sie das Foto im Kasten hat, geht sie auf die Straßenlaterne zu, neben der die Gruppe posiert hat. Sie beugt sich nach unten, sieht die kniehohe weiße Styropor-Silhouette mit dem DIN-A4-Zettel, dem schwarzen Kreuz und der Inschrift: Fußgängerin, 51 Jahre, 8. Juni 2022.

Diese inzwischen kopflose Styropor-Figur ist die einzige Erinnerung an die Amokfahrt.
Diese inzwischen kopflose Styropor-Figur ist die einzige Erinnerung an die Amokfahrt.Maurice Weiss/OSTKREUZ

Die Fotografin bekreuzigt sich. Gefragt, ob sie denn wisse, was hier passiert ist, sagt sie: „Ich sehe, dass hier eine Frau meines Alters ums Leben gekommen gestorben ist. Das reicht mir.“

Ein Mann aus der Gruppe mischt sich ein, als er hört, dass der Zettel an einen Anschlag erinnern soll: „Aber das war doch auf der anderen Seite von dem Platz. Wie hieß der Typ noch mal? Anis Amri, oder? Und das waren doch viel mehr Tote!“ Von dem neuen Attentat hatte er nichts gehört. Dann sagt er: „Eine Tote? Das passiert bei euch in Berlin doch täglich, dass jemand umgebracht wird. Ob mit ’ner Pistole erschossen oder ’nem Auto tot gefahren, mit ’ner Stahlstange erschlagen oder vor die U-Bahn geschubst.“ Ein anderer stimmt ein, zieht seine linke buschige Augenbraue hoch: „Im Vertuschen seid ihr groß. Hauptsache Berlin sieht gut aus! Ist hier nicht auch gerade diese große Techno-Parade vorbeigezogen? Da, wo eine Frau brutal umgebracht wurde, brummen die Bässe, wird getanzt, auf den Boden gestampft und gesoffen. Warum lasst ihr das zu? Doch nur, damit nicht auffällt, was ihr nicht in den Griff kriegt!“

Und dann lässt er sich noch aus über Islamismus und rechten und linken Extremismus, über Psychos, über die Brutalität von Ausländern und überhaupt über die vielen Flüchtlinge. Die Frau, die kurz vorher das Gruppenfoto gemacht hat, sagt: „Haltet euren Mund. Schämt euch.“