Jan Böhmermann hat jetzt schon gewonnen. Der TV-Moderator hat allen gezeigt, was Satire in Deutschland darf und was sie nicht darf. Er tat dies nicht auf die wohlanständige, gefallsüchtige, und letztlich unverbindliche Weise, in der beispielsweise unsere Politiker die Meinungs- und Pressefreiheit immer wieder gern beschwören.

Böhmermann erkannte vielmehr, dass unsere Meinungs- und Pressefreiheit viel zu wichtig ist, um sie den Sonntagsrednern zu überlassen. Deswegen machte er in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ die Probe aufs Exempel mit einem bewusst verletzenden und vor allem bewusst justiziablen, „Schmähkritik“ genannten Gedicht gegen den türkischen Präsidenten Erdogan.

Dabei ging es ihm gerade nicht um die Schmähung allein, sondern, wie er vor dem Verlesen des Gedichts sehr ausführlich erläuterte, um die zu erwartenden Reaktionen seines Senders, der Justiz und der Politik.

Dem ZDF fehlt der Mut

Und dann passierte das Wunder, die Genannten verhielten sich, wie Böhmermann ihnen vorhergesagt hatte: Das ZDF strich das Gedicht aus der Mediathek, die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Böhmermann, die Bundeskanzler rügt die „Schmähkritik“. Damit übernahmen alle eben jene Rolle, die Böhmermann ihnen zugewiesen hatte. Sie wurden zu einem Teil eines Drehbuches, das er schon längst geschrieben und veröffentlicht hatte. Böhmermanns satirische Kunst spielte auf einer Reflexionsstufe, der offenbar nicht alle gewachsen sind.

Das ZDF in jedem Fall nicht, hier dachte man, sich mit einem so flotten wie frechen Künstler schmücken zu können und damit nicht mehr als der veraltete Staatssender dastehen zu müssen. Wie sich jetzt zeigt, fehlt dafür aber der Mut. Die Begründung für die Löschung des Erdogan-Gedichts aus der Mediathek – mangelnde Qualität – bezeugt das offensichtlich.

Dass Böhmermann am Freitag der Grimme-Preis überreicht wird, ist dabei eine kennzeichnende Ironie. Er und seine Crew bekommen die angesehene Auszeichnung für den „#Varoufake“ in der Kategorie Innovation im Bereich TV-Unterhaltung.

Zur Erinnerung: Im März 2015 konfrontierte Günter Jauch in seiner Talkshow den damaligen griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis mit dem Filmausschnitt einer Rede, in der Varoufakis gegen Deutschland den Stinkefinger erhebt – und plötzlich behauptete Böhmermann in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ glaubwürdig, er habe den Stinkefinger in den Film hineinmontiert. Tagelang wurde über den Fake oder den Fake des Fakes diskutiert: Was stimmte, was nicht? Böhmermanns Kunst besteht genau darin, mit solchen Unklarheiten zu arbeiten. Dass das nicht nur witzig ist, sondern mitunter auch gefährlich und schmerzhaft, möchte man beim ZDF offenbar nicht wissen.

Merkel opfert die Pressefreiheit aus Pragmatismus

Aber die Sache ist noch schlimmer. Und ernster: Nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo, aber auch nach den jüngsten Ereignissen in Brüssel, beschworen unsere Politiker in den längst zu Beschwichtigungsritualen verkommenen Formeln „unsere Werte“ und meinten auch unsere Meinungs- und Pressefreiheit. Wie ein Mann, so hatte es den Anschein, warf man sich schützend vor diese Grundrechte.

Nun aber, in einem vergleichsweise läppischen Fall wie Böhmermanns Erdogan-Gedicht, fiel Angela Merkel nichts anderes an, als sich eilfertig und andienernd vor der türkischen Regierung zu beugen, deren demokratisches und rechtsstaatliches Grundverständnis ganz offensichtlich unzureichend ist. Die Kanzlerin opferte die von ihr eben noch heilig geheißenen Grundwerte aus einer simplen pragmatischen Überlegung heraus: Die Türken sind ihr Schlüssel zur Lösung der Flüchtlingsfrage.

Anstatt „unsere Werte“ zu verteidigen, musste man den Eindruck haben, die Bundesregierung entschuldige sich für alle jene, die sie zum Beispiel als Künstler oder Satiriker wahrnehmen. Das geht so nicht! Was allein geht: Die Türken mit ihren europäischen Beitrittsambitionen daran zu gewöhnen, dass in Deutschland und Europa die Presse- und Meinungsfreiheit gilt. Die Kanzlerin hat in dieser grundsätzlichen Frage jeden Anschein zu vermeiden, hier sei etwas verhandelbar.

Sehen wir vor diesem Hintergrund den Fall Böhmermann doch einmal so: Seine „Schmähkritik“ war eine Wette auf die Zukunft – verhalten sich Medien, Gerichte und Politiker so, wie ich es vorhergesehen habe? Sollte er diese Wette gewinnen, hätten wir alle verloren.