Berlin - Die Dämmerung ist schon in Dunkelheit übergegangen, als eine Frau auf einem Fahrrad ohne Licht einen Zebrastreifen kreuzt. Sie sieht nicht, dass den Streifen gerade jemand passieren will. Sie fährt einfach weiter, ohne einen Schlenker um das Paar zu machen, das auf die Straße tritt. Vor der Radfahrerin sitzt, gänzlich ungeschützt, ein Baby auf einem kleinen Sitz, der auf den Rahmen geschraubt ist. Manchmal entscheiden nur wenige Zentimeter darüber, ob aus einem zu sorglosen Alltagsverhalten eine Tragödie resultiert. Die Radlerin macht nicht den Eindruck, als sei ihr das bewusst.

Im kleinen Park hinter der Querung bleibt der Moment unbemerkt. Dank der milden Temperatur sitzen hier viele Menschen in kleinen Gruppen beieinander, sie haben Girlanden mit Solarlichtern an die niedrigen Äste der Bäume gehängt. In einem Pulk ächzt aus einem überforderten Lautsprecher Punk der Band Kotzreiz, im Refrain singen die Jugendlichen mit, eher lebensfroh als trotzig: „Und wenn die Welt untergeht / Auch wenn uns keiner versteht“.

Der sonnengegerbte Flaschensammler, der während der wärmeren Jahreszeit in der Nähe campiert, dreht seine Runde. Vielleicht hat er sich im Gebüsch erleichtert. Hinter ihm huscht eine Ratte aus einem hübsch bepflanzten Rondell und nähert sich unerschrocken einer Frau und einem Mann, die sich auf einer Parkbank unterhalten. Sie reagieren zeitgleich mit einem schrillen „Huch“, als sie begreifen, was da im Halbdunkel um ihre Füße flitzt, die jetzt reflexhaft in der Luft hängen, begleitet von einem Lachen, in dem sich Erleichterung und Ekel paaren.

Probleme bei der Nahrungssuche haben die Nager nicht, die Mülleimer in der Mitte des Parks und am Rand auf der Seite, wo der Zebrastreifen beginnt, laufen derart über, dass viele Leute ihre Pizza-Kartons, Flaschen und Essensreste danebengestellt haben. Sie hätten die Sachen nach Hause tragen können oder wenigstens auf die andere Seite des Parks, dessen Ausgang augenscheinlich deutlich weniger Menschen nutzen, so leer, wie die Abfallbehälter hier sind.

Auf dem Gehweg vor dem Parkeingang streitet ein Paar, das schon länger aus dem Alter raus ist, in dem es für Außenstehende amüsant ist, wenn Fremde ihren Krach öffentlich austragen. Die Streitenden stehen so, dass man zwischen ihnen durchgehen muss.