Nach der #metoo-Debatte: Wie erzieht man eigentlich „gute Jungs“?

Köln - Seit der #metoo-Debatte diskutiert die westliche Welt über Männer und Frauen, über Respekt und Grenzen und das Miteinander der Geschlechter. Während das Verhalten der erwachsenen Männer genau auf dem Prüfstand steht, stellt sich auch die Frage, welchen Einfluss die Erschütterungen der letzten Zeit auf die Jungs-Generationen von morgen haben wird. „Ich ziehe meine Söhne groß mit dem Gedanken an eure Töchter“, schrieb etwa eine amerikanische Bloggerin vor kurzem: „Wir, die Eltern von Jungen, haben die Macht, der Antrieb für einen Wandel zu sein“.

Soll das bedeuten, Eltern müssen jetzt besonders aktiv werden und ihre Söhne gründlich darauf trimmen, einmal „gute Männer“ zu werden?

Kann man überhaupt „gute Jungs“ erziehen?

Und ist es nicht verurteilend und sexistisch den Jungs gegenüber, so etwas überhaupt zu fordern?

Einfach „gute Menschen“ erziehen

Im Grunde ist es ja sehr simpel: Respektvolles Verhalten anderen gegenüber ist eine allgemeine Regel, ein sozialer Wert, der für alle Menschen gleichermaßen gelten sollte – egal welches Geschlecht sie haben. Und jedes Kind sollte von Anfang an beigebracht bekommen, die Grenzen des anderen zu respektieren. „Wir müssen daher ganz grundsätzlich und unabhängig vom Geschlecht fragen, was Kinder brauchen, damit sie andere achten lernen und kein sexistisches Verhalten entwickeln“, sagt Erziehungswissenschaftlerin und Gender-Expertin Prof. Dr. Susanne Maurer von der Uni Marburg.

Statt „gute Jungs“ einfach „gute Menschen“ erziehen – was eigentlich so logisch klingt, wird dennoch oft durch eine dicke Geschlechterbrille verzerrt. „Wir sind immer noch weit davon entfernt, Kinder unabhängig vom Geschlecht als Individuen mit ihren Bedürfnissen wahrzunehmen“, sagt Susanne Maurer. Die Unterscheidung zwischen Junge und Mädchen sei in unserer Gesellschaft und Alltagskultur tief verwurzelt und vollziehe sich von Geburt an auf vielen, manchmal oberflächlich erscheinenden und doch machtvollen Ebenen. „In Spielzeugläden und Klamottengeschäften zerfällt die Welt in zwei Farben: Rosa und Blau“, sagt Susanne Maurer. So würden schon früh bestimmte Sehgewohnheiten, Vorlieben und Praktiken bei den Kindern verstärkt und Unterschiede betont. „Ein Junge mit rosa Leggings hat auch schon in der Kita ein Legitimationsproblem“.

Nicht alle Jungs als potentielle Täter einstufen

Solchen verbreiteten Geschlechterklischees können Eltern trotzdem aktiv etwas entgegensetzen. Auch im Kleinen. Wenn sie Kinderklamotten quer zu Blau und Rosa kaufen. Wenn sie ihre Kinder gleichermaßen im Haushalt einspannen und sie auch dabei unterstützen, etwas zu tun, das sonst immer nur dem „anderen“ Geschlecht zugeordnet wird. „Eltern sollten Kinder, was Vorlieben, Kleidung und Verhalten betrifft, verteidigen und sie ermutigen, sich auch mal 'gegen den Strich' zu orientieren“, sagt Maurer. Gerade Jungen, die sich vielleicht sonst zähneknirschend dem sozialen Druck in der Peer-Group der Gleichaltrigen ergeben, bräuchten hier starke erwachsene Unterstützung und Gegenbilder.

„Auch Verhalten wird häufig geschlechtsabhängig kommentiert oder sanktioniert, je nachdem, ob ein Junge oder ein Mädchen etwas tut“, erklärt Susanne Maurer. Wenn der Umgang bei Jungs zum Beispiel etwas rauer sei, würde das oft als „die sind halt so“ abgetan werden, während bei Mädchen hier längst jemand einschreiten würde. Hier würde Jungen automatisch öfter mal eine längere Leine gelassen.

Respektloses und rücksichtsloses Verhalten sollte stattdessen ganz generell kritisch kommentiert werden, unabhängig davon, um welches Geschlecht es geht. Im Umkehrschluss sollte man aber auch nicht in vorauseilendem Gehorsam alle Jungen dämonisieren und als „potentielle Täter von morgen“ betrachten.

Wer eigene Gefühle kennt, fühlt auch für andere

Dass Jungs automatisch mehr dürfen, stimmt nicht. Sie dürfen auch weniger. Wenn es darum geht, Gefühle zu zeigen, werden immer noch harte Maßstäbe nach dem Motto „Echte Jungs weinen nicht“ angelegt. Wer aber ständig lernt, eigene Gefühle zu unterdrücken, steht irgendwann auch in der Gefahr, das Gespür für die Emotionen und Grenzen anderer zu verlieren. Und einfach über diese hinweg zu handeln.

„Das ist wirklich ein Problem“, sagt Susanne Maurer, „Jungen sollten stattdessen das Signal kriegen, dass sie sich auch verletzlich zeigen dürfen. Es muss deutlich werden: Das alles darfst du sein, weil das zum Menschsein dazu gehört!“ Dann könnten sie sich auch besser im Sozialen regulieren, also im Umgang mit anderen Achtung zeigen. „Unterschiedlich sein zu dürfen und nicht nur in einem engen Geschlechtermodus wahrgenommen zu werden, hat ja auch etwas mit Freiheit und Lebensqualität zu tun.“

In den letzten Generationen habe sich aber auch schon viel verändert, sagt Maurer. Die kleinen Jungs von heute hätten heute eher die Möglichkeit, auf ganz unterschiedliche Weise ein Junge zu sein. „Ich sehe bei den Jüngeren heute viel Sensibilität. Ich sehe mehr Buntheit als Blau. Ich sehe viel Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit, was Lebensführung und Verantwortung betrifft.“ Ganz entscheidend sei dabei auch, wie Vatersein heute im Alltag und in der Öffentlichkeit gelebt werde. Die liebevollen und körpernahen Väter von heute zeigten als Vorbilder, was es alles heißen kann, ein Mann zu sein.

„Sexismus sitzt in den Ritzen der Gesellschaft“

Zu verhindern, dass Jungen Mädchen schon früh aus einem sexistischen Blickwinkel heraus wahrnehmen, ist trotz allem keine leichte Aufgabe. „Weil es in unserer Gesellschaft eine - vielfach gestützte - sexistische Selbstverständlichkeit gibt, die, oft ganz unscheinbar, überall in den Ritzen sitzt“, sagt Maurer. Entsprechende Vorstellungen und Verhaltensmuster hielten sich oft hartnäckig. Auch weil sie lange Zeit gesetzlich und ökonomisch verankert gewesen seien und auch heute noch keine Gleichheit zwischen den Geschlechtern erreicht sei. Immer noch gibt es erschreckend viele Eltern, die geschlechterstereotype und sexistische Verhaltensweisen an ihre Söhne weitergeben.

Ob Eltern nun bewusst neue kleine Machos erziehen oder es unbemerkt so vorleben – Kinder lernen am Vorbild der Erwachsenen, und auch anhand der Geschlechterordnungen in der Gesellschaft. Was den „ganz alltäglichen Sexismus“ betrifft, müssten eigentlich alle ständig noch dazulernen, sagt Expertin Susanne Maurer. Eltern und auch pädagogische Fachkräfte sollten deshalb auch schauen, und immer wieder kritisch reflektieren, welche Geschlechterbilder sie eigentlich selbst in sich tragen und wie sie sich selbst in bestimmten Situationen verhalten. Bemerke man bei sich selbst sexistische Klischees, müsse man sich nicht dafür verurteilen, aber sollte das schon sehr kritisch hinterfragen. „Wir sollten mit dem sexistischen Alltag rechnen. Und gleichzeitig versuchen, ihn außer Kraft zu setzen.“

Kindern erklären, dass es Konflikte geben kann

Auch Kinder müssten wissen, wie vielschichtig das Thema ist und dass es manchmal nicht leicht sei, gegen vorherrschende Mann-Frau-Klischees anzugehen. „Wenn ich versuche, meine Kinder offener zu erziehen, muss ich sie auch auf mögliche Konflikte vorbereiten“, sagt Maurer. Eltern sollten deshalb darauf achten, was ihre Kinder so umtreibt und ernst nehmen, womit sie im Alltag konfrontiert sind.

Wenn ein Kita-Mädchen kein Blau tragen will, könne die Nachfrage helfen: „Was passiert denn eigentlich, wenn du blaue Sachen an hast?“ Wenn ein Teenie-Junge im Internet wegen seines Looks beschimpft wird, könnten Eltern ebenfalls Rückfragen stellen, sich zum Beispiel den Chat-Verlauf zeigen lassen und darauf dann konkret eingehen. Eine gute Möglichkeit seien auch Gespräche über Geschichten aus Büchern, Filmen oder Comics. So könne, auf etwas weniger persönlichem Terrain, oft leichter, und auch humorvoll, gemeinsam über Geschlechterfragen nachgedacht werden.