Würde Flipy vom Sofa aufstehen, könnte er einen herrlichen Ausblick genießen: auf die Spree auf der einen, auf Fernsehturm und East Side Gallery auf der anderen Seite. Doch der junge Mann mit kurzen Dreadlocks unter der dunklen Kapuze, der sich Flipy nennt, interessiert sich nicht für das Panorama.

Mit Akribie bemalt er ein Pappschild, nur gelegentlich hebt er den Blick und beobachtet die Menschen, die direkt durch sein „Wohnzimmer“ laufen. Denn das Sofa, auf dem er und zwei Kumpels hocken, steht nebst Sessel, Couchtisch und Regal mitten auf der Oberbaumbrücke, auf dem Fußweg kurz vor dem Kreuzberger Ufer.

Flipy will nicht sagen, woher er kommt, er spricht fließend deutsch, vielleicht ist er sogar Berliner. Er und seine Kumpels sind vergangenen Mittwoch auf die überdachte Brücke gezogen und haben sich dort eingerichtet. Nachts schlafen sie auf dem Sofa oder auf einer Schaumstoffmatratze, die dort liegt. Tagsüber sitzen sie auf der Couch und versuchen, Schallplatten, Bücher und Stifte zu verkaufen. Bis zur vergangenen Woche lebten die Männer in einer Hütte auf der Cuvry-Brache. Von dort seien sie jedoch schon vor der Räumung abgehauen, berichtet einer von ihnen: „Uns ist es dort zu bunt geworden, wir wollten unsere Ruhe haben.“

Die bietet ihnen ihr neuer Wohnort nicht wirklich: unzählige Fußgänger laufen vorbei, dann die vierspurige Straße nebenan, und alle paar Minuten donnert eine U-Bahn über die Köpfe der Männer hinweg. Dafür stört sie kein Amt und keine Polizei. Probleme mit den Behörden habe es bisher nicht gegeben: „Manche Passanten gucken zweimal, manche unterhalten sich oder kaufen was.“ Ewig möchten die Männer nicht auf der Brücke bleiben, wie sie sagen. „Es ist ein Übergang, bis wir etwas Neues gefunden haben.“