Der überzeugte Berliner: Diese Stadt ist Freiheit

Von Marcus Weingärtner

Es gibt ein Gefühl, das wird Schlüsselhitze genannt. Gemeint ist der aufwallende Schrecken, wenn man plötzlich bemerkt, dass man den Haustür-Schlüssel verloren hat. Ich habe die Briefkastenhitze, die immer dann eintritt, wenn in meinem analogen Postfach ein Umschlag meiner Hausverwaltung liegt. Ich lebe in Kreuzberg und oft beschleicht mich dann die Angst, mein Vermieter könnte mir die Wohnung kündigen.

Man kann sicherlich auch anderswo ganz gut existieren, aber ich liebe es, in Kreuzberg zu leben. In der Innenstadt zu leben. Denn ich bin ein überzeugter Zentrumsbewohner, der weder im Speckgürtel sein möchte, noch von einer ländlichen Idylle mit Feldwegen, sternenklaren Nächten und selbsteingemachter Marmelade träumt. Beim Gedanken an ländliche Stille tritt mir der Angstschweiß auf die Stirn. 

Aber im Ernst: Das Leben in Kreuzberg, im Zentrum dieser oft sehr anstrengenden Stadt, bietet in meinen Augen so viele Vorteile und zugleich immer noch so viel Reizvolles, dass ich hierbleiben muss. Aber es brauchte mehrere Jahre und einige Umzüge von West nach Ost und zurück, bis ich das Gefühl hatte, diese Stadt könnte meine Heimat sein. Und natürlich sind die Gründe, die mich dazu bewegten, nach Berlin zu ziehen, nach bald 20 Jahren nicht mehr die, die mich zum Bleiben bewegen. Trotzdem ist diese Stadt in ihrer quirligen Urbanität für mich immer noch so faszinierend, dass ich mich tagtäglich auch all ihren Unannehmlichkeiten entgegenstemme. 

Da ist zum einen die relative Anonymität, die ich als eine Art Schutz begreife. Als sozialen Puffer. Ich komme aus Süddeutschland – und jene Form der mitunter etwas freundlich-aufdringlichen Distanzlosigkeit, mit der man dort konfrontiert wird, die gibt es hier nicht. Mir genügt es, meine umliegenden Nachbarn zu kennen. und wenn der Briefträger grüßt, bin ich schon erstaunt. Zum anderen lebe ich so zentral, so perfekt angebunden an die Infrastruktur, dass ich dafür in Kauf nehme, dass Berlin laut, dreckig und oft ruppig ist. Man vergisst oft, welche Annehmlichkeiten man hier genießt. Wenn Sie mir nicht glauben, dann versuchen Sie doch einmal zum Beispiel, in Herrenberg nach 20 Uhr eine Flasche Wein zu kaufen.  

Der pragmatische Berliner: Kleine Flucht nach Brandenburg

Von Harry Nutt

Der Ortswechsel nach Berlin war vor bald 40 Jahren nicht das Ergebnis einer abwägenden Wahl, sondern eine Frage der Haltung. Die Ankunft im Berliner Lebensgefühl war aufregend, aber anstrengend. Die erste Wohnung befand sich in einem erbärmlichen Zustand, aber sie war preiswert. Es ging nicht ums Wohlfühlen, Überstehen war alles. Natürlich gab es Kommilitonen, die nach ein paar Semestern entnervt die Segel strichen. Wer länger blieb, entwickelte bald eine Vorstellung von: für immer. Ein befreundeter Chilene antwortete einmal auf die Frage, wie er die Aufnahme in Berlin empfand: „Eigentlich ganz okay, nur die ersten 30 Jahre waren schwer.“

Vielleicht hat es dazu geführt, dass ich mir seit mehr als 15 Jahren den Luxus erlaube, der Stadt nach Laune und Dienstplan den Rücken zu kehren. Meine Frau hat mich irgendwann mit der Idee überfallen, neben der Stadtwohnung eine Ferienwohnung im Umland zu beziehen. Es war eine unserer glücklichsten Entscheidungen. Wir sind nach wie vor überzeugte Berliner, und wir sind mit wachsender Begeisterung Brandenburger. Die daraus erfolgende Pendelbewegung mag ökologisch bedenklich sein, wir aber betrachten sie als Geschenk.

Sie vereint das herausfordernde Tempo der Stadt mit der aufreizenden Langsamkeit und Schönheit des Dörflichen. Das Provinzielle, dem wir als Heranwachsende entflohen sind, erleben wir nun als behagliches Soziotop. Das sollte nicht als Rückzug ins Idyll missverstanden werden. Das Brandenburgische ist nicht gerade arm an Konflikten. Aber während die Fortbewegung im Berliner Nahverkehr schon einmal zu einer sozialen Grenzerfahrung ausarten kann, erfährt man in der Kleinstadt das Gefühl, von den anderen mit zurückhaltend-wohlwollender Aufmerksamkeit bedacht zu werden.

Ich weiß, dass ich eine luxuriöse Position der Unentschiedenheit beschreibe. Sie kostet Zeit und Geld. Was wir erstattet bekommen, ist der unschätzbare Reichtum des permanenten Perspektivwechsels. Und nichts ist für das Überleben in der Stadt wichtiger als die Fähigkeit, es so oder auch ganz anders sehen zu können.

Die genervte Berlinerin: Toleranz? Verwahrlosung!

Von Maritta Tkalec

Berlin ist nichts für zarte Gemüter. Wer es lange aushält in der Stadt, der hat ein dickes Fell. Ich komme aus Bitterfeld, einst als dreckigste und giftigste Stadt Europas bekannt – mich schreckt wenig. Bedeutet das Frieden mit vernachlässigten Schulen, verdreckten Spielplätzen, Parks voller Drogendealer, vermüllten Straßen? Nein! Ich hasse die Ratten auf meinem täglichen Arbeitsweg – am dichtesten liegen sie in allen Verwesungsgraden in einem der ärmsten Quartiere, am Moritzplatz.

Exemplarisch in Kreuzberg, aber nicht nur dort, befasst sich Kommunalpolitik obsessiv mit Gendersternchen, Unisexklos, duldet jahrelange Schulbesetzungen, lässt Menschen in subversiver politischer Absicht auf öffentlichen Plätzen campieren, akzeptiert rechtsfreie Räume und illegale Aktionen, statt am Gemeinwohl zu arbeiten, also an anstrengenden, langweiligen Dingen wie sauberen Straßen und Schülertoiletten. 

Was da unter „Toleranz“ läuft, bedeutet Verwahrlosung. Kampfbereitschaft bricht erst aus, wenn das Monster Gentrifizierung sein Haupt erhebt – also Häuser saniert werden, qualifizierte Menschen mit gutem Einkommen bürgerliche Wünsche entwickeln: spritzenfreie Spielplätze, lernfreundliche Schulen, für gefahrenarm benutzbare Grünanlagen – oder gar Verwaltungen, die selbstverständlich Urkunden oder Pässe ausstellen, Hochzeitstermine vergeben oder Autos registrieren.

Berlin hatte nie den Ruf, ein Platz für Ästheten zu sein. Heinrich Heine gewann 1829 den Eindruck, Berlin sei keine Stadt, sondern nur ein Ort, wo sich Leute versammeln, denen der Ort gleichgültig ist.

Nach Berlin zogen von jeher Leute, die die Stadt für ihre Zwecke gebrauchten – Job finden, geile Jahre verbringen, die spezielle Freiheit genießen, die sich in einem allgemeinen Klima der Gleichgültigkeit entfaltet. Der BVG-Song „Is mir egal“ trifft die Sache durchaus.

1945 kamen Touristen zum Bestaunen der grandiosen Trümmerwüste, nach 1990 die Liebhaber von Ruinenschick im Osten. Das Verrottete, Verranzte, Enthemmte gilt bis heute als Berliner Großattraktion. Steht das unter Schutz? 

Man muss auf alles gefasst sein. Immerhin: Es bleibt spannend. Ein guter Grund für den Versuch, in Berlin alt zu werden.