Berlin/Potsdam - Nach der Schließung der Haasenburg-Heime in Brandenburg fordern Experten eine bessere Heimaufsicht. Die Misshandlungsvorwürfe gegen Erzieher und Betreiber hätten Lücken verdeutlicht, sagte der frühere Jugendstaatssekretär aus Nordrhein-Westfalen, Klaus Schäfer, am Dienstag in Berlin. Mehr als 200 Experten aus ganz Deutschland berieten über Alternativen zu geschlossenen Heimen. «Die Aufsicht muss gesetzlich und personell gestärkt werden», forderte der Erziehungswissenschaftler und Tagungsleiter. Nötig seien zum Beispiel mehr unangemeldete Kontrollen in Heimen. Bislang seien diese nicht vorgesehen.

«Denkbar ist auch eine doppelte Heimaufsicht», so Schäfer. Neben den Landesbehörden solle auch das jeweilige Jugendamt, das einen Bewohner im Rahmen der Jugendhilfe untergebracht habe, die Maßnahmen kontrollieren. «Für mich war es verwunderlich, dass die Jugendämter nicht überprüft haben, ob in den Haasenburg-Heimen vereinbarte Konzepte erfüllt wurden», so der Kölner Professor.

Nach Misshandlungsvorwürfen hatte Brandenburgs Jugendministerin Martina Münch (SPD) Ende 2013 der Haasenburg GmbH die Betriebserlaubnis entziehen lassen. Diese Entscheidung hatte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (OVG) Mitte Mai im Eilverfahren bestätigt. Der Heimbetreiber wiederum weist die Vorwürfe von sich und hat angekündigt, sich weiter juristisch dagegen zu wehren. In den drei Heimen hatten Jugendämter aus ganz Deutschland Kinder und Jugendliche untergebracht. Die Einrichtungen hatten zuletzt 114 Plätze, davon 60 in der geschlossenen Einrichtung.

Die Staatsanwaltschaft Cottbus ermittelt gegen Erzieher und Betreiber in rund 50 Fällen wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen und Körperverletzung. Die ersten drei Anklagen werden laut Behörde in Kürze dem Amtsgericht Lübben zugestellt. 15 Verfahren wurden eingestellt. Zudem prüft die Staatsanwaltschaft, ob die Betreiber falsch abgerechnet haben.

Brandenburgs Jugendministerium hat nach eigenen Angaben inzwischen die Zahl der Stellen in der Heimaufsicht von drei auf fünf erhöht. Zudem werden die Richtlinien für die Heimaufsicht überarbeitet.

Jugendministerin Münch hält eine bundesweit stärkere Zusammenarbeit von Jugendhilfe und -psychiatrie für erforderlich. «Angesichts der zunehmenden Grenzfälle brauchen wir ein komplexes, übergreifendes System», sagte sie. Die von ihrem Ressort initiierte Tagung soll dazu beitragen. Eine von ihr eingesetzte Untersuchungskommission hatte eine «ständige bundesweite Konferenz» empfohlen. «Ich hoffe, wir können einen regelmäßigen Austausch anstoßen», sagte deren Vorsitzender Martin Hoffmann.

Das Bundesjugendministerium sagte Ländern und Kommunen Unterstützung zu. «Wir wollen alles unternehmen, was nötig ist», so Staatssekretär Ralf Kleindiek. Eine Verständigung auf Qualitätsstandards erscheine nötig. Wichtig sei eine sachliche Diskussion.

In der Praxis dagegen wird die Debatte kontrovers und emotional geführt. Das beginne schon bei der Frage, was «schwierige Kinder» ausmache, meinte Pädagoge Christian Schrapper von der Universität Koblenz-Landau. «Wir dürfen sie nicht abschieben in die Nachbardisziplinen Jugendpsychiatrie oder Jugendstrafvollzug.»

Nach Angaben des Deutschen Jugendinstituts in München gibt es nach jüngsten Erhebungen bundesweit knapp etwa 340 geschlossene Plätze in 28 Heimen. Dies konzentrieren sich auf die südlichen Länder, Spitzenreiter ist Bayern mit 126 Plätzen. In fünf Ländern gebe es kein entsprechendes Angebot. Die Wartelisten für einen Platz seien lang, schilderte Sabrina Hoops vom Deutschen Jugendinstitut München. Die Kosten für einen Platz lägen pro Tag zwischen 300 bis 450 Euro. (dpa/bb)