82 und sicherlich noch nicht bereit, in Rente zu gehen:  Tenor René Kollo.
Foto: Christian Schulz

BerlinEs gibt deutlich grausamere Corona-Schicksale als das des Tenors René Kollo. Der hatte auch 2019, wie jedes Jahr, Weihnachten auf seiner Finca auf Mallorca verbracht. „Ich bin dann sechs Monate nicht mehr rausgekommen.“ Er lacht: „Wir waren interniert auf höchstem Niveau. Der einzige Fehler: Ich musste ich jeden Abend selber kochen, weil die Restaurants zu waren.“ Als Corona-Spätfolge wird im Herbst ein Bändchen mit Gedichten des 82-Jährigen erscheinen.

Sein gerade erschienenes Album „Meine große Liebe“ war allerdings schon vor der Pandemie fertig. Die CD ist, der Sänger gibt es unumwunden zu, ein Anti-Langeweile-Projekt: „Was soll ich zu Hause sitzen? Das kann ich nicht! Ich bin seit über 60 Jahren unterwegs, stehe auf der Bühne. Da geht man nicht einfach nach Hause!“ Also erinnerte er sich an eine alte Flamme, der er viel zu verdanken hat. „Ich kam also auf die Idee, Mary Lou zu danken, für alles das, was sie für mich getan hat.“ Sein Leben als Zwanzigjähriger, bevor diese Mary Lou alles umkrempelte, umschreibt Kollo so: „Ich hatte ein kleines Zimmer in der Nestorstraße gemietet. Mit dem Geld, das ich mir am Wochenende mit Tanzmusik ersungen habe, kam ich einigermaßen über die Woche. Ich wusste bloß nicht, wohin ich wollte, wohin die Reise gehen sollte.“ Das Angebot, das Lied „Hello Mary Lou“ für eine Schallplatte einzusingen, versprach „ein paar Flocken extra“, brachte aber viel mehr: „Das wurde ein hübscher Erfolg. Damit war ich plötzlich auf allen Tourneen von Max Greger dabei und mit Zarah Leander zwei Monate auf ihrer Abschiedstour. Ich verdiente Geld, hatte ein schönes Auto, eine schöne Wohnung.“

René Kollo, als Sohn von Willi Kollo („Solang noch Untern Linden“) und Enkel von Walter Kollo („Wie einst im Mai“) der Spross einer Berliner Musikerdynastie, verwendete einen Teil des Geldes klug für Schauspiel- und Gesangsunterricht. Diese Mary Lou ermöglichte ihrem Sänger also seine späteren Erfolge als Wagner-Tenor.

Er ist ihr deshalb aus tiefem Herzen dankbar. Und ärgert sich, weil Dankbarkeit heute im Leben vieler Menschen keine große Rolle mehr spielt: „Ich habe zehn Freunden die CD geschickt. Keiner hat angerufen und Danke gesagt. Früher hat man sich bedankt, wenn man etwas geschenkt bekommen hat. Das musste einem noch nicht mal gefallen, man hat trotzdem Danke gesagt. Nichts von all diesen Freunden. Die habe ich jetzt abgeschafft. So was brauche ich nicht!“

Auf dem neuen Album gibt es eine wilde Mischung von Popsongs, darunter Lieder, die Udo Jürgens, DJ Ötzi und Reinhard Mey bekannt gemacht haben. Zu seinen Auswahlkriterien sagt Kollo: „Bei mir ist immer wichtig, dass es ein guter Text ist, der Poesie hat. Mit einer guten Musik zusammen. ‚Weil ich dich liebe‘ von Westernhagen ist ein wunderbares Lied. Und ‚Über sieben Brücken‘ von Karat ist ein super Lied, mit einem eigentlich buddhistischen Text.“

Wer Kollo noch aus seiner Zeit als Wagner-Tenor kennt, der wundert sich über den schmalen Herrn von heute: „Wenn man die Meistersinger oder Tristan singt, dann frisst man den ganzen Tag, weil man Kraft braucht.“ Das ist vorbei: „Ich lasse im Moment meine Anzüge in der Kantstraße bei einer Schneiderin auf Taille ändern.“

Falls ihm Mary Lou demnächst begegnen sollte und Vorwürfe macht, warum er sich so lange nicht gemeldet hat, wird sich Kollo mit Wagner entschuldigen: „Wenn man mit Isolde zusammen ist, kann man sich bei Mary Lou nicht melden. Jetzt habe ich keine Isolde mehr, jetzt melde ich mich wieder bei ihr. Damit muss sie einfach zufrieden sein.“