BLZ/Galanty; Quelle: BVG 

BerlinEs ist schon ziemlich lange her, dass das Berliner Straßenbahnnetz erweitert wurde. 2015 wurde in der Invalidenstraße in Mitte eine neue Verbindung in Betrieb genommen, dann war erst einmal Schluss. Doch nun geht der Netzausbau endlich weiter. In wenigen Tagen wird im Südosten Berlins der Spatenstich für die Neubaustrecke gefeiert, die Schöneweide mit der Wissenschaftsstadt Adlershof verbinden wird. „Am Montag um 14.30 Uhr ist es so weit“, sagt Oliver Igel, Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick. „Ein enorm wichtiges Projekt“, so der SPD-Politiker – und voraussichtlich die einzige neue Straßenbahnstrecke, die unter der jetzigen rot-rot-grünen Koalition fertig gestellt wird.

Dem gebürtigen Köpenicker liegt die Straßenbahn am Herzen. „Die schönste Strecke Berlins, auf der die 68 von Grünau nach Schmöckwitz fährt, liegt in unserem Bezirk“, bemerkt Igel. Entlang der Verbindung mit dem Arbeitstitel Adlershof II, deren Baubeginn am 18. Mai gefeiert wird, gebe es ebenfalls unbebaute Bereiche. Doch der 42-Jährige erwartet, dass sie nicht mehr lange unbebaut bleiben. Das Gebiet rund um den Groß-Berliner Damm werde seinen Charakter verändern – wozu auch die Straßenbahntrasse beiträgt, auf der im kommendem Jahr im dritten Quartal der Betrieb starten soll.

„Die Nachfrage nach den Grundstücken ist groß“, berichtet Igel. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dort ebenfalls gebaut wird.“ Über 25.000 Menschen arbeiten und studieren in der Wissenschaftsstadt Adlershof, einem der größten Technologieparks in Europa. „Es entstehen auch immer mehr Wohnhäuser“, so der Bezirkspolitiker.

Die Haltestelle Groß-Berliner Damm/ Hermann-Dorner-Allee.
Simulation: Renderwerke

Nicht jeder Anlieger begrüßt die geplante Strecke, auf der Bahnen mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde unterwegs sein werden – auch nachts.  Planer entgegnen, dass Rasengleise und deren elastische Lagerung Lärm und Erschütterungen dämpfen.  

Auf jeden Fall wird der rund 2,6 Kilometer lange Straßenbahn-Lückenschluss zwischen der Karl-Ziegler-Straße und dem Sterndamm den Fahrgästen viele neue Verbindungen bescheren. Drei Linien werden dort verkehren: die M17, 61 und 63. Im Bahnhof Schöneweide, wo die Tram den Bahndamm in einer Unterführung queren wird, hält nicht nur die S-Bahn. Regionalzüge fahren dort ebenfalls ab – ab 2022 auch zum Flughafen BER. So gehen die Planer der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) davon aus, dass auf dem am stärksten genutzten Neubauabschnitt pro Tag mehr als 12.000 Fahrgäste unterwegs sein werden. Zum Vergleich: Die Busse, die auf dem Groß-Berliner Damm fahren, wurden 2016 täglich von bis zu 1300 Menschen genutzt.

Mit etwas mehr als sechs Millionen Euro pro Kilometer ist Adlershof II ein relativ preiswertes Verkehrsbauvorhaben – der Lückenschluss bei der U 5 in Mitte kostet dagegen 40 Mal so viel. Gutachter errechneten, dass der Nutzen des von der Europäischen Union geförderten Straßenbahnprojekts drei Mal so hoch ist wie die Kosten. „Das ist in Berlin der mit Abstand höchste Wert für so ein Vorhaben“, hieß es im Senat.

Straßenbahnen gelten als effizient. Trotzdem kommt die Netzerweiterung in Berlin nur langsam voran. Lange Zeit hatte der Senat kaum Planer (inzwischen sind es acht), verschärfte Umweltanforderungen machen Planen und Bauen immer komplizierter.

Der Streckenbau am Groß-Berliner Damm sollte ursprünglich schon 2015 beginnen. Auch die jetzige Strecke in die Wissenschaftsstadt hatte Verspätung. Anfangs sollte sie 1999 eröffnet werden.  Aber dann stoppte der damalige Stadtentwicklungssenator 2001 Peter Strieder (SPD) das Projekt – es werde nicht gebraucht, gab er zu bedenken. Erst 2007 ging der Bau los, vier Jahre später rollte die erste Straßenbahn über die Rudower Chaussee.

„Auch wir würden uns wünschen, dass schneller geplant würde“, fasst Bezirksbürgermeister Igel zusammen. „Es ist schade, dass Adlershof II wahrscheinlich die einzige Neubaustrecke sein wird, die während dieser Wahlperiode eröffnet werden kann.“  

Im Januar hieß es, das nächste Tramprojekt, die Strecke Hauptbahnhof–Turmstraße, solle Ende 2021 fertig werden. Dort dauerte das Planfeststellungsverfahren jedoch länger als geplant, da Unterlagen überarbeitet und erneut ausgelegt werden mussten.

Für die Strecke zum Ostkreuz, dem wichtigsten Bahnknoten im Osten Berlins, wird für Anfang 2022 gerechnet. Hier hatten viele Anlieger Widerspruch eingelegt. Auch sie befürchten Lärm, außerdem sind sie dagegen, dass mehr als hundert Parkplätze wegfallen sollen. Die Straßenbahn ist nicht überall willkommen.