Ein kurzer Streit - und schon wird zur scharfen Klinge gegriffen. Die Zahl der Messerangriffe in Berlin hat zugenommen. Am Sonnabend wurden in nur elf Stunden fünf Männer mit zum Teil lebensbedrohlichen Stichverletzungen in Krankenhäuser eingeliefert. Die Taten sind nach Angaben eines Ermittlers symptomatisch für das brutale Verhalten bei Auseinandersetzungen. "Messer sitzen heutzutage viel zu locker. Bei jeder kleinsten Schlägerei werden sie eingesetzt", erklärte ein Ermittler der Berliner Zeitung. Dabei schrecken die Täter auch nicht vor Zeugen zurück.

Die meisten Messerangriffe passieren in der Öffentlichkeit.

Am Abend gipfelte in Spandau ein Streit in einer Messerstecherei. Zwei Männer mit Stich- und Schnittwunden wurden etwa zur gleichen Zeit in zwei unterschiedliche Krankenhäuser gebracht. Die Polizei vermutet, dass sie kurz zuvor im Bereich der Daumstraße / Ecke Goldbeckweg aufeinander eingestochen hatten. Gegen 20.50 Uhr wurde ein 42-jähriger Berliner in die Notaufnahme einer Spandauer Klinik gebracht. "Weil viele Bekannte und Verwandte des 42-Jährigen zum Krankenhaus eilten, musste der Haupteingangsbereich des Krankenhauses und die Rettungsstelle für mehr als zwei Stunden gesperrt werden", erklärte ein Polizeisprecher am Sonntag. Ermittler vermuten, dass der Mann einem kriminellen Umfeld zuzuorden ist. Zu einem der großen kriminellen Clans gehöre er aber nicht, heißt es aus Polizeikreisen. Gegenüber der Polizei schweigt der Mann. Auch der zweite Schwerverletzte wollte sich gegenüber den Beamten nicht äußern. Der 31-Jährige war um kurz vor 21 Uhr in ein Krankenhaus in Westend aufgenommen worden.

29-Jähriger im Wedding niedergestochen

Auf einem Flohmarkt in Wedding hatte beispielsweise ein Unbekannter am Sonnabendvormittag eine spitze Klinge in seinen Kontrahenten gerammt, obwohl er von Zeugen umringt war. Zu der Tat kam es um 10.15 Uhr am Leopoldplatz. Zeugen berichteten, dass es kurz zuvor einen lauten Wortwechsel gegeben haben soll. Dann habe der Täter zugestochen und sei weggelaufen. Das 29 Jahre alte Opfer erlitt eine tiefe Stichwunde am Hals. Er rannte dem Täter noch wenige Meter hinterher. Dann brach er blutüberströmt zusammen. Eine Notoperation rettete dem Mann das Leben, heißt es bei der Polizei. Eine Mordkommission übernahm die Ermittlungen. Unklar sei bisher, was der Auslöser der Tat war.

Streit im Görlitzer Park eskaliert

Etwa vier Stunden kam es zu erneuter Messerstecherei im Görlitzer Park. Erst vier Tage zuvor war dort ein Streit zwischen zwei mutmaßlichen Drogenhändlern eskaliert. Ein 20-Jähriger hatte sich mit einem 18-Jährigen gestritten, woraufhin der Ältere ein Messer zog und dem 18-Jährigen in den Oberkörper stach. Am Sonnabend kam es zu einer erneuten Messerattacke in der Grünanlage. Nach Angaben der Polizei stach um 16.10 Uhr ein 20 Jahre alter Mann aus Gambia auf einen 22-jährigen Marokkaner und einen 23-jährigen Algerier ein. Beide Nordafrikaner erlitten Stichwunden an den Armen und Beinen. Aufgebrachte Zeugen hielten den mutmaßlichen Messerstecher anschließend fest. Als der Festgehaltene auf einer Bank Platz nahm, trat plötzlich ein 22-Jähriger an ihn heran und warf ihm aus kurzer Distanz einen Kleinpflasterstein in das Gesicht. Dadurch erlitt er eine Platzwunde an der Lippe und verlor einen Zahn. Beide wurden festgenommen.

Sieben Messerangriffe pro Tag

Der schnelle Griff zum Messer sei laut Polizisten ein Trend, der sich mittlerweile auch in den Zahlen der Berliner Kriminalstatistik niederschlägt. In der Hauptstadt kommt es demnach siebenmal am Tag zu einer Messerattacke. 2017 wurden bei mehr als 2.737 Straftaten ein Messer benutzt, also 200 Mal öfter als im Jahr zuvor. In 560 Fällen waren die Tatverdächtigen unter 21 Jahre alt. In 80 Fällen waren Kinder unter den mutmaßlichen Tätern. Das geht aus einer Antwort der Innenverwaltung auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp hervor.

Laut Trapp seien die Zahlen erschreckend. Er fordert, dass an Berliner Schulen mehr Präventionsarbeit stattfinden müsse. Außerdem sollten Messerangriffe als Tötungsversuche und nicht nur als gefährliche Körperverletzung eingestuft werden, so Trapp. Ein Stich in den Oberschenkel sei lebensgefährlich, wenn er die Arterie träfe.