Sarah Wiener schließt ihre Kaffeehäuser in Berlin, hier das Museumscafé im Hamburger Bahnhof.
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Berlin„Allein ins Bistro zu gehen“, schreibt der französische Ethnologe Marc Augé in seiner berückenden Liebeserklärung an das gleichnamige Pariser Etablissement, „war in meiner Jugend eines der ersten Zeichen von Unabhängigkeit, in denen sich das nahende Erwachsenenalter ankündigte.“ (Marc Augé: „Das Pariser Bistro“, Verlag Matthes & Seitz)

Der Eintritt in die Welt des Bistros hatte für den Autor, der sich später intensiv den sogenannten Nicht-Orten wie Einkaufspassagen, Flughäfen und Transiträumen aller Art widmete, etwas Verbotenes und zugleich Verlockendes – allein wohl schon deshalb, weil dort Alkohol ausgeschenkt wurde. Der Schritt über die Schwelle signalisierte die Eroberung eines halböffentlichen Raumes, der, wenn man öfter kam, bald zu etwas Vertrautem wurde.

Es war das Gegenteil des einengenden Zuhauses, das man verlassen musste, um in unbekannte Welten gleich um die Ecke zu gelangen. Aber wenn man als Heranwachsender erst einmal unterwegs war, wurde, was eben noch fremd und verunsichernd wirkte, bald zu einem liebgewonnenen Refugium, das man allein schon deshalb genoss, weil man es ganz allein für sich erobert hatte. Kein Problem, es mit Freunden zu erkunden. Nachhaltiger aber war die allein gemachte Entdeckung. Der öffentliche Raum wurde dann zum zweiten Zuhause, die anderen waren darin wie eine Kulisse, in der man sich mühelos und sicher wie in der eigenen Einrichtung bewegt.

Der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg (1859–1919), dem als jungem Menschen ärztlicherseits eine Überempfindlichkeit des Nervensystems attestiert wurde und fortan auferlegt war, jede Anstrengung zu meiden, gilt wie kaum jemand sonst als Kaffeehausliterat. Aus einem kleinen, treffenden Text geht recht gut hervor, warum: „Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene --- ins Kaffeehaus (…) Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus --- ins Kaffeehaus.“ Der so besungene Ort wird zum Lösungsangebot für alle Fragen und Probleme, gleichgültig ob sie zielführend sind oder nur Ablenkung. „Du findest Keine, die zu dir passt --- Kaffeehaus. (…) Du hasst und verachtest Menschen und kannst sie dennoch nicht missen --- Kaffeehaus.“ Die Möglichkeit, unter anderen für sich zu sein, gehört seit jeher zu den Vorzügen jenes Ortes, an dem man sich seine Wünsche zumindest in kulinarischer Hinsicht erfüllen kann – und sei es auch nur in Form eines doppelten Espresso.

Die Lage ist ernst

Die Selbstverständlichkeit dieses doch so zugänglichen Rückzugsortes ist jedoch dahin, und das nicht erst, seit die Köchin und Gastronomin Sarah Wiener mit der Bekanntgabe der Insolvenz ihres Unternehmens deutlich gemacht hat, wie ernst die Lage ist. Längst trifft es auch die medialen Lichtgestalten, die stets doch den Eindruck vermittelten, dass es für sie kein Scheitern gäbe. Fernsehkoch Tim Mälzer brach angesichts der zugespitzten Lage kürzlich vor der Kamera in Tränen aus. Corona frisst kulturelle Gelegenheitsräume, deren Zweck darin bestand, einen freien Platz zu gewähren. Nicht allen Cafés ist das in der gebotenen Gemütlichkeit gelungen, aber von den meisten Betreibern darf man annehmen, dass sie sich doch bemüht haben.

Wenn hier von Abschied, Niedergang und Verschwinden die Rede ist, dann ist das natürlich eine Übertreibung, die direkt aus einer launigen Kaffeehausrunde stammen könnte, wo man die Stimme bisweilen heben muss, um sich Gehör zu verschaffen. Cafés werden wieder öffnen, und viele werden die Ausgangsbeschränkungen der Corona-Zeit überleben. In die Defensive geraten aber ist die naheliegendste Form der Begegnung, das Schnell-mal-weg auf einen Kaffee. Wo eigens Verabredungen getroffen werden müssen, mangelt es an der Beiläufigkeit, die dem Ort wesentlich ist. Ein Kaffeehausliterat wie Peter Altenberg inszenierte sich dazu in der ganzen Unvermeidlichkeit und Überflüssigkeit seines Daseins.

Natürlich ist Corona nicht an allem schuld. Cafébetreiber wussten auch schon vorher ein Klagelied über Kunden zu singen, die die attraktivsten Plätze im Lokal besetzen und sich stundenlang an einem Warmgetränk festhalten, das den Namen schon nach kurzer Zeit nicht mehr verdient. Der Traum vom eigenen Café bezieht sich auf die Vorstellung einer geselligen Daseinsform, als es unternehmerisch noch aufzugehen schien, die anderen mit Getränken und kleinen Süßspeisen zu erfreuen. Tatsächlich aber ist insbesondere in den urbanen Zentren die Erwartung auf ein paar schöne Stunden bei geringen Preisen in ein schweres Missverhältnis zu hohen Pacht- und Betriebskosten geraten. Vom Ausschank allein kann niemand mehr leben, wenn man bedenkt, wer alles mitverdient am Gefühl sanft durch die Kehle rinnender Säfte: das Finanzamt, die Gema, der Steuerberater, der Hersteller verpflichtend zu verwendender elektronischer Kassen, das Bezirksamt, das das Recht gewährt, Stühle und Tische aufs Trottoir zu stellen. Und dann ist die Rechnung für die Kaffeebohne noch gar nicht beglichen …

Der öffentliche Raum ist dabei, seine Gewöhnlichkeit zu verlieren. Corona macht uns zu flüchtigen Passanten, und die digitalen Gerätschaften machen uns glauben, dass es auch ohne geht.